Patentes
Patentes
Montag • 11:30
24.3.2003
Dreharbeiten im Dünndarm – Kapselendoskopie
Stephanie Kowalewski

Die Idee von einer phantastischen Reise im Mini-U-Boot durch den menschlichen Körper begeistert Filmregisseure und Forscher gleichermaßen. Damit das kein schöner Traum bleibt, haben israelische Forscher eine kleine Videokamera entwickelt, die ihre Reise in der Mundhöhle beginnt, die Speiseröhre und den Magen passiert und nach etwa anderthalb Stunden im Dünndarm ankommt. Und genau da soll sie auch hin:

Die Kapsel ist ein Wunderinstrument von dem wir eigentlich vor zehn Jahren gedacht hätten, es ist etwas für einen Zukunftsfilm.

Die von israelischen Forschern entwickelte Hightech-Kapsel ist nur etwa elf mal 26 Millimeter groß und doch ein riesiger Fortschritt in der Medizin, sagt Professor Wolff Schmiegel, Direktor der Medizinischen Universitätsklinik Knappschaftskrankenhaus Bochum. Denn erstmals erhalten die Mediziner jetzt einen gestochen scharfen und obendrein farbigen Einblick in die meterlangen Windungen des Dünndarms.

Wir haben elegante Möglichkeiten Speiseröhre, Magen und Dickdarm zu untersuchen aber diese 6-8 Meter Dünndarm sind eine lange, lange Wegstrecke. Wir konnten das bislang mit Röntgenkontrastmittelverfahren darstellen, wir konnten es mit langen Endoskopen darstellen... aber Bilder in einer derartigen Präzision - und das mit einem Verfahren, bei dem der Patient die Kapsel schluckt und dann spazieren gehen kann, er muss ja nicht im Bett liegen, er merkt nichts davon, die Kapsel wandert heimlich durch den Darm durch - ist für uns schon ein enormer Fortschritt.

Ein Fortschritt, der den Patienten unangenehme Untersuchungen und belastende Röntgenstrahlen ersparen kann. Die kleine Kapsel wird besonders bei Patienten eingesetzt, die über ständiges Bauchweh klagen, Durchfall haben oder die, wie Karl-Heinz Jentges aus Krefeld, innere Blutungen aufweisen, für die es bisher keinen erklärbaren Grund gibt. Irgendwo in seinem Körper verliert der Rentner den lebenswichtigen Saft. Um herauszufinden, wo genau das geschieht, machten sich die Ärzte mit der Kapselendoskopie ein Bild von seinem Inneren.

Mit etwas Wasser wurde die Kapsel runter geschluckt .... und die macht dann - ich weiß nicht wieviel Aufnahmen pro Sekunde - und das wird dann über Funk in dieses Gerät, was man umgeschnallt hat, übertragen. Und das ist im Grunde genommen schon alles.

Und genauso einfach und unkompliziert, wie es sich anhört, ist es auch. Die Kapsel ist gerade mal so groß wie eine Antibiotika-Tablette. In ihr befindet sich eine Chip-Kamera mit Weitwinkel, Zoom und Blitzlicht, eine Batterie, Leuchtdioden, eine Antenne und ein Sender. Das alles schluckt Karl-Heinz Jentges runter und die Dreharbeiten in seinem Dünndarm beginnen.

Man merkt absolut gar nichts davon. Absolut nichts.

Etwa acht Stunden lang wandert die Kapsel durch seinen Körper und nimmt dabei rund 60.000 Bilder auf. Die werden über den Sender und kleine Elektroden an der Bauchdecke des Patienten an ein kleines Aufnahmegerät weitergeleitet, das er wie einen Walkman an seinem Gürtel trägt. Karl-Heinz Jentges ist von der neuen Untersuchungsmethode begeistert.

Die Vorteile waren eben....dass es schmerzfrei ist, vollkommen schmerzfrei, unkompliziert. Man bekommt den Apparat angelegt, am nächsten Tag gibt man ihn zurück und alles ist erledigt. Keine Nebenwirkungen, absolut nicht.

Der kleine Spion wird dann einfach beim nächsten Stuhlgang ausgeschieden. Für den Patienten ist die Untersuchung damit abgeschlossen und für die Minikamera auch, denn sie kann aus hygienischen und technischen Gründen nicht nocheinmal verwendet werden. Für den Arzt fängt die Arbeit allerdings jetzt erst richtig an. Denn die gesammelten Daten werden nun auf einen Computer übertragen und der Mediziner kann die Reise der Kapsel auf dem Bildschirm nachvollziehen. Auf diesen hoch auflösenden Farbaufnahmen sind selbst kleinste Veränderungen der Darmschleimhaut erkennbar schwärmt Professor Schmiegel.

Und überall da, wo Auffälligkeiten sind, hält man an und kann die Bilder vor- und zurücklaufen lassen, um Detailinformationen zu erkennen. Diese Auswertung dauert ungefähr 60 bis 90 Minuten pro Patient. Das ist anstrengende Bildschirmarbeit für Ärzte, aber schneller geht's leider nicht. Das sind immerhin sechs bis acht Meter Darmlänge auf denen diese 60.000 Bilder gewonnen werden.

Wolff Schmiegel leitet derzeit eine von der Deutschen Krebshilfe mit fast 250.000 Euro unterstützte Studie, die den Stellenwert der Kapselendoskopie gegenüber anderen etablierten Untersuchungsmethoden beim so genannten "familiären Dünndarmkrebs" untersucht. Das Risiko, an Dünndarmkrebs zu erkranken ist - im Vergleich zum Dickdarmkrebs - gering, denn es sind nur Menschen mit einer erblichen Veranlagung gefährdet. Professor Schmiegel ist überzeugt, dass die Videokapsel erhebliche Vorteile hat:

Für die Patienten ist es eine Untersuchung, die sie nicht belastet, die zusätzliche Information zu dem Vorliegen einer möglichen Erkrankung oder - und das ist auch wichtig - zum Ausschluß einer Krankheit, die man vermutet hatte, liefern kann. Das sind Dinge, die ganz eindeutig für diese Untersuchung sprechen.

Zumal die Kapselendoskopie auch Dünndarmerkrankungen bei Patienten aufdeckt, deren Röntgenaufnahmen scheinbar normal sind. Bei Karl-Heinz Jentges wurde übrigens festgestellt, dass sein Dünndarm völlig gesund ist. Auch wenn die Ursache für seine Blutungen noch nicht gefunden ist, freut er sich über das Ergebnis:

Man ist ja froh, wenn man nichts findet.

Hauptproblem bei dieser Form der Endoskopie ist der hohe Preis von 550 Euro für eine Kapsel, die ja nur ein einziges Mal verwendet werden kann. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten nur in Ausnahmefällen. Für die Dickdarmkrebsvorsorge ist die Kapsel derzeit übrigens noch nicht geeignet, denn der Dickdarm ist wegen seiner vielen Kammern in denen sich der Winzling verirren könnte, noch tabu.

Aber wir wissen nicht, vielleicht lernt irgendwann die Kapsel auch selber zu laufen oder dass man die Kapsel von außen manipulieren kann, d.h. steuern kann. Dann wird vielleicht auch der Dickdarm zugänglich. Ich hab auch die ersten Prototypen schon gesehen.... und schon die jetzige Kapselendoskopie macht uns ja deutlich, dass science fiction die Realität von morgen ist.

Link: Medizinische Universitätsklinik Bochum
-> Patentes
-> weitere Beiträge