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Montag • 11:30
28.4.2003
Die Hörbrille
Stephanie Kowalewski

Würden sie freiwillig drei Wochen lang mit zugeklebten Augen leben? In Düsseldorf haben das jetzt drei junge Leute gemacht. Sie waren Versuchspersonen in einem außergewöhnlichen Experiment an der Heinrich-Heine-Universität, bei dem es um die Frage ging, kann ein Blinder mit den Ohren sehen lernen.

Unglaublich. Also es ist unglaublich, dass das alle durchgehalten haben. Ich bin total begeistert von meinen Versuchspersonen.

Die Professorin für Experimentelle Psychologie an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, Petra Stoerig, hat den fünf Versuchspersonen tatsächlich einiges abverlangt: Drei von ihnen lebten drei Wochen lang mit verbundenen Augen. Die anderen beiden behielten - zum Vergleich - die Augen offen. Mindestens einer aus jeder Gruppe trug eine große Sonnenbrille.

Die Brille enthält verborgen eine kleine digitale Videokamera, die das Bild vom Kopf aus aufnimmt und deswegen auch mit der Kopfbewegung mitgeht. Dieses Bild wird über ein Kabel auf einen Computer geleitet, ein kleines Subnotebook, was man mit sich herumführen muss und wird dort übersetzt in ein akustisches Signal. Und dieses akustische Signal wird dann wieder über Kopfhörer zur Verfügung gestellt, der Versuchsperson. Das heißt, die hört das, was die Kamera sieht.

Das außergewöhnliche Experiment soll zeigen, wie gut und schnell Blinde diese Töne verstehen und nutzen lernen können. Die meisten Hilfsmittel für Blinde bemühen sich die Folgen der Blindheit auszugleichen. Die Hörbrille hingegen will den fehlenden Sinn ersetzen. Nach dem Motto: Hören statt Sehen.

Wenn das geht, ist das eine solche Sensation, denn alle Bemühungen sonst sind immer invasiv, immer muss man sich massiven Eingriffen unterziehen, die keinen wirklichen Ersatz des Sinnes erzeugen - mit einigen Ausnahmen aber es einfach auf diesem nicht-invasiven, äußeren Weg zu machen, wenn das funktionieren würde, das wäre umwerfend.

Um herauszufinden wie gut verständlich die visuellen Töne sind, werden den Versuchspersonen regelmäßig Geräusche vorgespielt, erklärt Daniela Brinkmann, die freiwillig drei Wochen lang mit verbundenen Augen lebte.

Und zwar werden mir Geräusche vorgespielt, die ich zuordnen muss, zu geometrischen Figuren, natürlichen Situationen - einem Auto zum Beispiel und Geräuschen die natürlichen Ursprungs sind, also real sind, wie ein Hund der bellt meinetwegen. Und da wird dann gemessen, wie ich die wahrnehme, was die für Auswirkungen auf meine Gehirnwellen haben.

Per Kernspintomographie wird gemessen, wie das Gehirn auf die Klänge reagiert. Natürlichen, vertrauten Geräuschen werden sofort Bilder und Bedeutungen zugeordnet. Das Gehirn reagiert hier nach einem bestimmten Muster. In dem Versuch ging es jetzt um das Verhalten des Gehirns bei Klängen, die nicht automatisch mit einem natürlichen Gegenstand in Verbindung gebracht werden, erklärt die Leiterin des Versuchs, Petra Stoerig.

Und erwarten würde man, dass die Geräusche zuerst relativ sinnlos sind aber das im Laufe der Zeit möglicherweise es schon so sein wird, dass da tatsächlich mehr und mehr Sinn herauslesbar ist und dass das Gehirn deswegen anfängt, andere Aktivierungsmuster zu machen, weil es tatsächlich anfängt zu verstehen, da ist eine große weiße Kanne auf einem schwarzen Tisch.

Das zu erkennen ist spannend und anstrengend, sagt Miriam Wingen, die die Hörbrille als sehende Versuchsperson getestet hat.

Man muss sich das wie ein intensives Pauken von Vokabeln vorstellen, wie ein Einhämmern ins Gehirn letztlich. Und nach den drei, vier Stunden reicht es dann auch.

Die Töne sind sehr gewöhnungsbedürftig. Sie wirken künstlich und haben nichts mit natürlichen Umweltgeräuschen gemeinsam. Und genau so soll es auch sein, denn der Hörbrillenträger kann dadurch die akustischen Informationen der Brille sicher von einem Autohupen oder Ampelsurren abgrenzen. Die scheinbar wirren Töne der Brille folgen einem eindeutigen Prinzip, erklärt Miriam Wingen.

Der Ton beginnt am linken Ohr und läuft nach rechts rüber. Dadurch kann ich ausmachen, ob etwas auf 13 Uhr vor mir ist oder mehr auf elf Uhr. Dann gibt es noch die Beschreibungsebene der Lautstärke. Je lauter etwas ist desto heller ist der Gegenstand den ich sehe. Und als dritten Aspekt gibt es noch die Tonhöhe. Je höher der Ton desto höher befindet sich das Objekt auf der vertikalen Achse.

Die Signale der Brille sind um so deutlicher, je einfacher der Gegenstand ist, der betrachtet wird. Deshalb versuchen die Probanden zunächst schwarz-weiße geometrische Formen zu erkennen. Für Jan-Carlo Portillio und die anderen Versuchspersonen war das kein Problem.

Man kann mit dieser Hörbrille sehr leicht diese Grundformen Quadrat, Kreis, Dreieck von einander unterscheiden. Daraus muss man sich dann ...selber ein Bild konstruieren im Kopf.

Doch selbst wenn sich geometrische Formen mit etwas Übung relativ leicht erhören lassen, hört es bei den meisten Probanden im normalen Alltag mit der akustischen Orientierung meist recht schnell auf. Denn je komplexer eine Szene ist, desto schwieriger wird die Interpretation der Töne, weiß Miriam Wingen.

Ganz prägnantes Erlebnis hatte ich da mit einem Kissen das vor mir auf dem Tisch lag. Und das hat, wenn man ...frontal drauf guckt ja wie so eine Halbkreisform, weil es ja in der Mitte dicker ist. Wenn man aber von oben drauf guckt ist es ja viereckig. Und ich hab beide Formen ganz klar gehört, ich hab es aber nicht zusammen bekommen, also aus rund und eckig einen vernünftigen Gegenstand der realen Welt zu kreieren.

Auch wenn die Auswertung der Hirndaten noch einige Zeit brauchen wird, steht für Petra Stoerig schon jetzt fest, dass die Hörbrille blinden Menschen eine große Hilfe sein kann. Deshalb plant sie eine zweite Versuchsreihe, diesmal mit blinden Probanden. Vielleicht sogar mit blinden Kindern, denn jede Sprache - auch die der Hörbrille - lernt sich leichter, wenn man jung ist.
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