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Montag • 11:30
2.6.2003
Wasserbett für Ferkel
Arndt Reuning

Mit rein wissenschaftlichen Schweinereien befasst man sich am Oberen Hardthof, dem landwirtschaftlichen Lehr- und Zuchtbetrieb der Universität Gießen. Der Agrartechniker Dieter Albrecht verwöhnt dort die neugeborenen Ferkel auf eine ganz besondere Weise: Er platziert sie auf einem komfortablen, warmen Wasserbett.

Die Ferkel sollen sich ja wohlfühlen. Und nur ein Tier, was sich wohlfühlt, bringt auch Leistung. Und nur ein Tier, was sich wohlfühlt, ist auch gesund. Iss genau wie beim Menschen: Wenn ich mich nicht wohl fühl', dann klappt alles nicht so richtig.

Besonders wichtig ist das Wohlbefinden der Ferkel in den ersten Stunden nach der Geburt. Nackt und runzelig, ohne schützende Fettschicht gleiten sie aus dem warmen Körper der Muttersau auf den kalten Stallboden. Dabei erleiden sie geradezu einen kleinen Temperaturschock. Ihre Körpertemperatur sinkt um einige Grad ab.

Auf Eisbein stehen die Ferkel aber nicht. Ein Schweinezüchter muss den Nachwuchs von Anfang an schön warm halten. Sonst könnte die gesamte weitere Entwicklung der Ferkel gehemmt werden. Das Muttertier hingegen hat es lieber etwas kühler. Um es beiden recht zu machen, baumelt in vielen Ferkelställen eine Wärmelampe von der Decke. Unter ihrem Infrarotschein versammelt sich der minderjährige Sauhaufen im sogenannten Ferkelnest. Das Wasserbett stellt eine nützliche Ergänzung zur herkömmlichen Wärmelampe dar. Dr. Martin Ziron hat die Wasserbetten am Institut für Tierzucht und Haustiergenetik der Universität Gießen entwickelt.

Der ganz große Vorteil von diesen Wasserbetten ist der: über siebzig Prozent der Landwirte in Hessen z.B. haben Strahlungsheizung im Einsatz, und es weiß jeder: 'ne Strahlungsheizung, ein Lichtkegel, der hat im Zentrum ein sehr warmes Feld, und nach außen hin nimmt die Temperatur stark ab. Und durch das Wasser in dem Wasserbett haben wir eine sehr gleichmäßige Wärmeverteilung. Auch durch die Aktivität der Ferkel, wenn sie sich drauflegen und sich bewegen, dann wird das ganze Wasser ja ständig verteilt.

Das Wasserbett bietet maximal zwanzig Ferkeln Platz und gleicht eher einer überdimensionalen Wärmflasche: Ein stabiler, faserverstärkter Plastiksack, der mit Wasser befüllt wird. Robust muss er sein, damit die junge Schweinebande auch mal so richtig die Sau rauslassen kann. Beheizt wird das Wasserbett wiederum mit einer Wärmelampe. Eine Wärmeisolierung an der Unterseite schirmt es gegen den kalten Betonfußboden ab. So fühlen sich die jungen Schweinchen sauwohl. Weil der Betonfußboden aber auch oft sehr rau ist, erfüllt das Wasserbett noch eine zweite Funktion.

Wir haben zum einen nun 'ne Reduzierung der Gelenkverletzung. Die können jetzt mit dem Warmwasserbett nicht ganz vermieden werden, weil die entstehen beim Säugen. Innerhalb der ersten Lebenswoche haben die Ferkel noch keine Saugordnung, d.h. der Kräftigste oder der Fitteste bekommt am meisten Milch. Und da ist es so, dass diese Verletzungen an den Karpalgelenken, vorne wie am Ellebogen entstehen. Und jetzt kann man das ganze einfach vergleichen: Wenn man selber eine Schürfwunde am Gelenk hat und man liegt dann die Nacht über auf einer harten Betonoberfläche und man schläft ja nicht ohne Bewegung, dann werden diese Verletzungen erneut gereizt. Und wenn die Tiere dann auf 'ner weichen Oberfläche liegen, können diese Verletzungen schneller abheilen.

Wer täglich im Ferkelstall arbeitet, weiß diesen Vorteil zu schätzen. Agrartechniker Dieter Albrecht:

Klar, ich kann Infektionen in den Gelenken und so was behandeln; nur das kostet erstens mal Geld und zweitens mal ist es Arbeitszeit und drittens mal birgt es immer die Gefahr, dass ich die Ferkel vielleicht doch nicht retten kann. Und indem ich das Wasserbett nehme, kann ich solche Sachen eher verhindern.

Das Ergebnis lässt sich messen - in Kilogramm: Ferkel auf dem Wasserbett wachsen schneller und werden seltener krank als Artgenossen in anderen Ferkelnestern. Kein Wunder, dass die neugeborenen Ferkel sich gerne auf dem weichen und warmen Wasserbett rekeln. Für größere Schweine ist das Bett aber nicht gedacht. Oder etwa doch?

Wir haben auch einige Fälle, dass grad bei älteren Buchten, die relativ schmal sind, dass die Sau doch mal ans Wasserbett kommt und es sich ranzieht. Dann ist natürlich Gefahr in Not, aber meistens hält das Wasserbett stand. Auch wenn man morgens in' Stall kommt, der Herr Albrecht hat's mir letzte Woche noch mal beschrieben, dass eine Sau sich das Wasserbett rangeholt hatte. Dachte wohl: "Wenn die Ferkel weich liegen, möcht' ich auch weich liegen. Und nun kam er morgens in' Stall, und die Sau lag auf dem Bett. Es war zwar etwas ramponiert, aber das Wasser war noch drin."

Na ja, dann also gerade noch mal - Schwein gehabt!
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