Patentes
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Montag • 11:30
23.6.2003
Notenblattwender
Stephanie Kowalewski

Das Problem kennen eigentlich alle Musiker - egal ob sie ihr Instrument nur so zum Spaß spielen oder damit ihren Lebensunterhalt verdienen: Womit - Bitteschön - soll man das Notenheft umblättern, wenn man doch beide Hände auf der Tastatur oder der Saite hat? Nun aber hat sich das Blatt gewendet. Mit einem schlichten Druck auf ein Pedal endet das Problem, das Musiker auf der ganzen Welt seit Jahrhunderten kennen: Das Umblättern ihrer Noten. Die patente Idee kommt künftig da zum Einsatz, wo bisher menschliche »Blattwender« engagiert wurden, Orchestermusiker sich gegenseitig unterstützten oder Fotokopien zu abenteuerliche Collagen zusammen geklebt wurden. Die Folgen kennen Profi- wie Amateurmusiker nur zu gut: Unruhe, Konzentrationsschwächen und nur zu oft auch kleine Pannen, wenn der Blätterwald vom Notenständer rauscht. Stephanie Kowalewski sprach mit den Erfindern und Nutzern des ersten automatischen Blattwenders.

Das Problem ist das Blättern. Man muss unterbrechen und blättern. D.h. es gibt keine Musik in dem Moment.

Als Gitarrist kennt Raffaele die Raimondo das jahrhundertealte Problem, dass Pianisten, Streicher und Bläser haben, aus eigener Erfahrung. Die Pianistin und Musikstudentin Ayako Tsuchiyama lernt Solostücke deshalb meist auswendig, so dass sie sie ohne Notenbücher spielen kann. Doch bei Konzerten ist sie bisher auf menschliche Hilfe angewiesen, sagt die gebürtige Japanerin.

Aber Kammermusik habe ich immer Umblätterer nebenbei. Anders geht's gar nicht. Und zum Üben versuche ich dann möglichst wo Pause steht umzublättern...muss man dann notieren...und dann werden ein paar Takte immer auswendig doch noch gelernt.

Optimal ist das alles nicht. Menschliche Umblätterer sorgen während des Konzerts für Unruhe auf der Bühne und beim Üben verhindert das Blättern den Spielfluß, ärgert sich auch der Solist Paul Rosner. Deshalb bastelt sich der Geiger bei schwierigen Stücken wie diesem hier immer seine ganz eigenen Notenblätter.

Ich muss die Noten präparieren, weil hier gibt's überhaupt keine Pausen. D.h. ich könnte es entweder auswendig oder gar nicht spielen. Ich mach einfach Fotokopien und klebe es. Sehr umständliche Arbeit. Das ist noch kein langes Stück. Ich habe auch schon Stücke gespielt, die so 20 Seiten hatten. Und da musste ich acht bis neun Pulte rund um mich stellen und spazieren. In der neuen Musik ist das sehr oft, weil es war keine Möglichkeit, es sonst zu spielen.

Zwei Jahre lang suchte Raffaele di Raimondo gemeinsam mit dem Designer Roger Bröchler nach einer Lösung für das Problem. Es sollte ein möglichst geräuscharmes und einfach zu bedienendes Gerät sein, damit sich der Musiker künftig nur noch auf sein Spiel und nicht mehr auf das Blattwenden konzentrieren muss.

Man denkt, ich habe das Ei erfunden. Sicherlich hat keiner daran gedacht, so was zu bauen. Und ganz naiv denkt man, es ist doch ganz einfach. Das war einfach zehn Arme und ein Motor, das transportiert diese zehn Seiten. Und es ist ganz einfach. Ja, abgelehnt vom Patentamt. Horizontale Bewegungen kann man nicht patentieren, sind schon geschützt. Und dann auf einmal erfährt man, schauen sie mal, es gibt diese, diese, diese. Also man hat doch kein Ei entdeckt.

Denn zusammen mit der Ablehnung seiner ersten Idee bekam Raffaele di Raimondo einen Stapel Papier überreicht. Alles Patente auf Notenblattwender: aufwendige Konstruktionen - mal manuell mal maschinell betrieben - mit zahlreichen Greifern oder Rahmen in die die einzelnen Blätter vorher umständlich eingespannt werden mussten. Sie alle hatten eins gemeinsam: sie kamen nie auf den Markt. Das lagt, sagt Roger Bröchler, auch am damaligen Stand der Technik.

Heute sind wir soweit, dass wir sagen können: Mikroprozessortechnik, lautlose Motoren, dauerhafte Materialien, dünne Materialien, die wir da einsetzten können. Wir arbeiten nicht mit Stahl oder schweren Verbundmaterialien oder so. Das ist letztlich ein High-Tech-Produkt geworden.

Volta:bene nennt sich der weltweit erste funktionstüchtige und marktreife Blattwender, der klein, handlich und schwarz auf jedem Notenständer oder Klavier plaziert werden kann. Und er funktioniert denkbar einfach. Der Musiker klebt zuvor kleine Metallplättchen auf die unteren Seiten seiner Partitur und setzt während er spielt per Fußpedal einen kleinen Arm in Bewegung. Der greift sich nahezu geräuschlos sie Seite und während er in seine Ausgangsposition zurückkehrt, läßt er sie wieder los. Das Blatt ist gewendet. Magnetisch, erklärt Roger Bröchler.

Der Magnetismus wird von dem Arm aus auf die Seite gebracht. D.h. der Arm ist am Ende mit einem kleinen Permanentmagnet versehen der aufgeklebte Clip ist praktisch wie ein post it zu verstehen, sie sind rückstandsfrei zu entfernen.

Der kleine Motor wird wahlweise über eine handelsübliche Neun-Volt-Batterie oder über den Strom aus der Steckdose betrieben. Inzwischen haben die beiden Düsseldorfer auch eine LED-Luchte namens vedi:bene konstruiert, die auf den Blattwender aufgesteckt werden kann und die das Notenblatt flächig ausleuchtet.

Die Pianistin Ayako Tsuchiyama ist von der patenten Idee überzeugt.

Ich finde toll, dass überhaupt jemand dran gedacht hat. Das ist besser als ich gedacht habe.

Durch volta:bene können ihre Hände nun ununterbrochen über die Tastatur gleiten. Nur den richtigen Umgang mit dem Fußpedal muss sie noch üben, sagt sie, denn eigentlich haben ihre Füße mit den drei Pedalen des Flügels auch schon gut zu tun.

Aber das kann man schnell lernen, denke ich.

Link: volta:bene
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