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Montag • 11:30
18.8.2003
Testgerät auf Hirnfunktionsstörung bei Leberkranken
Hannelore Becker

Etwa 2,5 Million Menschen in Deutschland leiden an einer chronischen Lebererkrankung. Neben der Fettleber sind es vor allem die Viruserkrankungen der Leber mit Hepatitis B und C, die zum Versagen der Leber führen. Bei einer Million von ihnen entsteht eine Leberzirrhose, die wiederum eine Menge von Komplikationen aufweist.

Eine dieser Komplikationen ist die Hepatische Enzephalopatie, - eine Hirnfunktionsstörung, die sehr subtil aber auch sehr schwer sein kann, und die, wenn sie nicht erkannt und behandelt wird, in tiefer Bewußtlosigkeit und letztendlich mit dem Tod endet.

Die Diagnose dieser Hirnfunktionsstörung war bislang nur mit sehr aufwendigen oder recht ungenauen Tests möglich. Medizinern der Universität Düsseldorfer ist es nun gelungen, ein Diagnoseverfahren zu entwickeln, mit dem diese leberbedingte Hirnfunktionsstörung frühzeitig festgestellt werden kann. Das Gerät ist zum Patent angemeldet und wird in den nächsten Wochen auf den Markt kommen.

Schon Ärzte im antiken Griechenland wußten, dass Lebererkrankungen auch geistig-seelische Beschwerden auslösen können. So beschrieb Hippokrates die Symptome eines, wie er ihn nannte,"gelblichen" Patienten:

"Er sagt nur unverständliche Dinge, er ist boshaft und läßt sich nicht beruhigen..." Die eigentliche Ursache für derart starke Bewußtseinsstörungen und Persönlichkeitsveränderungen sind chronische Lebererkrankungen, die sich direkt auf Funktionen im Gehirn auswirken können, erklärt Dr. Gerald Kircheis von den Uni-Kliniken in Düsseldorf.

Man weiß, dass bedingt durch die Leberzirrhose es zu Störungen des Stoffwechsels im Bereich bestimmter Leberzellen kommt, durch die Stoffwechselendprodukte, wie zum Beispiel Ammoniak, nicht mehr durch die Leber entgiftet werden können und sich dadurch im Blut anreichern. Durch diese Anreicherung im Blut kommt es auch dazu, dass bestimmte Zellen des Hirns sich mit solchen erhöhten Konzentrationen sich auseinanderzusetzen haben. Und diese Ammoniakerhöhung führt dazu, dass Zellen halt schwellen können, eine Schwellung zeigen und dadurch diese Funktionsstörungen auslösen können.

Anfangs sind die Patienten oft nur gereizt, schnell müde und sie klagen über Schlafstörungen. Sie stellen aber auch fest, dass sie sich bei der Arbeit schlechter konzentrieren, dass ihre Merkfähigkeit nachläßt, dass ihre Hände oftmals leicht zittern und sie in heiklen Situationen - zum Beispiel beim Autofahren - nicht mehr so schnell reagieren wie sonst. Alles Symptome, die bei Patienten mit einer Leberzirrhose wichtige Hinweise auf eine leberbedingte Hirnfunktionsstörung sind. Die aber, werden sie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, zu massiver Verwirrtheit, zu Störungen des Intellekts, zu Paranoia und ins Leber-Koma führen können.

Bislang gab es nur sehr aufwendige und zeitintensive neurologische Diagnoseverfahren, wie die Magnet-Resonanz-Tomographie, um die Funktionsstörungen des Gehirn festzustellen. Oder simple - aber höchst ungenaue - Tests mit Papier und Bleistift, um das Reaktionsvermögen des Patienten oder den Grad seiner Aufmerksamkeit festzustellen. Mit dem neuen, von Dr. Kircheis und seinen Kollegen entwickeltenden Diagnoseverfahren kann der Schweregrad der Hirnfunktiosstörung nun schon in einem sehr frühen Stadium präzise ermittelt werden. Allerdings über einen kleinen Umweg: Es werden nicht jene Hirnregionen untersucht, die für Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit zuständig sind und wegen der Leberzirrhose krankhaft anschwellen; sondern Zellen im Auge, und zwar solche, die in der Nähe des Flecks des schärfsten Sehens liegen. Es ist zu vermuten, dass ähnliche Schwellungen, wie sie im Hirn vorkommen, auch am Augenhintergrund vorliegen. Das ist auch durch experimentelle Untersuchungen inzwischen bestätigt.

Für diesen Augentest haben die Düsseldorfer Mediziner eigens ein handliches Gerät entwickelt, das beim deutschen und beim europäischen Patentamt angemeldet ist. Das Gerät sieht aus wie eine Brille, die auf einen kleinen Kasten montiert ist und über ein Kabel mit einem tragbaren Computer verbunden wird. Hält man sich dieses Gerät nun ganz dicht vor die Augen, sieht man nur einen kräftigen roten Punkt, der nach einer Zeit anfängt zu flimmern.

Das Gerät ist so konstruiert, dass praktisch kein Tageslicht in das Gerät hineindringt, so dass der Patient dort wie in eine schwarze Höhle hineinschaut und bei der Messung der Flimmerfrequenz, die wir von außen steuern können, sowohl über einen Computer steuern können, als auch über ein Handsteuergerät/ initiieren können, wird dann ein rotes Licht einer bestimmten Wellenlänge, einer bestimmten Lichtintensität, vorgegeben, und was dann erfolgt ist, dass diese Frequenz des Lichtes reduziert wird. Von einer Ausgangsfrequenz, die bei 60 Hertz liegt, langsam reduziert wird, bis der Patient den Eindruck hat, dass das zuvor ruhige Licht in ein flimmerndes Licht übergeht.

Genau dann muß der Patient eine Taste drücken, und der Arzt kann am Computer diesen Moment als Wert der sogenannten "Flimmerfrequenz" ablesen. Dabei zeigt sich, dass Patienten mit geringen Hirnfunktionsstörungen noch ein sehr schnelles Flimmern erkennen. Sind die Hirnregionen aber schon stark in Mitleidenschaft gezogen und Aufmerksamkeit, Konzentration und Reaktionsschnelle reduziert, reagieren sie erst auf ein langsames Flimmern.

Dieser "Flimmerfrequenz-Test" dauert nur fünf Minuten. Er kann ganz mobil im Krankenhaus am Bett des Patienten durchgeführt werden, - und, wenn das Gerät in den nächsten Wochen auf den Markt kommt, auch in den Praxen der Fachärzte. Wegen der Kosten-Übernahme für diesen Hirnfunktionstest sind bereits Verhandlungen mit den Krankenkassen aufgenommen worden.
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