Patentes
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Montag • 11:30
25.8.2003
Das etwas andere Tennis heißt Speckbrett
Stephanie Kowalewski

Als diese Sportart "erfunden" wurde, sprach noch kaum jemand von Tennis und sicher gar keiner von Beachball. Und doch ist es irgendwie eine Mischung aus beidem. Und das gilt auch für das sportliche "Handwerkszeug", das erst viel später seine heute noch gültige Form erlangte.

Wenn Michael Zeidler auf dem roten Aschenplatz steht und den Ball mal mit viel Effet, mal kurz und kraftvoll über das Netz spielt, sehen ihm die Gäste des benachbarten Schwimmbades schon mal stauend und verdutzt zu.

Viele denken, wir hätten das nicht richtig verstanden, wie dieses Tennis geht und dass wir uns keine Schläger leisten könnten oder so was. Da muss man dann schon mal eingreifen und sagen, dass die Tennisplätze da drüben sind und das eine eigene Sportart ist.

Michael Zeidler ist leidenschaftlicher Speckbrettspieler. Und das ist eine ziemlich alte und dennoch unbekannte Sportart, erklärt Lothar Reimann.

Das Speckbrett gibt es seit 1926/27. Aber da war es eben ein Speckbrett. Ein Brett was man eben aus der Küche genommen hat, um einen meist abgenudelten Tennisball über eine Leine zu treiben.

Und so blieb es auch bis Anfang der 70er Jahre. Dann nämlich wurde Lothar Reimann von einem Freund zum Speckbrett-Spiel eingeladen. Als Schläger wurde ihm ein ganz ordinäres Küchenbrett in die Hand gedrückt, erinnert sich der Maschinenbauingenieur.

Ich hab mir das angesehen und hab gesagt, das Ding, das ist kein Sportgerät. Da kann man keinen Sport mit machen. Daraus entwickelte sich dann die Idee, daraus ein Speckbrett-Sportgerät zu konstruieren, zu bauen.

Und genau das hat er dann auch gemacht. Etwa ein Jahr dauerte die Entwicklungsarbeit: Heraus kam ein 50 cm langer Holzschläger, der gut 20 cm länger ist, als ein herkömmliches Speckbrett.

Das resultiert daraus, dass ich einen Tennisschläger gewogen habe und hab versucht, nachzuvollziehen, wie schnell sich ein Tennisschläger durch die Luft bewegt, Zeiten gestoppt und so weiter. Und daraus ist die Länge des Speckbrettschlägers entstanden. Entscheidend war dabei, dass eine geschlossene Holzfläche einen erheblichen Luftwiderstand darstellt. Also zweite Idee, das Gerät muss irgendwie luftdurchlässig sein.

Lothar Reimann berechnete einerseits den Luftwiderstand und andererseits die Stabilität des zukünftigen Schlägers. Dann stand fest: exakt 82 Löcher müssen es sein, damit aus dem Speckbrett ein schnittiges Sportgerät wird. Und zusätzlich gab er dem Brett eine konische Form, so ist es am Griff dicker als an der Spitze. Dadurch erhält es eine ausgewogene Gewichtsverteilung bei der der Schwerpunkt - ähnlich wie beim großen Bruder, dem Tennisschläger - am Schlägerkopf liegt. Und natürlich kann so ein Speckbrettschläger nicht aus irgendeinem x-beliebigen Holz sein.

Der Kern, der ist aus Eschenholz. Früher sollen es schon Robin Hoods Genossen als Bogenmaterial genutzt haben. Und dann ist es natürlich abgesperrt worden mit Sperrholz von beiden Seiten, weil es sonst auch nicht, wenn es durchlöchert wäre, halten würde.

Die ersten Bretter in dieser Sandwichbauweise hat Lothar Reimann im heimischen Keller selber gebaut. Ein Freund hat ihm eine Bohrschablone angefertigt, damit er auch nach dem Bohren von 82 Löchern pro Schläger noch Kraft genug für das Speckbrettspiel hatte. Später fand sich dann ein Schreiner, der einige Tausend hölzerne Schläger fertigte. Und natürlich hat sich der Speckbrettentwickler seine Konstruktion vom Patentamt auch schriftlich als Gebrauchsmuster bestätigen lassen.

Ein Gegenstand, womit man einen Ball übers Netz treibt, gab es ja schon vielfältig. Solche Sachen kann man nicht schützen lassen. Man kann nur eine Neuheit schützen lassen. Wobei in diesem Fall, beim Gebrauchmuster, so ist das Patentrecht, es auch nicht überprüft wird, ob es eine Neuheit ist. Es ist nur, wenn jemand andres es nachmacht, das man nachweisen kann, ich hab es als erster gemacht, und dann darf er es nicht nachmachen.

Geschützt ist also nicht der Schläger an sich, sondern die Durchlöcherung und die konische Form des Brettes. Reich geworden ist der inzwischen pensionierte Maschinenbauer mit seinem Speckbrettschläger nicht. Der Tennisboom war einfach zu gewaltig. Dabei beurteilen sogar Bezirksliga-Tennisspieler wie Jochen Zeidler das Speckbrettspiel als schönere Sportart.

Das Speckbrett ist wesentlich athletischer, ... dadurch, dass man auch nicht so viel Geschwindigkeit auf den Ball bekommt. ... sind die Ballwechsel beim Speckbrett länger, man muss mehr laufen, das Spielfeld ist kleiner, so dass man auch sehr viel mehr Bälle erreichen kann. Und das ist eigentlich so der Hauptunterschied zwischen Tennis und Speckbrett. ...Speckbrett macht eigentlich schon mehr Spaß.

Dennoch schaffte die Sportart nie den Durchbruch. Eigentlich wird das Speckbrett nur in Münster mit Leidenschaft gespielt - sieht man von einer kleinen Enklave in Berlin ab, die ja letztlich auch aus umgezogenen Urmünsteranern besteht. In Münster jedenfalls gibt es 350 organisierte und schätzungsweise mehrere tausend Hobby-Spieler, die sich auf den zahlreichen kostenlos nutzbaren Speckbrett-Plätzen die Bälle um die Ohren hauen.
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