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Montag • 11:30
8.9.2003
Neue Therapie bei Herzgefäßverengungen: Wirkstoffbeschichtete Stents
Susanne Nessler

Ein winziger Schnitt, kaum einen Zentimeter groß, in die Leiste unter örtlicher Betäubung - und schon ist der Arzt Wolfgang Rutsch im Herzen seines Patienten. Mit einem Katheder über die Blutbahn ist er dort hingekommen.

So jetzt sieht man genau in der Mitte das Herz, hier ist der Katheder. Den bringen wir jetzt in die Öffnung der linken Herzkranzarterie, um das sichtbar zu machen müssen wir Kontrastmittel injizieren. EKG, Blutdruck, Herzfrequenz, Kontrast. So jetzt liegen wir im Herzkranzgefäß.

Ein Routineeingriff! Herzkathederuntersuchungen werden seit Jahren vorgenommen. Heute schaut der Kardiologie Wolfgang Rutsch an der Berliner Charité nicht nur mit dem Katheder ins Herz und die umliegenden Gefäße des Patienten. Heute setzt er gleichzeitig einen Draht ein, um die verengte Herzkranzarterie zu weiten.

So der nächste Schritt ist, dass wir mit einem zarten Draht in die Enge dieses Gefäß gehen. Geht es ihnen gut? Ja? Wenn irgendwas ist, dann sagen Sie uns bitte Bescheid. Dem Draht haben wir vorne eine Biegung gegeben. So da sind wir schon in diesem Gefäß drin. Und schieben den Draht so weit es geht in die Peripherie vor. Wir kontrollieren da noch mal.

Mit dem Draht hat der Kardiologe ein dünnes Röhrchen, ebenfalls aus Draht in die Arterie geschoben, einen sogenannten Stent. Stents werden seit einigen Jahren bei verengten Herzkranzgefäßen eingesetzt. Das erspart vielen Patienten eine aufwendige Herzoperation. Der Stent wird an die verengte Stelle gebracht und dann mit Druck aufgeblasen. Das Prinzip dieses Verfahrens ist ähnlich wie das, ein Schiff in eine Flasche zu befördern. Zunächst eng zusammengefaltet wird das Drahtröhrchen von der Leiste über die Blutbahn zum Herzen geschoben und dort durch Druck zur Entfaltung gebracht. Nach nur wenigen Sekunden fließt wieder ausreichend Blut zum Herzen.

So jetzt sind wir schon so weit, dass wir das Stent hinten eingeführt haben und bringen das jetzt über die Enge. Dazu schließen wir jetzt hinten eine Druckspritze an, und das Stent wird dann ungefähr mit 12 bis 14 ATÜ aufgeblasen. Das muss gut positioniert sein, das ist es jetzt, bitte dilatieren. Ja, sechs, acht, zehn, da sieht man die Enge, die jetzt aufgeweitet wird, 12, 18. Wir gehen jetzt bis 18 ATÜ. Der Ballon ist aufgeweitet, das Stent in die Wand gedrückt. Zurück. Jetzt lassen wir den Druck ab. Für diese Zeit ist natürlich die Durchblutung dort unterbrochen. Aber jetzt wird ganz schnell der Druck abgelassen, dass sofort wieder Blut strömt. Haben sie irgendwas gemerkt?

Nein, eigentlich nicht. Hab zwar zugeguckt, aber gespürt, dass da irgendwas vor sich geht nicht. Das ging alles so glatt durch, hätte man das nicht gesehen, hätte man gedacht, da ist gar nichts.

Das Stent, das der Patient Klaus Wendt heute bekommen hat, ist eine Neu-Entwicklung, beschichtet mit einem Wirkstoff, der Vernarbungen und Gewebewucherungen in der gedehnten Arterie unterbindet. Das genau ist bisher bei vielen Stents immer ein Problem gewesen. Durch die Dehnung wird die Blutbahn ein wenig verletzt. Bei fast 40 Prozent der Patienten bildet sich daraufhin soviel neues Gewebe an der Stelle nach, dass die Blutbahn nach einiger Zeit wieder verengt ist. Die neuen Stents verhindern das durch ein spezielles Medikament auf ihrer Oberfläche. Der Wirkstoff ist seit Jahren bekannt. Neu ist, dass er jetzt auf den Stents haften bleibt. Wie das geht verraten die Erfinder nicht. Die amerikanische Firma beruft sich auf ihren Patentschutz. Nur soviel: Ein Kunststoff macht es möglich, die Substanz auf das Drahtröhrchen zu bringen. Die Berliner Charite testet die neuen Stents zur Zeit nur bei einigen wenigen Patienten. Denn die wirkstoffbesichteten Röhrchen sind teuer. 2300 Euro pro Stück verlangt die Firma, die die Stents entwickelt hat. Zuviel finden die Krankenkassen und lehnen die Übernahme der Kosten ab. Die herkömmliche Methode ohne Wirkstoff kostet schließlich nur 300 Euro.

Da steckt unglaublich viel technologische Entwicklung drin, die Entwicklung der Kunststoffe drin, die Entwicklung des Medikamentes, die großen Studien, die gemacht worden sind, also die neue Technologie gegen die alte zu testen und es sind dann Dimensionen die so 50 Millionen US Dollar erreichen, um eine solche Studie durchzuführen. Und natürlich ist es innovativ und jeder will es haben, und wenn es jeder haben will, dann kann eine Firma sich auch gewinnorientierend verhalten. Natürlich, wenn man das zusammenrechnet was da drauf ist, dann kommen vielleicht ein paar Cent zustande.

So gut die neue Technik auch ist, sie verhindert letztlich nur die Symptome der Erkrankung, nicht ihre Ursachen. Patienten, die an Herzkrankverengungen leiden, sind zu einem großen Teil übergewichtig, haben Bluthochdruck, machen keinen Sport und rauchen häufig. Ohne das zu ändern, hilft selbst der neue Stent nicht. Er löst das Problem nur an einer Stelle, schützt aber nicht davor, dass es an einer anderen auch auftritt. Und genau dafür wollen und können die Kassen kein zusätzliches Geld ausgeben, Patent hin oder her.
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