Patentes
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Montag • 11:30
6.10.2003
Zahndübel
Von Susanne Nessler

Wenn die Zähne nicht mehr halten, gibt es meist nur noch wenig Möglichkeiten: Prothese oder Stiftzähne. Aufwendige, unangenehme und langwierige Verfahren, die zahlreiche Sitzungen beim Zahnarzt erfordern. Das könnte sich in ein paar Jahren ändern. Denn an der TU Berlin haben Wissenschaftler einen Zahndübel entwickelt, der schnell und einfach, den ausgefallenen Zahn ersetzt. Erste Versuche dazu haben begonnen.

In Beton und Stein haben sie bereits Karriere gemacht. Bombenfest und sicher halten Dübel schwerste Lasten an der Wand. Jetzt sollen Kunststoffdübel auch für den richtigen Halt von Zähnen sorgen. Winzig klein und nur ein paar Millimeter groß, dienen sie als Fundament kraftvollen Zubeißens. Das ist möglich, da die Zahnhalterdübel aus einem speziellen Kunststoff bestehen, der ähnlich hart ist wie der Kieferknochen und gleichzeitig ebenso elastisch, sagt Wolf-Dieter Müller, Dozent für Zahntechniker an der Berliner Charité. Er testet die Erfindung zurzeit.

Die Besonderheit dieses Dübeleffekts könnte durchaus dazu führen, dass man nicht so präzise vorbereiten muss, also die Bohrung um ein Implantat zu setzen, weil ich einen Dübel in dieses Implantat reindrücke und ihn dann anpasse an die Wand. Wäre also ein interessanter Aspekt für die Handhabung für den Zahnarzt. Er könnte möglicherweise nicht nur Zeit sparen und Schritte sparen, es ist auch für den Patienten weniger belastend letztlich.

Das bekannte Prinzip des einfachen Wanddübels stand Pate bei der Entwicklung des Zahndübels. Professor Helmut Käufer, Experte für Kunststoffe, hat den ersten Dübel für Zahnimplantate entwickelt. Seit Jahrzehnten schon arbeitet der Ingenieur für die Medizin. Künstliche Hüftknochen und Herzklappen hat er entworfen, jetzt ist es der Dübel für den Zahnersatz.

Wir wollten zuerst normale Baudübel hernehmen, nur entsprechend verkleinert und das ging tatsächlich nicht. Die Dübel, die wir sonst haben spalten immer und wir haben hier einen Dübel, der ist rund und elastisch und hat keine Durchgänge von innen nach außen. Und außerdem hat er eine spezielle Oberfläche. Wir geben an die Zähne entweder so Spitzen hin, die einwachsen können oder Fasern und die wachsen dann in das Gewebe ein.

Die Oberfläche der Dübel ist rau. Dadurch verbindet sie sich schneller mit dem Kiefer. Anders als bei den derzeit gebräuchlichen Titanstiften, wachsen deshalb beim Kunststoffdübel Zahnfleisch, Kieferknochen und Implantat innerhalb nur weniger Tage zusammen, sagt Wolf-Dieter Müller.

Ein Vorzug ist diese Oberflächenprofilierung, die möglicherweise eine bessere oder glücklichere Einheilung gestattet im Knochen.

Noch halten die Metallstifte aus Titan gut. Ihr Nachteil: Sie sind absolut starr und unbeweglich. Genau hier liegt der Vorteil des Kunststoffdübels. Er kann die natürliche Beweglichkeit der Zahnwurzel nachbilden. Denn auch wenn Zähne scheinbar fest sitzen, haben sie doch einen Bewegungsspielraum. Der ist notwendig, um z. B. beim Kauen den Druck abzufedern. Und das kann das derzeit gebräuchliche Verfahren mit Titanstiften eben nicht, sagt Helmut Käufer.

Jeder, der ein Gebiss hat, weiß, dass das keine Dauerlösung ist, sondern dass wenn man mit Titan arbeitet, das immer nachschrauben muss, jedes halbe oder jedes Jahr. Und aus dem Grund glaube ich dass es in 10 Jahren keinen Titanzahn mehr geben.

Vielleicht eine gewagte Schätzung, doch die Studien, die dem Dübel jetzt auf den Zahn fühlen, bestätigen dieses Ergebnis. Schwierig ist allerdings, die Zahnärzte von der Neuerung zu überzeugen, sagt Wolf-Dieter Müller.

Die Zahnärzte sind ein konservatives Völkchen, die sind auch nicht so innovativ, weil sie eben neben dem Zahnärztlichen auch das Kommerzielle betrachten müssen. Und jetzt kommt eine neue Lösung, und die muss erst den Beweis erbringen, dass sie besser ist und ich denke, dass das nicht so weit hergeholt ist, aber dieser Beweis muss erbracht werden.

Bis die ersten Zahndübel tatsächlich in die Praxis kommen, werden noch mindestens vier Jahre vergehen, schätzen die Wissenschaftler. Das neue Verfahren muss zunächst die Zulassung beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bestehen. Eine Firma, die die Dübel herstellt, hat der Erfinder schon gefunden. Dafür hat er ihr das Patent überlassen.

Ich will möglichst kein Patentinhaber sein, denn ich kann es ja nicht ausnützen. Das ist eine Firma, die die Zähne herstellen wird. Und die das Patent hat. Die wollen die Prototypen herstellen.

Klappt alles, sagt Helmut Käufer, will er aber der Erste sein, der sich die neuen Dübel implantieren lässt.
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