Patentes
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Montag • 11:30
17.11.2003
Dämmstoff und Katzenstreu aus Seegras
Von Axel Flemming

Badegäste in lauschigen Buchten ärgern sich häufig über Seegras. Aber der nachwachsende Rohstoff, den die Wellen unaufhörlich an Land spülen, lässt sich positiv nutzen. Im Klützer Winkel, dem Landstrich im Nordwesten Mecklenburgs zwischen Lübeck und Wismar, wird Seegras gezielt vom Ostsee-Strand geholt, um es zu Öko-Dämmstoff und Katzenstreu zu verarbeiten.

Die Produktionsanlage besteht aus einer Kette von Förderbändern. Sie steht in einer alten Landwirtschaftshalle, etwa zehn Meter breit und 30 Meter lang. Heinz Herz, eine von sechs Arbeitskräften im Projekt, schaltet den Brenner ein, eine große, mehrere Meter lange, rotierende Trommel, man spürt die Hitze in der Nähe:

Wir trocknen das Seegras erst einmal, aus dem Abfall, da werden dann Pellets draus gemacht, Katzenstreu.

Die so genannten Pellets sind kleine, weiche Bröckchen, die sich etwas zusammenpressen lassen. Aber der Reihe nach. Allein an der Ostsee müssen jährlich Hunderte bis Tausende Kubikmeter Seegras und Algen fortgeräumt werden. Saubere Strände sind für die Tourismusbranche unverzichtbar. Für diese Strandreinigung gibt allein die Gemeinde Klütz bis zu 100.000 Euro jährlich aus.

Das erntet die Natur von alleine, das wird bei Wind und Sturm abgerissen, angespült, dann sammeln wir das auf und bringen es hierher.

Die Reinigung der Küste ist teuer und belastet die Umwelt, weil der hohe Salz- und Schwermetallgehalt in den Pflanzen eine Kompostierung schwierig macht. Und weil eine schlichte Deponierung auch Geld kostet. Außerdem lässt die EU-Gesetzgebung die so genannte Verkippung biogener Stoffe ab dem 1. Juni 2005 nur noch im Ausnahmefall zu.

Der Prozess beginnt: Nach der Anlieferung wird das Seegras von Fremdstoffen, Sand und Stein, gesäubert, danach auf das Förderband gelegt, stündlich bis zu zwei Tonnen.

Bernd Anders, Projektkoordinator im Amt Klützer Winkel: Von da aus gelangt das Seegras in einen Presswolf, da wird es zerkleinert auf zwei bis sieben Zentimeter Länge. Danach kommt es in die Trockentrommel. Das ist ein altes Verfahren, aber völlig neu gestaltet durch unsere Partner.

Partner sind Projekte in Deutschland, Frankreich und Dänemark. Neu ist die Methode, die an der Hochschule Wismar entwickelt wurde und die nachgewiesen hat, dass Seegras ein möglicher Dämmstoff ist. Aber die Tücke der technischen Umsetzung steckt im Detail:

Jedes dieser einzelnen Aggregate sind Prototypen, es sind eine Vielzahl von Tests vorangegangen, um dann eine Auswahl zu treffen, welches Verfahren könnte für dieses Seegras, für diesen Dämmstoff, für diese Anlage funktionieren.

So eine Entwicklung kostet. Auf Antrag an die Europäische Kommission machte das Förderprogramm "Life" Geld locker: 1,84 Millionen € Zuschuss. Ein Erfolg schon jetzt: Letztes Jahr wurde das Projekt mit dem Umweltpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommerns ausgezeichnet. Ein Ziel war auch die Schaffung von Arbeitsplätzen, in der Anlage, aber auch darüber hinaus. Wenn alle Gemeinden das Angebot zur Verarbeitung annehmen, könnte noch eine weitere Produktion aufgebaut werden:

Wir erhoffen uns, dass die Anlage langfristig genutzt wird. Wir bieten allen Gemeinden an, ihr Strandgut anzuliefern. Und damit ist es notwendig, geeignetes Personal zu qualifizieren und dann auch den Dämmstoff in Gebäuden wo gewünscht einzublasen.

Ob nun gestreut, gestopft oder geblasen: Seegras, das atmungsaktiv, gut dämmend und nicht brennbar ist, hält mittlerweile Dutzende Häuser in der Region warm und wird bis nach Bayern verschickt. Pro Jahr verarbeiten die Mecklenburger mindestens 120 Kubikmeter. Vom Ausgangsmaterial hängt ab, ob Dämmstoff oder Katzenstreu hergestellt wird. Meist wird eine Mischung aus Algen und Seegras geerntet. In der Anlage werden die Stoffe entstaubt und nach Faserlänge sortiert, durch ein Sieb und hereingeblasene Luft getrennt.

Das sind zum einen die Fasern, die für die Dämmung verwendet werden. Es gibt dann die zweite Fraktion, die geht sofort in die Pelletieranlage, das sind dann Chargen zwischen 0 und zwei Zentimetern. Und es wird in diesem Prozess auch noch der letzte anhaftende Sand abgetrennt.

700 bis 1000 Kilo Trockengut können so an einem Acht-Stunden-Tag erzeugt werden. Aus dem Seegras entsteht Dämmstoff. Das Gemisch wird zu Katzenstreu. Auch nicht teurer als herkömmlich produziert:

Dort werden wir im unteren Preisniveau liegen. Man muss dazu sagen, dass es gute Eigenschaften hat, Aufsagverhalten, Geruchsbindungsvermögen, und ein weiterer Vorteil ist, dass es definitiv keine lungengängigen Fasern gibt, was in anderen Sorten vorkommen kann. Allerdings hat es einen Makel. Es ist nicht weiß, sondern dunkelgrün bis bräunlich. Und die Menschen und die Tiere sind im wahrsten Sinne des Wortes Gewohnheitstiere.

Auf jeden Fall kann das Material auf den Kompost oder in die Biotonne, denn es ist abbaubar. Und noch weitere Produkte sollen in Zukunft entstehen:

Das geht über Schwermetallbindung in Abwässern über Spritzgussartikel, also eine Einlegesohle. Für einen orthopädischen Schuh können Sie aus unseren Algen herstellen, die Versuche sind gelaufen. Ich kann mir vorstellen, dass man Tischplatten, Fensterbretter, Fensterbänke aus diesen Algen im Spritzgussverfahren herstellen kann.
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