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Montag • 11:30
15.12.2003
Das Mauterfassungssystem in der Schweiz
Von Thomas Wagner

Ein LKW passiert eine elektronische Mautstation.  (Bild: AP)
Ein LKW passiert eine elektronische Mautstation. (Bild: AP)
Was in Deutschland bisher ein unerfüllter Wunsch ist, hat das Nachbarland Schweiz längst realisiert: Ein funktionierendes Mauterfassungssystem für LKW. "LSVA" heißen die vier entscheidenden Buchstaben. Dahinter verbirgt sich der Mammut-Begriff "Leistungsabhängige Schwerverkehrs-Abgabe". Seit 2001 ist das Schweizer System in Betrieb, das von der Fela AG in der Grenzgemeinde Diessenhofen entwickelt wurde. Und just eben die Fela AG wurde kürzlich auch von Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe als Alternative zum deutschen "Toll-Collect"-Konsortium ins Gespräch gebracht.

So wie beim deutschen Konsortium "Toll Collect", stellt auch in der Schweiz ein kleines Kästchen das Herzstück des Mauterfassungssystems dar: "Tripton" steht auf dem unscheinbaren Gerät, das unter der Frontscheibe montiert wird. Doch das Innenleben unterscheidet sich ganz erheblich von den Geräten in Deutschland. Die ermitteln die zu berechnende Wegstrecke ausschließlich über ein integriertes Satelliten-Navigationssystem. In der Schweiz wird das Erfassungsgerät dagegen vom Kilometerzähler mit Daten versorgt. Ernst Uhlmann, Chef des Elektronik-Unternehmens Fela AG im Kanton Thurgau, die das System entwickelt und die Technik zur Mautabrechnung in der Schweiz zum Patent angemeldet hat:

Wir erfahren die gefahrenen Kilometer über das Tachografensignal, was ja ein amtlich geprüftes Gerät in jedem Fahrzeug ist, und überwachen per GPS.

Ausschlaggebend für die Mautberechnung sind somit die Daten des Kilometerzählers. Sollte der einmal nicht funktionieren, greift das Satellitennavigationssystem. Damit verfügt das Schweizer Erfassungsgerät über zwei voneinander unabhängige Systeme zur Erfassung der Kilometerzahl.

Wir sind der Meinung, dass eine Maut, also eine Gebühr, nur erfasst werden kann auf der Basis einer sehr, sehr sicheren Datenanlage, und haben uns daher für eine sichere, redundante doppelspurige unabhängige Datengeneration entschieden.

Damit ist aber auch klar: 1 zu 1 wäre das Schweizer System auf Deutschland gar nicht übertragbar. Denn in Deutschland müssen Speditionen ausschließlich für die gefahrenen Kilometer auf Autobahnen bezahlen.

In der Schweiz ist das ungemein einfacher, weil das ganze Gebiet bemautet wird, egal welche Straßenklasse Sie befahren. Das hat übrigens auch seine Gründe: Hier geht es ja darum, die Effizienz des Transportgewerbes zu steigern, Leerfahrten zu vermeiden, die Umlagerung eines gewissen Teils der Güterverkehrs auf die Schiene anzustreben.

Ziele, die nach Ansicht der Schweizer nur dann erreicht werden können, wenn LKW-Fahrten auch auf Landstraßen mautpflichtig sind. Dafür reicht aber der Kilometerzähler als Daten-Quelle aus - im Gegensatz zu Deutschland. Dort muss das Erfassungsgerät auch die Information darüber berücksichtigen, ob sich der LKW gerade auf einer mautpflichtigen Autobahn befindet oder nicht.
In Deutschland übermittelt zudem das Erfassungsgerät die Daten automatisch über das Handy-Netz an einen Zentralrechner. Und der bucht zeitnah die fällige Maut vom Konto der Spedition ab. Das funktioniert in der Schweiz ganz anders. Ernst Uhlmann:

Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass die Daten, die zur Abrechnung benötigt werden, im Fahrzeug erzeugt und gespeichert werden, und nicht permanent übermittelt werden an ein Abrechnungszentrum. Und erst Ende des Monates werden alle Daten kumuliert an das Abrechnungszentrum übermittelt, entweder über Chipkarte oder übers Internet.

In der Schweiz speichert das Erfassungsgerät die Zahl der Gesamtkilometer pro Monat auf einer Chipkarte. Die kann die Spedition entweder per Post einsenden oder mit einem Lesegerät übers Internet übermitteln. Vorteil: Die ständigen Übermittlungskosten fallen weg. Die Speditionen werden nicht unmittelbar nach der Fahrt mit der Maut belastet, sondern erst im Folgemonat. Die Schweizer Mautrechnung gleicht damit von der Systematik her einer Telefonrechnung.
Und noch einen weiteren Unterschied hat Ernst Uhlmann zwischen dem deutschen und dem schweizerischen Mautsystem ausgemacht: In Deutschland spielt die Zahl der Achsen eines LKW mit Anhänger eine Rolle, in der Schweiz dagegen nicht.

In der Schweiz zählt das Zulassungsgewicht des Fahrzeuges, und zwar einmal des Zugfahrzeuges und des angekoppelten Anhängers, ist also eine wesentlich feiner differenzierte Methode. Man wollte die Anzahl Achsen nicht benutzen, weil sonst die Gefahr besteht, dass die Fahrzeughersteller schwere Fahrzeuge mit wenig Achsen herstellen, was die Abnutzung oder Belastung der Straßen wesentlich erhöhen würde.

Seit 2001 bereits ist das schweizer Mauterfassungssystem in Betrieb -- ohne nennenswerte Pannen. Und: Nur etwa 6 Prozent der Mauteinnahmen fließen in das Abrechnungssystem. Ganz anders dagegen in Deutschland: Dort veranschlagt das Toll-Collect-Konzept 24 Prozent der Mauteinnahmen als Kosten für das Mauterfassungssystem - vier Mal so viel wie in der Schweiz.
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