Patentes
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Montag • 11:30
29.12.2003
Neuer Drehkolbenmotor
Von Susanne Nessleron

Dr. Ing. Felix Wankel, Erfinder des Kreiskolbenmotors (Bild: AP)
Dr. Ing. Felix Wankel, Erfinder des Kreiskolbenmotors (Bild: AP)
Es gibt Dinge, die gibt es seit ewig und doch werden sie neu erfunden: Zum Beispiel der Motor. In Berlin lebt ein Mathematiker, der dies geschafft hat. Über dreißig Jahre lang hat er getüftelt und jetzt ist er perfekt der neue Motor, kurz RKM genannt, was soviel heißt wie Rotationskolbenmaschine. Ein Motor, der zwei bestehende Systeme mit einander vereint: Die herkömmliche Kolbenmaschine, die es in jedem Auto heute gibt und den rotierenden Wankelmotor, der seit den siebziger Jahren in Vergessenheit geraten ist. Das Ergebnis, die Rotationskolbenmaschine, ist kleiner, sparsamer, trotzdem leistungsstärker und robuster. Der Erfinder heißt Boris Schapiro.

Wenn ich ein Auto fahre, ich höre wie anders z.B. mein Motor in diesem Auto klingen würde. Ich glaube, dass ich so viele Jahre mit diesem Motor als Idee, als Erlebnis lebe, dass ich ihn auch höre, fühle, ich weiß er wird sanfter klingen. Er wird auch so tratratra machen, aber er wird sanfter sein als die Hubkolbenmaschine.

Vor etlichen Jahren, es müssen mindestens 30 sein, erinnert sich Boris Schapiro, arbeitete er in Moskau. Am Institut für seltene Erden. Eine weltweit berühmte wissenschaftliche Einrichtung, die durch zahlreiche neue Entdeckungen und Erfindungen bekannt geworden ist. Boris Schapiro war ein junger engagierter Wissenschaftler, frisch von der Universität. Das gefiel dem Institutsleiter, und der gab er ihm eine Aufgabe, einen neuen Motor zu bauen.

Er sagte: Hör mal, in unserem Institut werden neue Materialen erarbeitet. Wir können so ziemlich alles, was mit Materialien möglich ist. Überleg dir mal, wie wäre es möglich, eine Rotationsmaschine mit den positiven Eigenschaften, die bei der Hubkolbenmaschine arbeiten, zu kreieren.
Und ich war fasziniert von der Aufgabenstellung. Ich war fasziniert, dass dieser Mensch in so großen Stücken denkt.


Boris Schapiro war von der Idee begeistert. Denn der Wankelmotor war damals eine heiß diskutierte Alternative. Dieser Motor hatte nur ein entscheidendes Probleme: und das war seine Effektivität. Im Wankel- oder Drehkolbenmotor, wie er auch genannt wurde, dreht sich alles im Kreis um die Antriebswelle. Nicht auf und ab wie bei einer herkömmlichen Kolbenmaschine, sondern durch Drehungen im 360 Gradradius werden Luft und das Benzingemisch solange zusammengedrückt, bis es knallt. Dazu ist aber sehr viel Kraftstoff nötig und der Wankel, wackelte schnell, wies zu schnell Verschleißerscheinungen auf. Genau diese Probleme zu beheben war Boris Schapiros Aufgabe. Und die hat ihn trotz zahlreicher persönlicher Hindernisse nicht mehr losgelassen.
In Moskau wurde ihm zunächst die Promotion versagt. Boris Schapiro wollte das nicht hinnehmen und reiste nach harten Verhandlungen nach Deutschland aus. Hier musste er ganz von vorne anfangen. Zunächst machte er seinen Doktor, und dann studierte er noch Philosophie. Er schrieb wie bereist in Moskau Gedichte und dachte weiter über die Aufgabe seines Professors nach. Über den perfekten Motor.

Und ich habe, wenn ich im gröberen zähle, etwa 12 verschiedene Erfindungen gemacht auf dem Wege zu dieser Idee und ich musste sie alle verwerfen. Und ich habe weiter gearbeitet, gearbeitet und die Idee gesucht und letztlich habe ich diese Idee gefunden.

Die Idee war irgendwann da. Sie genau im Detail zu erklären ist schwierig, die dreißig Jahre Arbeit lassen sich nicht mit ein paar Sätzen beschreiben. Aber mit Musik. Im neuen Motor bewegt sich die Kolbenwelle wie ein Paar das Walzer tanzt. Die Kraft entsteht in drei viertel Takten. Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei, eins, zwei, drei. Mit jedem Schritt wird das Gasgemisch stärker verdichtet, bis es auf drei zündet.

Der Mann oder die Frau drehen sich auf einem Bein, bis die Position anders ist und dann auf dem anderen Bein. Einfach so, man dreht sich, ich mach das mal, im Walzertakt. Zuerst Achse stehen, dann dreht man sich um ein Bein, dann noch mal das andere Bein als Achse stellen, noch mal drehen, so der Motor im drei viertel Takt. Das ist eine Viertaktmaschine und der Kolben läuft in drei Abschnitten.

Sechs Patente stecken in der Neuerfindung. Doch der Trick liegt in einer mathematischen Formel aus der Optik. Boris Schapiro schrieb sie für die Mechanik um. Und so bewegt sich sein neuer Motor jetzt wie ein zarter Sonnestrahl, ohne Reibungsverluste, im Kreis.
Was jetzt noch fehlt ist der letzte große Schritt. Der Motor muss gebaut werden.
Bislang existiert nur ein kleines Demonstrationsmodell.
Verschiedene Automobilhersteller finden die Idee genial. Nur bauen wollen sie den Motor nicht. Zu teuer für den Markt, heißt es. Selbst, wenn sich Autofahren in Zukunft wie Walzertanzen anfühlt und dazu noch erheblich Benzin spart. Der Erfinder wartet. Wenn es sein muss, noch mal dreißig Jahre lang.

Ich glaube, dass ich so viele Jahre mit diesem Motor als Idee, als Erlebnis lebe, dass ich ihn auch höre, fühle, ich weiß er wird sanfter klingen. Er wird auch so tratratra machen.
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