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Montag • 11:30
15.3.2004
PurSonic
Hören ohne Lautsprecher
Von Thomas Wagner

Hören über Kopfhörer (Bild: AP)
Hören über Kopfhörer (Bild: AP)
Die Wände schwingen - und zu hören ist Musik in allerbester Hifi-Qualität, so ganz ohne Lautsprecher. Dahinter verbirgt sich eine Entwicklung, die der Siemens-Konzern gemeinsam dem Überlinger Kunststoff-Entwickler Puren zum Patent angemeldet hat. Das Prinzip heißt: Hören ohne Lautsprecher - stattdessen schwingen Wände, Kacheln und vieles andere mehr. "Pur Sonic" heißt das neue Patent.

Eine Life-Mitschnitt der legendären "Eagles" aus dem Jahre 1994, abgespielt in ungewohnter Umgebung: Der fensterlose Raum im Keller eines Überlinger Industriegebäudes wirkt auf den ersten Blick befremdend. Auf der einen Seite eine weiße Wand, auf der anderen Seite Kacheln. Nur eines sucht man im Sound-Labor des Schaumstoff-Herstellers Puren vergebens: Lautsprecher.

Die Lautsprecher können sie gar nicht sehen; man kann das auch gar nicht mit einem herkömmlichen Lautsprecher vergleichen.

So Hans Bommer, Entwickler und Geschäftsführer. Vor drei Jahren kamen die ersten Kontakte mit dem Elektronik-Konzern Siemens zustande. Beide Unternehmen packten ein ehrgeiziges Projekt an: Statt herkömmlicher Lautsprecher sollten Wände und Fußböden in Schwingungen gebracht werden - ein Prinzip, das eigentlich schon uralt ist.

Also 1926 war man schon gedanklich dabei, einen Flächenlautsprecher zu produzieren. Man hatte aber keine Möglichkeit aus materiellen Gründen. Es gab keine Materialien wie sie denn heute zur Verfügung stehen und auch entwickelt worden sind. Man hatte damals den sogenannten Blatthaller; die Firma Siemens ist dort der Erfinder. Dieser Blatthaller hatte den Nachteil, dass er mit den damaligen Materialien über 400 Kilogramm schwer war, unsere heutige Fläche wiegt noch nicht mal ein Kilo.

So Wolfgang Schlott, als Projektbetreuer bei Puren für das neue Soundsystem "Pur-Sonic" zuständig. Damit wird auch die Aufgabe klar, die das Überlinger Unternehmen in Zusammenarbeit mit Siemens zu erledigen hatte: Es musste ein spezieller Kunststoff entwickelt werden, der leicht in Wände, Decken oder Fußböden integriert werden kann. Ganz wichtig dabei: Dieser Kunststoff wird durch elektromagnetische Spulen, wie sie auch in jedem Lautsprecher zu finden sind, in Schwingungen versetzt. Der neue Kunststoff überträgt dann diese Schwingungen auf Alltagsmaterialien wie Wände, Putz und Kacheln, die dann den Schall in den Raum abstrahlen. Über Jahre hinweg tüftelten die Überlinger Ingenieure an dieser Aufgabe. Am Ende steht die Entwicklung sogenannter "Sound-Boards", die aus mehreren speziellen Polyurethan-Kunststoffschichten bestehen. Wolfgang Schlott:

Das Soundboard wird in Schwingungen versetzt, so dass mit einer kleinen zeitlichen Verzögerung die ganze Wand schwingt. Das kann man fühlen. Man merkt da ein ganz leichtes Krabbeln, je nach dem, welche Frequenz gerade anliegt.

Lediglich ganz harte Materialien wie Stahlbeton lassen sich durch die Sound-Boards nur unzureichend in Schwingungen versetzen. Ansonsten gibt es kaum etwas, was in Verbindung mit den Sound-Boards nicht als Schallquelle taugt. Hans Bommer:

Dieses originelle Beispiel sind Bilder. Sie können praktisch jedes Bild zum Lautsprecher machen. Aber nicht nur Bilder, sondern auch Spiegel. Und viele Physiker und sonstige Fachleute, die da sind, können es einfach nicht glauben, was für eine hervorragende Klangqualität aus einem Spiegel herauskommt.

Abgesehen davon, dass man bei "Pur-Sonic" keine Lautsprecher sieht, bietet das System auch in Sachen Klangqualität Vorteile, so Wolfgang Schlott:

Wir haben einen wesentlich größeren Abstrahlwinkel gegenüber einem herkömmlichen Lautsprecher. Wir sprechen da von über 120 Grad Abstrahlwinkel. Und das heißt, dass der Raum füllend mit dem Klang ausgefüllt ist.

Die Anwendungsmöglichkeiten von "Pur-Sonic" sind vielfältig: In Schwimmbädern, wo Feuchtigkeit sich mit herkömmlichen Lautsprechern nicht verträgt, können sich die Entwickler die neuen "Sound-Boards" ebenso vorstellen wie in Konferenzräumen und Kinos - also überall dort, wo der Anblick von herkömmlichen Lautsprechern als störend empfunden wird. Allerdings gibt es auch Bereiche, wo "Pur-Sonic" an seine Grenzen stößt.

Man muss aber eingrenzen, dass wir nicht bei den herkömmlichen Lautsprechern Luft in den Raum pumpen, sondern eine relativ ruhige Molekülszene in der Luft erhalten. Deshalb wäre es nicht so angebracht, wenn man damit eine Techno-Disko betreiben würde, wo denn die Jugendlichen bei 20 Hertz diese Luftbewegung benötigen. Wir sind dagegen wesentlich im Vorteil, weil unsere Sound-Boards die feinen, leisen Töne eins zu eins rüberbringen. Man hat dadurch den Eindruck, man ist mittendrin und live dabei, wenn ein Musikstück abgespielt wird.

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