Patentes
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Montag • 11:30
19.4.2004
Abbaubare Biowindel
Von Michael Hollenbach

Säugling mit Flasche (Bild: AP)
Säugling mit Flasche (Bild: AP)
Bislang landeten Windeln immer im Müll - und auch nicht etwa - aus naheliegenden Gründen - in der gelben Tonne, sondern im Restmüll für die Deponie. Das könnte sich bald ändern, denn Wissenschaftler der Universität Osnabrück haben jetzt ein Patent auf die Bio-Windel aus nachwachsenden Rohstoffen erhalten.
Ein Glas Wasser, halb voll, dazu eine Prise mit jenem weißen Pulver, dem Superabsorber von Professor Dieter Lechner -schon kann der Versuch beginnen:

Wenn man das verrührt, zunächst ist das noch flüssig ... das ist der Superabsorber und da sehen Sie, können wir den bereits umkippen und der ist fest.

In wenigen Sekunden hat sich das Wasser verdickt: wie Kleister sieht die Masse aus, aber viel fester. Schon nach 30 Sekunden dreht der Chemiker das Glas um:
Kein Tropfen rinnt aus dem Glas, alles eine feste Masse dank des Superabsorbers aus nachwachsenden Rohstoffen:

Wir selber nehmen Kartoffelstärke, weil das ziemlich preiswert ist, da muss man drauf achten, weil das in Konkurrenz tritt zu den herkömmlichen Superabsorbern.

Der Superabsorber, der das 20- bis 100-Fache seiner Masse an Flüssigkeit aufnehmen kann, besteht aus einer Synthese aus Kartoffelstärke und Pektinen wie zum Beispiel Zitronensäure. Durch Rühren, Schütteln, Backen und Mahlen erzeugen die Wissenschaftler ein dreidimensionales Netzwerk:

Das liegt zunächst in ziemlich gepresster und kleiner Form vor, und wenn das jetzt mit Wasser in Berührung kommt, der Superabsorber, dann bläht er sich auf, und in dieses dreidimensionale Netzwerk wird dann die Flüssigkeit aufgenommen.

Alles an den Osnabrückern Windeln ist Bio: die Folie, die wenigen Gramm des Superabsorbers, die Watte und der Vlies - alles aus Holz, Kartoffelstärke und Zitronensaft und das bedeutet: biologisch abbaubar. Eine schöne Vision nicht nur für Dieter Lechner, wenn man bedenkt, dass jeden Tag in Deutschland bei jung und alt rund 10 Millionen Windeln verbraucht werden.

Das ist ein ziemlich großes Müllproblem: das ist das Volumen eines Mehrfamilienhauses, pro Jahr sind das 370.000 Tonnen wenn man jetzt die Windeln aus nachwachsenden Rohstoffen herstellen würde, würde das entfallen und das könnte dann in die braune Tonne oder den Komposthaufen und würde dann für die Müllproduktion entfallen.

Rund die Hälfte der Bio-Windel ist samt Inhalt bereits nach zwei Wochen verrottet. Dennoch hält sich das Interesse der Industrie an dem Patent für die neue Windel in Grenzen, obwohl Bio- und Kunststoffwindeln in etwa gleich teuer wären:

Es ist so: wenn man jetzt die Superabsorber für Windeln anwendet will, dann muss man Anlagen umstellen, das ist mit Kosten verbunden, und solange das mit normalen Windeln gut läuft, sieht die Industrie keinen Grund, die Anlagen umzustellen, das heißt, es müsste ein gewisser Druck vom Verbraucher oder vom Gesetzgeber kommen, dass das eingesetzt wird.

Falls das mit den Windeln nicht so schnell klappt, kennt Dieter Lechner aber noch weitere Anwendungsarten für den Bio-Absorber. Zum Beispiel als Still-BH, als Pflaster für nässende Wunden, als Wasserspeicher für Wüstenpflanzen oder auch für verpacktes Fleisch:

Wenn man in einem Supermarkt ist, und da eingepacktes Fleisch kauft, dann ist da oft so eine Fleischflüssigkeit, die etwas rötlich ist, und wenn die länger da ist, sind Bakterien da, dann entwickeln die sich schnell und können das Fleisch verderblich machen.

Mit dem Bio-Absorber könne man aber problemlos diese Fleischflüssigkeit absaugen. Doch der größte Markt liegt zweifelsohne bei den Windeln, zumal die Bio-Windeln in Tests sehr gut abgeschnitten haben.

Das macht das angenehme Tragen von so einer Windel aus, weil die völlig trocken ist, während die früher ohne den Superabsorber nass war und sich auch Bakterien entwickelt haben, werden hier keine Bakterien entwickelt, auch die Gerüche werden absorbiert. Das ist schon so, dass die Babys glücklicher sind, wenn die da nicht nass sind.
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