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Montag • 11:30
10.5.2004
Dirty Talk
Wenn Mülleimer sprechen
Von Susanne Nessler

Damit Berlin sauber bleibt, greift die Stadtreinigung gern zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Seit neuestem wird offen über den Dreck in der Hauptstadt geredet. Die Mülleimer in der Stadt haben jetzt das Wort. Sie sprechen Passanten an und bitten um Müll. Das Gespräch am Papierkorb funktioniert überraschend gut. Dahinter steckt natürlicher ein kluger Kopf: Eine kleine Solarfirma, die mit Dreck und Sonnenlicht den Berliner Schmutzfinken auf die Sprünge helfen will.

Es ist ein ganz normaler Vormittag in Berlin am Potsdamer Platz.

Dufte Leistung Kumpel, echt knorke von dir.

Na toll! Touristen und Besucher bummeln durch die Straßen, schauen sich die Gebäude und die schicken Hotels in Berlins neuem Zentrum an.

Welcome, bienvenue...

Doch alle paar Meter werden sie auf der Straße von einem orangefarbenen Mülleimer angequatscht.

Ick hab noch über zwanzig tausend Kollegen in Berlin, dufte Leistung Kumpel, echt knorke von dir." Aha - Der Mülleimer spricht, habt ihr so was in Frankreich auch? En France? Ich soll sprechen? Bonjour. Ca va ? - "Dufte Leistung von dir!" Lachen.

Berlin ist immer ein bisschen schräg, das stand bestimmt auch im Reiseführer des Franzosen, und so sucht er tapfer das Gespräch mit der orangefarbenen Tonne. 20 dieser seltenen Exemplare gibt es seit kurzem in der Hauptstadt. Noch sind die Quassel-Körbe eine Minderheit unter den über 20.000 stummen Mülleimern. Doch die Berliner Stadtreinigung, bekannt für außergewöhnliche Kampagnen, will das Müllgespräch jetzt auszuweiten. Dirty Talk für eine saubere Stadt. Mit Kalle Kiez:

Echt knorke von dir.

Wirklich toll! Mit Susi Schlau:

Welcome, Bienvenue, aregato!

Na dann herzlich willkommen. Und dem singenden Mülleimer: Harry Hitlist, der auf die bekannte Schlagermelodie "Verdammt ich lieb dich" scheppert.

Und mit Bernd Müller, Sprecher der Berliner Stadtreinigung, der lieber doch nicht singt, sich aber intensiv um die sprechenden Abfallbehälter kümmert. Denn sie sollen die Berliner humorvoll dazu bewegen, ihre Stadt sauber zu halten.

Dass Interessante an der Geschichte ist die Idee, die ist wieder Witzig, die ist wieder typisch so ein bisschen in Richtung Berlin. Und die Männer in Orange haben seit Jahren im Rahmen der Sauberkeitskampagne immer schon einen etwas witzig, etwas frechen Auftritt gehabt und das können wir jetzt so ein bisschen traditionell fortführen.

Der klassische Berliner Abfallbehälter ist quadratisch, stahlverzinkt, wiegt 14 Kilo und sieht aus wie eine große offene Zigarettenpackung. Er ist orange, manchmal auch grau und hängt an Laternenpfählen, Pfosten oder Masten.
70 Liter Müll gehen in ihn rein, das ist eine halbe Mülltonne.

Ick hab noch über zwanzig tausend Kollegen in Berlin, dufte Leistung Kumpel, echt knorke von dir.

Damit der Abfall spricht, hat ein Berliner Unternehmen den Mülleimern Solarzellen verpasst. Denn ohne Strom redet kein Abfallbehälter. Kalle Kiez und seine Kollegen Susi Schlau und Harry Hitlist tragen die Solarzellen auf ihrem Rücken. Sie sind gerade mal so groß wie ein Din A 4 Blatt, und liefern knapp 3 Volt. Das reicht, um den Kästen eine Stimme zu geben, sagt Sepp Fiedler. Denn er hat den sprechenden Mülleimer erfunden.

Was hat ein Bein, ist orange und redet mit dir? Mülleimer: "Na ich der erste Papierkorb, der sprechen kann." Fiedler: Der erste Papierkorb, der sprechen kann. Also es ist ein echter Sympathieträger und das war auch der Hintergedanke, wir wollten Mülleimer als das letzte Glied in der Gesellschaft aufwerten.

Das ist gelungen. Nach wenigen Tagen ist der sprechende Mülleimer in Berlin ein Star und kann sich vor Besuchern kaum retten. Einigen Quasseleimern verschlägt es sogar kurzfristig die Sprache, weil sie Neugierigen rund um die Uhr Rede und Antwort stehen müssen. Doch für Dauergespräche reicht die Stromversorgung über Solarzellen nicht. Bei schlechtem Wetter fehlen den Papierkörben dann schon mal die Worte.

Da steht einer. Er hat auf englisch gesprochen, ich hab es nicht verstanden. Man hört das man nicht richtig, jetzt hab ich mal ein Stück Papier aufgehoben und reingeworfen und er spricht. Welcome ...Begrüßung hat er gesagt, willkommen, bienvenue und wahrscheinlich domo aregato.

Zwei Jahre haben die Erfinder an der Steuerung und der Sprache getüftelt, bis das Ergebnis stimmte.

Da haben wir auch ein Patent drauf: der interaktive Aufnahmebehälter. "Na ich der erste Papierkorb, der sprechen kann.

Ein kleiner Lautsprecher im Inneren der Tonne und eine Lichtschranke, das ist der ganze Trick. Sprechen können die Papierkörbe damit so ziemlich alles, nur mit der Aussprache hapert es ein wenig. Schuld daran ist das Umfeld, sagt Sepp Fiedler, das macht dem Sound ein bisschen zu schaffen.

Eine richtig warme menschliche Stimme kriegt man schlecht raus aus einer Mülltonne, vor allen Dingen verändert die ihre akustischen Eigenschaften auch, ob sie voll oder leer ist und scheppern tut sie auch gerne, weil alles irgendwelches Blech ist, wo leichte Resonanzen auftreten können, nur wenn sie voller wird, dann scheppert sie nicht mehr.

Das passiert zurzeit häufig, denn damit die Kästen sprechen, heben die Passanten freiwillig Müll vom Boden auf und befüllen fleißig die Eimer.
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