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Montag • 11:30
17.5.2004
Hörgeräte für Tiere
Von Michael Hollenbach

Trotz großer Ohren brachen auch mache Hund technische Unterstützung beim Hören (Bild: AP)
Trotz großer Ohren brachen auch mache Hund technische Unterstützung beim Hören (Bild: AP)
Die Audiologie, die Wissenschaft vom Hören, ist auf den Hund gekommen. Seit einigen Jahren versuchen Akustiker und Tiermediziner dafür zu sorgen, dass Bello und Mietze wieder besser hören können - mit einem Hörgerät.

Aila, komm, kommst du jetzt, kannst du nicht hören ...

Aila hört nicht! Nicht nur, weil der Hund manchmal störrisch wie ein Esel ist, sondern auch, weil er schwerhörig ist. Ein Problem, von dem viele Hunde und Katzen betroffen sind - entweder altersbedingt, oft aber auch durch Infektionen oder plötzliche Lärmtraumata, berichtet der Tiermediziner Gregor Hauschild. Nicht die Dauerbelastung beispielsweise durch Verkehrslärm sei das Problem, sondern der so genannte Impulslärm wie Chinaböller oder platzende Autoreifen. Die Folgen für die Kleintiere sind dramatisch:

Das hängt mit dem Sozialisierungsgrad des Hundes und der Katze in unserer Gesellschaft zusammen; Hund und Katze werden zunehmend zum Partner innerhalb der Familie, zum Lebenspartner auch für Alleinstehende, und mit zunehmender Schwerhörigkeit eines tierischen Patienten findet eine Isolierung statt diese Patienten ziehen sich zurück, ziehen sich aus ihrem Sozialverbund zurück, dadurch stehen Probleme innerhalb der Familie. Hier entsteht ein Leidensdruck, der therapeutisch anzugehen ist.

Engagierte Tierärzte und Akustiker versuchen seit einigen Jahren, Hörgeräte für Tiere zu entwickeln. Vorbild ist dabei die Humanmedizin: implantierte Hörhilfen für Kleinkinder. Doch noch gibt es kein anerkanntes Therapiekonzept für Tiere, sagt der Junior-Professor an der hannoverschen Klinik für kleine Haustiere:

Da wir beim tierischen Patienten nicht die Möglichkeit haben wie beim Menschen, eine verbale Kommunikation aufzubauen, sind wir sehr eingeschränkt in unseren diagnostischen Möglichkeiten, und ein Aspekt unseres Projektes, ist auch ganz bewusst die Erweiterung der Diagnostik.

Über die Messung von Hirnströmen versuchen die Wissenschaftler festzustellen, ob akustische Reize bei dem Tier überhaupt noch vorhanden sind bzw. wie stark die Schädigung ist. Hans Rainer Kurz, Hörgeräteakustiker aus dem ostfriesischen Wiesmoor, ist da eher ein Praktiker. Der 50-Jährige hat bereits - wie er stolz vermerkt - als erster weltweit sowohl einem Hund als auch einer Katze eine Hörhilfe implantiert - ein digitales Hülsenhörgerät:

Hülsensystem heißt, dass das Tier ähnlich wie beim Piercing, ein kleines Röhrchen durch das Ohr bekommt, und dann ist der Schallaustritt vor dem Trommelfell, die Schallaufnahme jedoch hinter dem Ohr.

Das Gerät hat etwa die Größe einer halben Ein-Cent-Münze und ähnelt einem Ohrschmuck. Die Lautstärke wird zunächst erst schwach eingestellt, damit das Tier sich langsam an die Geräusche gewöhnen kann. Doch schon nach einigen Stunden könnten Hund und Katzen wieder richtig gut hören:

Der Erfolg ist bei Katzen wie bei Hunden sehr spontan, man kann sofort die Reizreaktionen objektiv messen und sieht es auch sofort in der Veränderung.

Der Wissenschaftler Gregor Hauschild ist da vorsichtiger. Er will erst Hörgeräte implantieren, wenn er seine diagnostischen Untersuchungen abgeschlossen hat.

Die spezifischen Probleme liegen zum einen in der Verhaltensweise des tierischen Patienten, man kann dem Patienten nicht sagen: achte auf dein Implantat, kratz dich nicht hinterm Ohr, oder einem Jagdhund: geh nicht ins Unterholz, pass auf, dass da nicht irgendwas abreißt, das sind ganz banale Dinge, aber hier müssen wir ein Implantat finden, was den Patienten nicht stört.

Hans Rainer Kurz ist schon einen Schritt weiter; denn er hat die tierischen Implantate bereits gewissenhaft getestet - aber nicht etwa in Tierversuchen:

Ich war selbst Versuchskaninchen, ich habe diese Hülse mir selbst implantieren lassen, in Eiswasser, in der Sauna, bei Sonne, bei Regen, bei Wind, bei Sand, um zu sehen, wie reagiert die Hülse bei diesen verschiedenen Medien. Erst als ich meine Erfahrungen gesammelt habe, haben wir es beim Tier eingesetzt.

Der Prototyp des tierischen Hörgerätes war sehr teuer, doch der ostfriesische Akustiker rechnet mit einem Preis um die 200 Euro, wenn die Hörhilfe für Katzen und Hunde in Serie hergestellt wird. Hans Rainer Kurz sieht bei Herrchen und Frauchen eine große Bereitschaft, das Portemonnaie für das Wohl ihrer Liebsten gern zu öffnen. Und er hat auch schon einen weiteren Patientenkreis im Blick:

Denkbar wäre es auch der wirtschaftliche Bereich: denken Sie mal an Rennkamele in den asiatischen Staaten, Rennpferde natürlich auch, da würden die Investitionen ein Kleingeld sein zu dem wirtschaftlichen Verlust, wenn so ein Tier nicht mehr hören kann.
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