Patentes
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Montag • 11:30
14.6.2004
Der Läufer
Ein komplett neu konstruiertes Fahrrad
Von Holger Bruns

Modell "Läufer" (Bild: privat)
Modell "Läufer" (Bild: privat)
Das erste Fahrrad, das heutigen Velos entfernt ähnlich sah, hatte einen Rahmen aus Holz, zwei Räder und einen Sitz. Wer damit fahren wollte, musste sich mit den Füßen am Boden abstoßen. Eine Schnellaufmaschine nannte der Mannheimer Erfinder Karl von Drais seine für damalige Zeiten sicher kuriose Schöpfung. Immerhin hatte dieses Gefährt bereits ein lenkbares Vorderrad. Damit ließ sich das Laufrad auch dann im Gleichgewicht halten, wenn man beide Füße oben hielt. Die grundlegende Erfindung des Fahrrades war damit gemacht. Das war im Jahre 1817.

Machen wir uns per pedes auf dem Weg zu zwei Studenten aus Darmstadt, die seit einigen Jahren die Schnelllaufmaschine des seligen Herrn von Drais hypermodern neu erfinden. Sie nennen ihr Radel stolz den Läufer. Ein Wetterschutz gegen den Regen, ein Hilfsmotor gegen mühsam zu nehmende Steigungen, leichte Bauteile aus Kohlefasern gegen zuviel Eigengewicht. Eine mutige Sache, denn heute zählt die Suchmaschine des deutschen Patent- und Markenamtes insgesamt 1230 Erfindungen auf, die allein vom Fahrrad handeln. Der Student Christian Heßling hat den Läufer mitentwickelt.

Das Besondere ist, dass Leute vom Meter fuffzig bis zwei Meter mitfahren können. Man kann den Läufer auf sich anpassen. Man ist wettergeschützt, hat eine sehr gute Aerodynamik, komfortabel, Luftfederung vorne, hinten. Und man fällt damit auf. Es macht Spaß, damit einfach durch die Stadt zu fahren, und sich an 'nem Straßencafé hinzusetzen und hat direkt Gesprächspartner und hat auch die Möglichkeit, nicht nur 'ne kleine Tour um die nächste Wiese zu drehen, sondern wirklich weit zu fahren. Wir fahren, je nachdem, wie trainiert man ist, 35 km/h damit und dann ist es schon möglich, einfach mal zu sagen, hier, wir haben eine Woche Zeit, lass uns an den Atlantik fahren.

In der Bremer Innenstadt gibt es das Piano, eine Kneipe mit Straßencafe. Gleich nebenan verkauft ein Zweirad-Mechaniker handmontierte Velos. Doch soweit das Auge reicht: Nur gewöhnliche Drahtesel. Christian Heßling könnte recht haben. Selbst hier wäre sein Läufer der Blickfang Nummer Eins. Aber die Suche nach Aufsehen war für ihn, den Studenten, nicht das tragende Motiv, sich in die Neuentwicklung eines Fahrrades zu stürzen. Es ging vielmehr um die Selbstorganisation eines studentischen Projektes. Läufer-Entwickler Mathias Goldt.

Der Läufer ist für uns ein Spielplatz der Möglichkeiten, wo wir uns austoben können, wo wir uns unsere Hobbies, unsere Interessen, wo wir die studientechnisch verwirklichen können. Und irgendwann die eigene Idee als Produkt in der Hand zu halten, beziehungsweise in unserem Fall das eigene Produkt zu erfahren.

Machen wir uns auf den Weg zum Institut für Betriebstechnik und angewandte Arbeitswissenschaft der Universität Bremen, kurz BIBA genannt. Dort arbeitet der Fahrrad-Doktor Roger Stanislowski. Er unterstützt den Läufer, weil er glaubt, dass wenigstens einige der studentischen Ideen irgendwann an kommerziell hergestellten Fahrrädern wieder auftauchen werden.

Ich entwickle hier zusammen mit dem Biba einen Antriebsprüfstand, der auch für den Läufer benutzt werden kann. Im Prinzip ist das Projekt Läufer an uns herangetreten aus dem Mangel heraus, dass sie selbst kein eigenes Know-How hatten in der Antriebsentwicklung und wir hier gerade in diesem Bereich dabei sind, eigenes Know-How aufzubauen.

Mit dem Prüfstand ist es noch nicht weit her. Seit Wochen liegen einige Metallteile, Riemen und Elektromotoren auf einer Holzpalette. Doch die Hoffnung der Studenten auf Unterstützung stützt sich nicht etwa auf Absichtserklärungen, sondern auf Tatkraft. Die studentischen Fahrradbastler liefern die Idee, die unterstützenden Firmen die benötigten Bauteile. So kommt man weiter, sagt Christian Heßling.

Es ist sehr schwierig, Technik und Design zu vereinen. Wir haben Kommentare gehört, das können nur die Großen. Autoindustrie, vielleicht noch ein paar andere große Firmen, aber ihr kriegt das nie hin. Und wir haben dann im Bereich Kohlefasertechnik 'nen Sponsor gefunden, der gesagt hat, okay, ich find euere Begeisterung klasse, ich helf euch. Und dann hat die Firma Wethje gesagt, ihr liefert CAD-Daten, wir liefern euch die Teile. Und so hat's angefangen.

In den zehn Semestern seines Bestehens hat sich das Läufer-Projekt ziemlich entwickelt. Mehrere Prototypen erblickten das Licht der Welt, und nichts am Läufer blieb so, wie man es am Fahrrad vorfindet. Konzeptionell ist der Läufer ein Liegefahrrad, ähnelt vom Aussehen her aber eher einem Motorroller. Für die Kraftübertragung ist keine Kette mehr zuständig, sondern eine Zahnriemen. Nur für die Klingel muss man sich noch was einfallen lassen, findet BIBA-Experte Roger Stanislowski.

Möglicherweise wird man da dann halt, wenn man ja schon mal Strom an Bord hat, einfach 'nen Summer nehmen, der dann entsprechend auch durch einen Schalter bedient wird. Und man kann natürlich auch schöne Klingeltöne aufspielen, die mit steigender Aggressivität die Leute vor einem herscheuchen.

Dieses Ding-Gong stammt von der größten Glocke, die man im Fahrradladen kriegen kann. Ein Weg-da-aus-dem-Weg-da-Ruf der Extraklasse. Vielleicht sogar dem Läufer überlegen. Doch die Nabelschau mit technischen Daten war den Studenten nicht so wichtig, die ihr futuristisches Fahrrad aber trotzdem gerne als Innovationsträger bezeichnen. Die Läufer-Fans freuen sich schon auf die symbolische Serienfertigung mit zehn Exemplaren nach Abschluss aller Entwicklungsarbeiten. Christian Heßling zieht eine optimistische Bilanz.

Für mich bedeutet Studium, sich bemühen. Und unser Beispiel zeigt, wer sich bemüht, wer wirklich was will, kann in Deutschland sehr viel erreichen.
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