Patentes
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Montag • 11:30
28.6.2004
Hirntest zur Lebensmittelkontrolle
Von Michael Lange

Hunderttausende Rinder wurden wegen BSE getötet und verbrannt. (Bild: NIAH Japan)
Hunderttausende Rinder wurden wegen BSE getötet und verbrannt. (Bild: NIAH Japan)
BSE ist vergessen. Die Autos stehen längst wieder Schlange vor der Hamburger-Verkaufstelle am Stadtrand.

Der Hamburger sieht aus wie immer. Aber was steckt drin? Obwohl es inzwischen europaweit verboten ist, vielleicht doch Rindergehirn? Vor einigen Jahren wäre dieser Gedanke gar nicht so abwegig gewesen.

Der Grund, warum man das gemacht hat, war einfach, dass Hirn ein guter Emulgator ist, ein gutes Bindemittel. In England hat man es auch den Hamburgern zugesetzt, einfach, weil es eine sehr gute Kittsubstanz ist.

Holger Schönenbrücher vom Institut für Tierärztliche Nahrungsmittelkunde der Universität Gießen hat gemeinsam mit Kollegen einen Test entwickelt, der Gehirn in Nahrungsmitteln aufspüren kann, hundert mal empfindlicher und genauer als bisher existierende Testverfahren. Der Test weist Gehirnmasse im Milligrammbereich nach, auch wenn sie nur 0,01 Prozent des Hamburgers ausmacht.

Erstmals überhaupt kann der neue Test Gehirn von Rindern, Schafen und Ziegen eindeutig von den Gehirnen anderer Tierarten unterscheiden. Statt wie bisher Eiweiße überprüft er Boten-Moleküle, die direkt aus dem Erbgut abgelesen werden: so genannte m-RNA.

Die schwierigste Aufgabe der Giessener Wissenschaftler war es, solche Moleküle zu finden, die typisch sind für das Gehirn, und an denen sich verschiedene Tierarten unterscheiden lassen.
Die nun gefundenen Moleküle mussten außerdem sehr stabil sein und selbst große Hitze, wie bei der Wurstherstellung üblich, überstehen.

Wir haben selber Proben hergestellt, die denen entsprechen, die man auch im Handel kaufen kann. Brühwurstkonserven, die wir unterschiedlich lange erhitzt haben, was den Konserven entspricht, die der Verbraucher im Einzelhandel beziehen kann, und haben die mit unterschiedlichen Hirnzusätzen vermischt. Und dort zeigte das System eine sehr gute Zuverlässigkeit.

Als die Arbeit der Giessener Forscher begann, war die Angst vor BSE auf ihrem Höhepunkt. Mittlerweile sinkt die Zahl BSE-infizierter Rinder von Jahr zu Jahr. Das Patent ist zwar angemeldet, aber bis der Test verkauft werden kann, werden noch einmal zwei Jahre vergehen. Dennoch ist Holger Schönenbrücher überzeugt, dass der von ihm entwickelte Test gebraucht werden wird.
Vor allem für die Fleischhersteller könnte der Test ein wichtiges Hilfsmittel werden. Denn oft kommen unbeabsichtigt kleine Mengen Gehirn beim Schlachtprozess dorthin, wo sie nicht hinkommen sollen. Zum Beispiel in die Wurst.

Die Notwendigkeit eines solchen Testes ist nach wie vor da, sowohl für die große produzierende Industrie, die im Rahmen von Eigenkontrollen sicher sagen will: Wir arbeiten zuverlässig; wie auch für die Überwachung. Und wir haben einen weiteren Vorteil dadurch, dass wir anders als der herkömmliche BSE-Test, der bei Rindern über 24 Monate vorgeschrieben ist und der nur BSE-Erreger nachweist, weisen wir Risikomaterial nach.

Das bedeutet: selbst wenn es BSE bald nicht mehr geben sollte - was noch einige Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern kann - bleibt der Test nützlich. Denn Gehirn- und Nervengewebe überträgt viele Krankheiten - nicht nur BSE. Viele Viren nisten sich besonders gerne im Gehirn ein.
Auch Tiere sollten deshalb nicht das Gehirn anderer Tiere essen.

Es gilt auch, und das ist ein nächster Schritt für unsere Arbeiten, herauszufinden, wie verhält es sich mit Kontaminationen in Tierfuttermitteln. Auch da ist es so: Das Material darf ja nicht zurück über Tierfuttermittel in die normale Tiernahrung gelangen. Und auch da sind Nachweisverfahren notwendig, die das zuverlässig ausschließen können.

Nur wenn auch die Tiere langfristig saubere Nahrung bekommen, bleibt das Essen für die Menschen sicher. Der Test aus Gießen könnte dazu beitragen.
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