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Montag • 11:30
12.7.2004
Billiger Strom aus Ebbe und Flut
Mediziner aus Wolfsburg erfindet Gezeitenkraftwerk
Von Michael Engel

Ein Mediziner entwarf dieses Gezeitenkraftwerk. (Bild: atlantisstrom.de)
Ein Mediziner entwarf dieses Gezeitenkraftwerk. (Bild: atlantisstrom.de)
"Darauf wären wir wohl nicht gekommen!" So oder so ähnlich beurteilen Experten immer wieder die Erfindungen von Laien, die ihre Entwürfe zur Begutachtung vorlegen. Viele der Konstruktionen beeindrucken vor allem durch ihre unkonventionelle Umsetzung. Maschinenbauingenieure - so das selbstkritische Urteil der Experten - denken oftmals zu gradlinig und kommen gerade deshalb nicht auf die Lösung des Problems. Jüngstes Beispiel ist ein Gezeitenkraftwerk, das von einem Mediziner erfunden wurde.

Als junger Student - in der Vorlesung - kam ihm die Idee. Es müsse doch möglich sein, ein Schaufelrad auf dem Meeresboden aufzustellen, das allein durch Ebbe und Flut angetrieben wird. Mit einem Baukasten aus dem Spielzeugladen setzte Kai-Ude Janssen damals vor 14 Jahren sein erstes Model zusammen:

Das Neuartige an diesem Patent ist, dass es ja nicht nur sehr einfach ist im Aufbau, weiterhin ist es als einziges aller patentierten, bekannten Anlagen in der Lage, vollständig getaucht zu arbeiten.

"Atlantisstrom" - so der Name seines Gezeitenkraftwerks - erinnert ein wenig an das Schaufelrad eines Mississippi-Dampfers. Mit dem Unterschied allerdings, dass die Radschaufeln drehbar befestigt sind. In der Strömung richten sich die oberen Schaufeln automatisch auf, während alle anderen in eine waagerechte "Segelstellung" gehen. Im Ergebnis dreht sich das Rad. Prof. Günter Kosyna, der die Erfindung im Pfleiderer Institut für Strömungsmaschinen der TU Braunschweig begutachtete, ist ziemlich beeindruckt.

Man hätte sehr wohl darauf kommen können, nur ist man natürlich als Maschinenbauer mit bestimmten Lösungen vertraut und versucht natürlich immer ein möglichst einfaches Arbeitsprinzip zu haben, das heißt also, bewegliche Klappen sind immer erst mal zweite Wahl. Also, ein üblicher Maschinenbauingenieur ist - würde ich sagen - befangen, um auf "so etwas" zu kommen.

Als Janssen merkte, dass überhaupt noch niemand diese Idee hatte, meldete er sein eigentümliches Schaufelrad als Erfindung an. Und erhielt das begehrte Patent. 20 Meter breit und acht Meter hoch - so groß soll sein Gezeitenkraftwerk einmal werden. Kostenpunkt: 500.000 Euro. "Das ist preiswert", fügt der Erfinder hinzu und verweist auf ein Wasserkraftwerk, das Maschinenbauingenieure der Universität Kassel entwickelten: es war mit fünf Millionen Euro zehnmal teurer. Geringe Baukosten - so der gelernte Mediziner optimistisch - machen den Strom billig.

Wir haben betriebswirtschaftlich das Modell durchgerechnet, und wir wären bei einem neun Cent pro Kilowattstunde-Preis innerhalb von zehn Jahren, selbst bei einem großen Prototyp schon im schwarzen Bereich. Das ist, wenn man sich anderen Formen der regenerativen Energie ansieht, absolut konkurrenzfähig.

Im Wattenmeer sind Ebbe und Flut allerdings zu schwach, um das Schaufelrad in Schwung zu bringen, anders in den norwegischen Fjorden. Dort könnte eine Anlage 300 Kilowatt Leistung bringen, genug Energie für 700 Haushalte. Das Kraftwerk stünde auf dem Meeresgrund. Es wäre somit unsichtbar, anders als die vielen Windkrafträder, die unsere Küsten verschandeln. Auch die Schiffe könnten problemlos darüber hinwegfahren. Dr. Detlev Wulff, der die Anlage in der TU Braunschweig durchgerechnet hat, ist dennoch skeptisch.

Für mich ist es eine Frage auch der Wirtschaftlichkeit, und da muss man eben sehen, ob sich im Dauerbetrieb wirklich die 20-Jährige Haltbarkeit, die projektiert ist, erzielen lässt und mit welchem Wartungsaufwand.

Die Alltagstauglichkeit - noch dazu unter Wasser - wird sich allerdings erst erweisen können, wenn das Kraftwerk tatsächlich existiert. Ein erster Testlauf mit einem zwei Meter großen Modell konnte jedenfalls zeigen: es funktioniert. Jetzt fehlt dem Erfinder nur noch dies: ein originalgetreues Gezeitenkraftwerk, das seine Tauglichkeit unter Beweis stellen kann. Indes: Investoren, die bereit sind, 500.000 Euro auszugeben, sind noch nicht gefunden. Genau das ist das nächste Ziel.
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