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Montag • 11:30
2.8.2004
Fagott auf dem Prüfstand
Von Hartmut Schade

Der hochrote Kopf eines Fagottisten nach einem Solo ist sozusagen berufsbedingt. Hohe - aber auch besonders tiefe - Töne zu spielen, braucht viel Kraft. Immer hin muss eine drei Meter lange Luftsäule erzeugt werden. Doch Schweißausbrüche und rote Köpfe im Orchestergraben könnten bald der Vergangenheit angehören, denn ein Luftfahrttechniker der TU Dresden nahm sich jetzt des Fagotts an und stellte fest - strömungsmechanisch alles andere als optimal gebaut.
45 Jahre lang verfolgte Roger Grundmann ein Ton: das Kontra-B gespielt von einem Fagott. Als Schüler hatte er es im Musikunterricht gehört.

Immer wenn der tiefste Ton kam, wackelte die Tafel und seitdem sind die tiefen Töne das zu erreichende Ziel.

Mittlerweile ist Roger Grundmann Professor für Luft- und Raumfahrttechnik an der TU Dresden. Und noch immer faszinieren ihn die tiefen Töne. Vor einigen Monaten erfüllte er sich endlich seinen Kindheitstraum und kaufte sich ein Fagott.

Wenn sie dann endlich Töne rauskriegen, dann kommen kleine Geheimnisse, werden bekannt gemacht beispielsweise, dass der S-Bogen - also das Stück zwischen Mund und eigentlichem Fagott selber, dass der sehr empfindlich sei, habe mir zwei S-Bögen gekauft und mein Laienverstand ergab, dass der eine sich leichter spielte als der andere.

Die Probleme des Fagottisten forderten den Strömungsmechaniker in ihm heraus.
Die Ursache für den Unterschied war schnell gefunden - ein S-Bogen war ein wenig anders gekrümmt. Nachdem Roger Grundmann ihn etwas verbogen hatte, ließ er sich genauso leicht blasen wie der andere.
Der Strömungsmechaniker analysierte nun die Luftströmungen in den S-Bögen und stellte fest: die Luft wirbelt heftig durch sie hindurch. Und wo Wirbel sind, entsteht Reibung und diese muss mit viel Kraft überwunden werden, was dann zu dem hochroten Kopf des Fagottisten führt.
Mit Verfahren, die normalerweise in der Luft- und Raumfahrtechnik genutzt werden, suchte er nun nach der idealen Form des S-Bogen des Fagotts. Seine Lösung:

Ich hab die beiden Krümmungen so gelassen und nur an die richtigen Stellen geschoben, hab einen graden Teil eingeführt, der verzichtet auf einen großen, geschwungen Bogen und hab einen kleineren daraus gemacht.

Das Ergebnis: ein Drittel weniger Reibung. Die Fagottisten sind von der unerwarteten technischen Hilfe begeistert.

Ich habe den Eindruck, dass die Tiefe und auch die Höhe besser anspricht, leichter anspricht, so dass so manche Tonrepetition besser ausführbar ist,

sagt Andreas Börtitz, Solokontrafagottist der Sächsischen Staatskapelle Dresden und testet den neuen S-Bogen in seinem Arbeitszimmer.
Perfekt ist der Klang der handgebogenen und mittlerweile als Gebrauchsmuster patentierten S-Bögen aber noch nicht. Deshalb baute der Forscher einen Fagottprüfstand in den Keller seines Institutes. Auf einem alten massiven Holztisch, auf den sich die Spuren vergangener Experimente tief eingegraben haben, ist ein einzelner S-Bogen gespannt, der mit Pressluft angeblasen wird.
Über den daneben stehenden Monitor laufen grüne Kurven - eine Klanganalyse, mit deren Hilfe Roger Grundmann untersucht, wie die Krümmung, Legierung und Wandstärke den Klang eines S-Bogens beeinflussen.
Das Fagott soll nicht das einzige Instrument bleiben, dem Roger Grundmann mit Hilfe der Strömungsmechanik Unarten austreibt.

Das Horn mit seinen vielen Windungen, mit Ventilen und einem konischen Mundstück ist eine strömungsmechanische Herausforderung, der sich Grundmann als nächstes stellt.
Mittlerweile sind die Instrumentenbauer hellhörig geworden. Bislang haben sie Flöten, Oboen, Fagotte oder Saxophone nur akustisch verbessert. Mit Hilfe von Roger Grundmann sollen nun die Blasinstrumente auch strömungstechnisch perfektioniert werden, damit die hochroten Köpfe der Musiker der Vergangenheit angehören.

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