Patentes
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Montag • 11:30
13.9.2004
Unsichtbares Flimmern
Neuartiges Energiesparmodul nutzt die Trägheit der Augen
Von Michael Engel

Weniger Unfälle, weniger Straftaten, mehr Wohlbehagen: Das alles lässt sich mit hell erleuchteten Straßen erreichen. Der Preis für den nächtlichen Bürgerservice ist allerdings hoch. In manchen Kommunen macht dieser Posten sogar 50 Prozent der städtischen Stromrechnung aus. Kein Wunder, dass in vielen Rathäusern intensiv über die verschiedenen Einsparmöglichkeiten nachgedacht wird - von Energiesparlampen über Nachtabschaltungen bis hin zur Kostenbeteiligung der Anwohner. Ein Erfinder aus Neustadt am Rübenberge in Niedersachsen hat sich in Sorge um die Finanzen seiner Gemeinde richtig viele Gedanken über die Straßenbeleuchtung gemacht. Herausgekommen ist ein Energie-Power-Saver - ein Sparmodul, das die Energiekosten um 30 bis 50 Prozent senken kann.

Wenn es Nacht wird - in Neustadt am Rübenberge - dann gehen die Lichter aus. Das ist gut für den Waldkauz, aber auch für das Stadtsäckel. Die Nachtabschaltung der Straßenlaternen - von eins bis vier Uhr in der Frühe - entlastet die ländliche Kommune um satte 100.000 Euro jährlich - rund 25 Prozent - doch selbst das konnte niemanden so recht erfreuen: Es hagelte Bürgerproteste. Die erregte Spardebatte um die Nachtabschaltung brachte den Informationselektroniker Matthias Müller aus dem idyllisch gelegenen Scharrel auf einen genialen Einfall

Die Idee ist, dass wir das Licht für Bruchteile von Sekunden im tausendstel Sekundenbereich ausschalten, was das menschliche Auge nicht wahrnehmen kann.

Nur sieben Zentimeter hoch und vier ein halb Zentimeter breit ist seine Erfindung, die den Namen "Energie-Power-Saver" - kurz EPS - trägt. Das handliche Energiesparmodul passt als so genanntes "Vorschaltgerät" in jede Straßenlaterne hinein. Nicht einmal fünf Minuten dauert der Einbau. Und dann kann's auch schon losgehen. 100 Mal in der Sekunde knipst EPS den Strom einfach aus, ohne dass Autofahrer oder Anwohner etwas merken. Das menschliche Auge reagiert nämlich viel zu träge, und außerdem überbrückt das so genannte "Nachleuchten" der Lampen die kurze Abschaltzeit von nur wenigen Millisekunden. Ergebnis der trickreichen Elektronik: 30 bis 50 Prozent weniger Stromverbrauch.

Das ist eine elektronische Lösung, es wird alles elektronisch ohne einen mechanischen Kontakt realisiert. Was wir haben, ist eine Technologie, die wir nach unseren Recherchen im Stand der Technik noch nicht finden konnten.

Das Münchener Patentamt wurde bemüht, und auch seine Heimatgemeinde Neustadt sollte von der Erfindung überzeugt werden. Matthias Müller schenkte der Verwaltung 200 EPS-Module zum Stückpreis von 20 Euro. Nicht ganz uneigennützig: Der Feldversuch sollte zeigen, was intelligente Elektronik leisten kann. Auf eine Straßenlaterne bezogen sieht seine Rechnung so aus.

Dort kommen wir auf einen reinen Stromkostenverbrauch ca. von 50 Euro pro Jahr. Wir haben den Versuch hier aufgebaut mit 30 Prozent Energieersparnis. Sprich: bei 50 Euro im Mittel liegen wir ungefähr bei 15 Euro Energieersparnis im Jahr. Nach eineinhalb Jahren haben wir die Rückzahlung bei dieser Investition.

Jetzt, nach zwei Monaten Feldversuch, liegen die ersten Ergebnisse vor: Es gab Einsparungen von 24 Prozent. Ernst Kerger - Leiter des Fachdienstes Tiefbau in Neustadt am Rübenberge:

Dem Grund nach können wir zufrieden sein, auch wenn wir das erwartete Einsparpotential von rund 30 Prozent, aber wir hatten keine Ausfälle, das heißt, es ist technisch so weit in Ordnung gewesen, dass die Anlagen gebrannt haben und die Stadtwerke, die ja diesen Feldversuch begleitet haben, nicht extra raus fahren mussten, um Fehler zu beseitigen.

Beschwerden von Anwohnern - zum Beispiel über dunklere Laternen - gab es auch nicht. Letzteres Ergebnis verwundert die Stadtverwaltung besonders: Lampen mit EPS-Modulen sind nämlich ein klein wenig dunkler. Der Erfolg macht nun beide Seiten froh. Den Unternehmer, der mit gigantischen Aufträgen rechnet, ebenso wie die gebeutelte Kommunalverwaltung, die mit der unverhofften Innovation gerne kokettiert.

Interesse besteht natürlich bei großen Versorgungsträgern. Weil überall eingespart werden muss. Und Straßenbeleuchtung ist überall ein erheblicher Anteil der Kosten. Aber die warten natürlich ab und haben auch nicht ganz so das Interesse wie wir für unser mittelständisches Unternehmen da zu helfen. Nach dem Motto: Alle Mann, geh' Du voran.

Ernst Kerger hat gut Lachen. Jetzt, da sich der Feldversuch zum vollen Erfolg entwickelt. Ob nun alle 7500 Straßenlaternen mit dem neuen Modul ausgestattet werden - diese Entscheidung ist offen - noch liegen nicht alle Daten auf dem Tisch. Fest indes steht dieser Beschluss: die Nachtabschaltung - zwischen eins und vier - bleibt weiterhin bestehen, selbst wenn die Module kräftig sparen helfen. Denn - wie gesagt: Neustadt ist pleite. Und nur wenige freuen sich über diesen Zustand - zu nächtlicher Stunde.
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