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Montag • 11:30
27.9.2004
Textilien für Hautkranke
Von Gerhard Trey

Extravagant, aber auch hautfreundlich? (Bild: AP)
Extravagant, aber auch hautfreundlich? (Bild: AP)
"Die Hohensteiner Institute" mit ihren 140 Mitarbeitern sind in der Textilbranche ein markanter Begriff. In den Laboratorien werden Textilien physikalisch und chemisch aufs Genaueste analysiert, aber auch Menschen werden vermessen, um der Bekleidungsindustrie wichtige Daten für eine gute Passform zu liefern. Immer größere Bedeutung kommt auch der Textilhygiene, der Mikrobiologie und der Biotechnologie zu. "Kleidung als zweite Haut", das heißt auch, Textilien werden für Hautkranke besonders aufbereitet und auch als Therapeutikum eingesetzt. Aus diesem Ansatz hat sich eine enge Zusammenarbeit des Textil-Instituts mit der Medizin, speziell der Dermatologie, entwickelt.

Es klingt wie eine Binsenweisheit, ist aber für Menschen mit Hauterkrankungen besonders wichtig: Die engste Berührung mit der kranken Haut hat nun mal die Kleidung. Was liegt also näher, als die Textilien so zu gestalten, dass sie für den Hautkranken eine schützende und vielleicht sogar heilende Funktion übernimmt. Der Leiter der Hohensteiner Institute Dr. Stefan Mecheels.

Textilien sollen schützen, sie sollen wärmen, sie sollen bei sportlichen Tätigkeiten Feuchtigkeit vom Körper schnell abführen. Aber jetzt kommt eben ein ganz neuer Gedanke dazu, Textilien sollen auch die Aufgabe übernehmen, Kranke zu therapieren, Krankheiten zu heilen und auch Gesundheit zu überwachen.

Dass Stoffe als Wundverband schützen und damit bei der Heilung helfen, ist nichts Neues, doch die Textilwissenschaftler gehen nun einen Schritt weiter. Sie konzipieren für ganz bestimmte Hautkrankheiten speziell präparierte Textilien. Professor Josef Kurz, Textilforscher.

Man kann heute sehr viel machen in der Textilchemie, um Textilien therapeutisch einzusetzen. Wenn man daran denkt, dass es etwa 5 Millionen Neurodermitiker gibt, dann muss man sich was einfallen lassen, um diesen Leuten zu helfen. Die Textilien können heute die Schmerzen und auch den Juckreiz der Neurodermitiker lindern, indem sie Silberionen während des Tragens der Kleidung abgeben und damit die Haut vor Juckreiz schützen.

Wer bei Textilien bisher nur an Modeschöpfer, Design, Laufsteg und Models dachte, muss also ein bisschen umdenken. Vielleicht haben zukünftig auch die Mediziner ein gerüttelt Wort mitzureden, wenn es um die Gestaltung von Textilien geht. Stefan Meechels.

Solche Innovationen werden möglich, indem die Textilforscher eng zusammenarbeiten mit Dermatologen, der Unfallchirurgie , kurzum mit der Medizin, um letzten Endes Produkte zu schaffen, die dann auch die erwartete Therapie bewerkstelligen.

Während es bei Neurodermitikern darum geht, durch die Silberbeschichtung der Kleidung eine glatte Oberfläche zu schaffen und damit den Juckreiz zu mindern, werden bei Menschen mit chronischen Wunden die Medikamente direkt in die Stoffe eingebaut.

Es gibt in Deutschland etwa vier Millionen Menschen mit chronischen Wunden. Chronische Wunden heißt offene Beine, Aufliegen von schwerkranken Leuten oder Wunden durch Diabetes. Wir versuchen hier in Hohenstein neue Wund-Auflagen herzustellen, mit denen man die therapeutischen Substanzen unmittelbar und direkt in die Wunde einbringen kann, damit der Heilerfolg wesentlich schneller und effektiver abläuft als heute.

Doch geht es nicht allein um die Wundbehandlung, auch das schicke Kleid, das modische T-Shirt wird zukünftig vielleicht mit Vitaminen, Kosmetika oder eben auch mit ganz bestimmten Medikamenten ausgestattet werden. Ein ideales Medium, denn das Kleidungsstück wird ja den ganzen Tag über getragen.

Das kann man sich so vorstellen, es werden auf die Oberfläche des Textils kleine Kapseln aufgebracht, Mikrokapseln, Nano-Kapseln oder auch kleine Zucker-Moleküle, in diese können die Wirkstoffe eingelagert werden und erst, wenn das Textil in Berührung mit der Haut kommt, mit der Feuchtigkeit, mit der Wärme, dann werden die Wirkstoffe Stück für Stück an die Haut abgegeben.

Da bleibt die Sorge, dass jetzt Stoffe mit allerlei Wirkstoffen gespickt sind, von denen der Träger nichts weiß. Müssen wir uns auf neue Allergieformen gefasst machen?

Der Verbraucher braucht nun keine Angst zu haben, dass da irgendwelche Wirkstoffe auf die Haut kommen, die er gar nicht haben möchte oder die ihn schädigen. Auch diese Produkte müssen deklariert werden als kosmetische oder medizinische Produkte, sie müssen im Vorfeld geprüft, getestet sein, ob irgendwelche möglichen Gefahren für den Menschen ausgehen.

In Krankenhäusern wird Hygiene bekanntlich groß geschrieben, auch hier können die Hohensteiner Forscher helfen, indem sie den Bakterien und Viren das Leben auf den Textilien schwer machen. Josef Kurz

Wir sorgen dafür, dass die Wäsche und die Kleidung frei ist von Bakterien und Viren. Ganz neu ist, dass wir auch dafür sorgen, dass die Kleidung der Ärzte und Schwestern während des Tragens hygienisch einwandfrei bleibt, indem wir antimikrobielle Ausrüstungen auf die Materialien bringen, die verhindern, dass Bakterien wachsen und auf Patienten übertragen werden können.

Denkbar ist auch die Kontrolle von Krankheitssymptomen durch Textilien. So könnten auf der Oberfläche von Kleidung Nano-Sensoren angebracht werden, die etwa die Enzymkonzentrationen bei Herzerkrankungen, erhöhten Blutzucker bei Diabetes oder die Cholesterinwerte und Stickoxidkonzentrationen bei Schlaganfallpatienten laufend registrieren. Und ganz perfekt gedacht, könnte man dann durch integrierte automatische Injektionen gegensteuern. Doch das ist selbst für die Hohensteiner Forscher noch Zukunftsmusik!
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