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Montag • 11:30
25.10.2004
Multigleiter für die Eisrettung
Von Hellmuth Nordwig

Segeln (Bild: AP)
Segeln (Bild: AP)
Wer mit seinem Segelboot kentert, der kann sich einigermaßen darauf verlassen, dass ihm die Wasserwacht zu Hilfe kommt. Bricht man aber im Winter ins Eis ein, dann ist eine Rettung nicht immer möglich. Denn die Helfer gelangen oft nicht schnell genug zur Unglücksstelle. Allein auf den bayerischen Seen kommt deshalb in jedem Winter zu mehreren tödlichen Unfällen auf dem Eis. Nun gibt es eine neue Rettungsmöglichkeit.

Am Bootssteg der Wasserschutzpolizei in Prien am Chiemsee. Feuerwehrleute und Vertreter der Wasserwacht sind gekommen und werden in ein neues Boot eingewiesen. Es soll ein Problem lösen, das sich den Rettungskräften regelmäßig im Winter stellt, wenn der See zugefroren ist: Sie kommen nicht schnell genug auf die Inseln, wenn es brennt, oder zu einem Pechvogel, der im Eis einbricht. Jedes Jahr gibt es einige solche Einsätze. Wie sie bisher abgelaufen sind, schildert Peter Wendl, der Leiter der Polizeiinspektion Prien:

Es sind rund um den Chiemsee Eisrettungsschlitten stationiert. Das sind Alugestelle, die von Menschen auf dem Eis fortbewegt werden. Sobald das Ding einbricht, muss es wieder aufs Eis gezogen werden. Die Leute, die es gezogen haben, fahren mit Schlittschuhen, sind teilweise auch eingebrochen und nass, müssen sich enorm plagen, bis sie ein paar hundert Meter draußen sind an einer Einbruchsstelle. Dann sind sie schon körperlich erschöpft, sollen dann noch einen retten und möglichst schnell an Land mit ihm kommen. Das ist natürlich etwas, was allzu viel Zeit kostet.

Deshalb hat das zuständige Landratsamt also das neue Rettungsboot angeschafft. Erfunden hat es der Ingenieur Reinhold Ficht:

Ein Schlauchboot mit einem Aluminiumboden, das Boot ist ungefähr 6,50 Meter lang und 2,80 breit. In diesem Boot ist ein Gerüst montiert, und darin hängt ein 140 PS starker Flugmotor, der das Boot durch die Luft antreibt.

Der Motor treibt einen mannshohen Propeller, der im Heck des Bootes steht. Damit bei der Fahrt niemand zu Hackfleisch verarbeitet wird, ist der Propeller von einem engmaschigen Gitter umgeben. Eine Schiffsschraube wäre nicht in Frage gekommen. Denn das Boot ist nicht in erster Linie für den Einsatz im Wasser gedacht, sondern es soll übers Eis gleiten. Die ersten Interessenten für das patentierte und rund 100.000 Euro teure Gefährt kamen denn auch aus dem Norden: Vertreter des Hamburger Hafens oder der Halligen in der Nordsee.

Schweden waren da, Norweger waren da, aber auch Araber. Die möchten über den Sand fahren mit dem Ding. Das kann man sicherlich machen. Die wollen das nicht für Rettungszwecke, sondern bloß zur Gaudi, und da muss man dann kräftige Motoren installieren.

Der so genannte Multigleiter ist also ein Allzweckfahrzeug - anders als die propellergetriebenen Boote, die zum Beispiel durch die Sümpfe der amerikanischen Südstaaten schippern. Auch sonst gibt es Unterschiede: Die Wülste bestehen aus einem speziellen kältefesten Gummi, der zusätzlich durch Gewebe verstärkt ist. Und auch dem Aluminiumboden kann so leicht nichts passieren.

Ein normaler Aluminiumrumpf würde auf der Stelle anfrieren. Wir hätten also unterhalb einen Schneebaaz angefroren, und das Boot wäre sehr behindert. Um das zu verhindern, haben wir eine Reihe Versuche gemacht und das Aluminium nun mit einem sehr teuren Werkstoff beschichtet, der ist sehr ähnlich wie der, den jedermann auf den Skiern hat.

Auf dieser Kunststoffschicht gleitet das Boot über fast jede Oberfläche. Die muss nicht einmal besonders eben sein - eine Kiesbank in einem Fluss ist jedenfalls kein Hindernis. Der Fahrer steuert das Gefährt genau wie ein Motorrad - er sitzt rittlings auf einer Bank und hält einen Lenker, der die Seitenruder steuert.

Man kann auch bremsen, das ist sehr wichtig, denn man wird mit dem Gerät auf dem Eis außerordentlich schnell. Da hat man im Handumdrehen 80 bis 100 Kilometer Geschwindigkeit. Und nun kann ich den Schub des Propellers - der normalerweise so gerichtet ist, dass das Boot vorwärts gedrückt wird - den kann ich umkehren, und dann kann ich das Boot damit bremsen.

Das ist also genauso wie bei einem Flugzeug. Die Feuerwehrleute am Chiemsee sind begeistert von ihrem neuen Rettungsfahrzeug: Nun können sie auch im Winter die Herreninsel erreichen, sollte es dort im Schloss von König Ludwig II. einmal brennen.

Da gibt es eine Vorgabe, dass die innerhalb von 15 Minuten mit sechs Mann auf der Herreninsel sein müssen, um den Feuerschutz auch im Winter darstellen zu können. Und das ist natürlich mit den bisher vorhandenen Mitteln nicht möglich.

Mit den bisherigen Übungen war der Einsatzleiter hoch zufrieden. Nun hoffen alle auf einen richtig strengen Frost mit Einsätzen, bei denen sich der Multigleiter bewähren kann. Auch die Naturschützer haben sich inzwischen mit der Aussicht auf Flugzeuglärm auf dem Eis abgefunden, sagt Peter Wendl:

Wenn es um die Rettung von Menschenleben geht, ist es vertretbar, dass es lauter ist als etwas anderes - zumal es dem zu Rettenden wahrscheinlich egal sein wird, wie laut das Boot ist.

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