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Montag • 11:30
15.11.2004
Elektroschweißen in der Medizin
Von Juri Silvestrov

Strommast  (Bild: AP)
Strommast (Bild: AP)
Der Einsatz von elektrischem Strom in der Medizin ist vielfältig: Bei der Elektrotherapie nutzt man die stimulierenden Wirkung des Stroms, der die Muskulatur lockert, die Durchblutung anregt und Schmerzen lindert. Während einer Operation werden Blutgefäße eröffnet und können mit elektrischem Strom verschlossen werden. Eine völlig neue Einsatzmöglichkeit wurde von ukrainischen Wissenschaftlern und Ärzten entwickelt: das Elektroschweißen.

Vielen Betroffenen ist das Thema peinlich, deshalb wird oft lange gezögert, bis man sich in ärztliche Behandlung begibt. Auch Andrej Wolodin aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew erging es so:

Mich quälten Hämmorrhoiden, die äußeren und inneren, und zwar im fortgeschrittenem Stadium. Ich konnte kaum noch sitzen und laufen, besonders schlimm war es immer nachts!

In solch einem Zustand wandte sich Andrej Wolodin aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew an den Arzt. Nach der Untersuchung hat der Mediziner eine Entscheidung getroffen, die den Kranken wunderte. "Ihr Problem können wir leicht lösen", sagte er und bat seinen Assistenten, für den nächsten Tag ein Schweissgerät vorzubereiten.

Versuche, Strom in der Chirurgie einzusetzen, gibt es bereits seit mehr als 100 Jahren. Die früheren Methoden hatten aber einen großen Nachteil: sie zerstörten auch gesundes Gewebe. Beim Elektroschweißen ist das nicht der Fall. Prof. Dr. Michajlo Sacharasch hat dieses Verfahren für das Ukrainische Paton-Institut für Schweißtechnik entwickelt:

Diesem Verfahren liegt das Prinzip der Eiweißgerinnung zu Grunde. Unter der Stromwirkung werden die Zellmembranen teilweise zerstört, dabei kommt es zur Ausscheidung der Eiweißflüssigkeit. Durch deren Gerinnung wird das Gewebe dann wieder zusammengeschweißt. Etwas später bildet sich die Gewebestruktur neu, es bleiben überhaupt keine Verbrennungen zurück. Das Ganze erfolgt ja bei 40 bis 45 Grad Celsius, wogegen bei der Elektrochirurgie Operationstemperaturen von 100 Grad erreicht werden. Und: was ebenso wichtig ist: beim Elektroschweissen oder -schneiden kommt es so gut wie zu keiner Blutung.

Die Idee über das Gewebe-Schweissen entstand vor 15 Jahren, Das Verfahren wurde vom Direktor des Instituts für Elektroschweißen, Boris Paton, entwickelt. Zunächst an Ratten, Kaninchen und Schweinen getestet, begann Prof. Sacharasch im Jahre 2000 mit menschlichen Organen zu arbeiten.

Wenn zum Beispiel eine Harnblaase entfernt werden soll, habe ich sie geschweißt und dann die Naht auf ihre Stärke getestet. D.h. ich wusste, dass dieses Organ sowieso entfernt wird, daher gab es kein Risiko. Und erst nachdem wir mehr als 200 derartige Eingriffe durchgeführt hatten, bei denen keine Komplikationen auftraten, reichten wir die Papiere beim Ukrainischen Gesundheitsministerium ein, um ein Patent zu erhalten. Die Entscheidung fiel sehr schnell. Es war ja wirklich eine technologische Revolution, und die Effizienz der Methode erwies sich als sehr hoch.

Bei diesem Verfahren werden weder Fäden noch Leim oder Klammern verwendet. Das reduziert die Heilungszeit nach dem operativen Eingriff.
Eine Schweißapparatur kostet ca. 25 Tausend Dollar und besteht aus einem speziellen Stromaggregat, einem Computermodul und daran angeschlossenen Operationsinstrumenten.

Die Anwendungsmöglichkeiten des Elektroschweißens im Niedertemperaturbereich sind sehr vielfältig: Operationen an der Leber, im HNO-Bereich oder der Gynäkologie, bei verschiedenen Magenerkrankungen oder bei Hämmorrhoiden. Der Patient Andrej Wolodin erinnert sich:

Die Operation war erfolgreich, ich hatte so gut wie keine Schmerzen. Nach dem Eingriff kam eine Krankenschwester, um mir eine Schmerzspritze zu geben. Eigentlich brauchte ich sie nicht so sehr, bin aber sicherheitshalber darauf eingegangen. Am nächsten Tag habe ich auf diese Spritze verzichtet. Ich konnte schon vom Bett aufstehen und selbst zur Toilette gehen.

Seit dem Jahre 2000 wurden in Kiew mehr als ein Tausend derartige Operationen durchgeführt - ohne Komplikationen. Etwa die Hälfte der Chirurgen, die im Kiewer Spital von Prof. Sacharasch arbeiten, beherrscht diese OP-Technik. Zu wenig und deshalb entsteht in der ukrainischen Hauptstadt momentan ein medizinisches Zentrum, in dem Ärzte das Operieren mit dem Schweißen erlernen können.

Viel versprechen sich die Mediziner um Prof. Sacharasch auch von ihren zwei Patenten in den USA, wo ihr Verfahren derzeit von der amerikanischen Food and Drug Administration FDA getestet wird.
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