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Montag • 11:30
13.12.2004
"Jungend forscht" für behinderte Menschen
Von Stephanie Kowalewski

"Jugend forscht" für Behinderte. Blinde können mit den Fingern lesen (Bild: AP)
"Jugend forscht" für Behinderte. Blinde können mit den Fingern lesen (Bild: AP)
Jedes Jahr investieren hunderte Jugendliche einen Großteil ihrer Freizeit, um bei dem bundesweiten Wettbewerb "Jugend forscht" mitzumachen. Doch wenn die Regional-, Landes- und Bundesausscheidungen längst vorbei sind, tüfteln sie weiter an ihren Erfindungen. Sie sind vom Forschen begeistert und von ersten Erfolgen motiviert. Einige präsentieren ihre Entwicklungen auf Messen und heimsen Preise von Stiftungen ein. Und einige lassen sich ihre Ideen patentieren.

Jessica Maxam und Silvia Hermann aus Rostock sind sichtlich stolz auf ihre "Jugend-forscht"-Arbeit. Denn sie hat das Potential, Kinder und deren Familien glücklich zu machen.

Wir haben Legasthenikerkinder untersucht und haben herausgefunden, dass sie winkelfehlsichtig sind, stark winkelfehlsichtig einige, und haben denen halt Korrektionshilfen verpasst.

Bei der Winkelfehlsichtigkeit ist das Zusammenspiel beider Augen gestört. Die zunächst getrennt wahrgenommenen Bilder der Augen werden nicht gleichzeitig auf der Netzhaut abgebildet. Deshalb ist das Gesehene verschwommen, erscheint doppelt oder tänzelnd. Eine Prismenbrille kann die Fehlsichtigkeit ausgleichen. Doch oft bleibt der Sehfehler unentdeckt, erklärt die 17-jährige Silvia Hermann.

Die Kinder sind ja manchmal rechtsichtig, haben weder Kurz- nicht Weitsichtigkeit. Aber das Binokularsehen wird halt nicht geprüft, weil es halt von den Krankenkassen nicht bezahlt wird. Und so kann es zustande kommen, dass es so versteckte Sehfehler gibt und die die Probleme noch erschweren.

Die beiden Schülerinnen aus Rostock testeten die Sehleistung von Legasthenikerkindern, also Kindern mit einer Lese-Rechtschreibschwäche. Bei zehn Kindern zeigte sich eine deutliche Winkelfehlsichtigkeit, die schließlich auch von einem Optiker bestätigt wurde. Er verordnete den Kindern eine Prismenbrille. Mit Erfolg, freut sich Jessica Maxam.

Und nach längerer Tragezeit hat sich das verbessert. Die konnten schreiben, lesen und konnten auch auf eine normale Schule gehen. Die brauchten gar nicht auf diese Legasthenikerschule. Ja und das ist eigentlich das Hauptergebnis, dass wir diesen Kindern diese Besserung gebracht haben und diese seelische Entlastung und optische Entlastung. Die hatte ja Kopfschmerzen zum Teil durch diese Winkelfehlsichtigkeit.

Zurzeit beschäftigen sich die Rostockerinnen mit den wirtschaftlichen Aspekten ihrer Forschungsergebnisse.

Was ist teurer, wenn man das Kind auf die Legasthenikerschule schickt oder ist es billiger wenn man das Kind zum Augenarzt schickt, Winkelfehlsichtigkeit feststellt und eine Brille verschrieben wird. Was lohnt sich denn nun mal mehr.

So verschieden die Forschungsarbeiten der Jugendlichen sind, so unterschiedlich ist auch die Themenfindung. Gerade als Benjamin Held und sein Mitstreiter sich für eine Teilnahme bei "Jugend forscht" entschieden hatten, brach sich der heute 20-Jährige beide Handwurzelknochen. Recherchen ergaben, dass die Hände bei Unfällen am häufigsten verletzt werden.

Und so kamen wir auf die Idee: was machen denn diese Menschen? Weil sie verlieren ja nicht ihr Know How, sie verlieren ja nicht ihr Wissen, sondern nur das Problem, das am Computer rüberzubringen.

Die beiden Werkzeugmacherlehrlinge Benjamin Held und Stefan Büchler aus Waiblingen entwickelten für den "Jugend forscht"-Wettbewerb eine leicht zu bedienende Fußmaus, die gehandicapten Menschen die Arbeit am Computer erleichtern soll. Anders als bisherige Mäuse ist ihre Kreation mit nur einem Fuß zu bedienen und lässt sich problemlos in alle Richtungen bewegen. Die Fußmäuse werden individuell angepasst. Ein aufgeklebter Silikonabdruck des Fußes garantiert die optimale Fixierung und je nach Vorlieben werden die Bedienertasten für Rechts- und Linksfüßler angeordnet.

Das ist ein länglicher Körper aus Aluminium, dann ist hier für das Scroll-Rad eine Vertiefung drin, dann bei dieser Maus zwei Taster und eine Bindung oben drauf - Klettverschluss - und dann haben wir hinten an der Verse einen Taster. Sie können natürlich auch klicken, wenn sie ein bisschen mehr Kraft ausüben.

In die Unterseite der Aluminiumform haben Benjamin Held und Stefan Büchler eine handelsübliche optische Maus eingesetzt, die mit jeder Software kompatibel ist. Drei Kugelrollen verhindern das Kippen der Fußmaus und machen sie sehr beweglich. Inzwischen haben einige Körperbehinderte die Fußmaus getestet, sagt Stefan Büchler.

Wir haben von den Leuten ein sehr positives Feedback bekommen. Das hat uns auch angeregt, das immer weiter zu machen. Was die Leute uns gesagt haben: Wir sollen unbedingt dran bleiben, es ist ne große Hilfe für die Leute, weil es so was in dem Sinne noch nicht gibt und sollen gucken, dass wir das auf die Reihe kriegen.

Und da sind sie auf dem besten Weg. Inzwischen haben Benjamin Held und Stefan Büchler ihre Ausbildung beendet und ihre Fußmaus patentieren lassen. Vermutlich werden sie ihre Erfindung aber zunächst in der Freizeit weiterentwickeln.

Kleine CNC-Maschine irgendwo in die Garage oder so stellen und dann von Hand halt fertigen.

So weit sind die "Jugend forscht"-Landessieger aus Baden-Württemberg, Felix Bührer und Johannes Gutmann, mit ihrer Erfindung noch nicht. Ihr Blindenorientierungschip "Third Eye" soll Blinde vor Hindernissen warnen, die mit dem Blindenstock, der ja nur in Bodennähe gehalten wird, nicht ertastet werden. Mauervorsprünge, Schranken oder tief hängende Äste sind so keine Gefahr mehr, erklärt Felix Bührer.

Das Ganze funktioniert eigentlich wie bei einer Fledermaus, also mit Ultraschall. Wir haben ein Ultraschallmodul und das gibt permanent Signale ab. Und wenn die gegen ein Hindernis prallen und zurückgeworfen werden, errechnet unser Chip die Entfernung zum Hindernis und gibt es über einen Vibrationsmotor in codierten Signalen aus.

Dazu wird der Chip an der Jacke befestigt und der Vibrationsmotor ist samt einem kleinen Lautsprecher in die Armbanduhr eingebaut, so dass die Vibrationen am Handgelenk spürbar sind. Der Blinde muss also die unterschiedlichen Vibrationszyklen auswendig lernen, damit er sie richtig deuten kann. Das sei aber kein Problem, bestätigten Blinde den jungen Forschern. Überhaupt sei die enge Zusammenarbeit mit den Betroffenen besonders fruchtbar gewesen, sagt Johannes Gutmann.

Die haben uns auch immer Anregungen gegeben, was für Funktionen wir noch dazu bauen sollen. Zum Beispiel die Funktion, dass wenn die Batterie langsam leer wird, dass man gewarnt wird. Oder wenn es dunkel wird, geht so ein Warnlicht in der Box an, dass man gesehen wird. Eben solche kleinen Sachen haben wir noch eingebaut.

Der nächste Schritt ist nun einen funktionierenden Prototyp zu bauen, denn inzwischen sind schon große Firmen auf die Nachwuchsforscher aufmerksam geworden.

Zum Beispiel diese Firma, die diese Vibrationsdinger an den Ampeln entwickelt, die hatte mal angefragt. Das ist natürlich auch schwierig, da muss man wirklich schon ein fertiges Produkt haben, und da sind wir eben noch nicht ganz so weit. Da müssen wir jetzt mal schauen.
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