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Montag • 11:30
3.1.2005
Bücherfuchs hilft Blinden beim Scannen und Vorlesen
Von Stephanie Kowalewski

Der an der Universität Wuppertal entwickelte Bücherfuchs hilft Blinden beim Lesen. (Bild: Universität Wuppertal)
Der an der Universität Wuppertal entwickelte Bücherfuchs hilft Blinden beim Lesen. (Bild: Universität Wuppertal)
Über 500 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks gibt es weltweit Millionen von Buch- und Zeitschriftentitel. Doch nur etwa 14.000 davon liegen in Blindenschrift oder als Hörbuch in deutscher Sprache vor. Das soll sich künftig ändern. Ein blinder Psychologiestudent und ein Maschinenbauingenieur aus Wuppertal haben die passende Erfindung dazu entwickelt.

Matthias Fuchs ist seit seinem zwölften Lebensjahr blind und studiert in Wuppertal Psychologie. Wie alle Studenten, ist er dafür auf gute wissenschaftliche Literatur angewiesen. Doch nur die wenigsten Bücher gibt es auch in Blindenschrift oder als Hörbuch. Matthias Fuchs muss die Bücher deshalb sehr umständlich digitalisieren, um anschleißend mit ihnen arbeiten zu können. Erst wenn der Buchinhalt auf seiner Festplatte gespeichert ist, kann er in Blindenschrift oder in eine Sprachausgabe umgewandelt werden. Also legt er das Buch Seite für Seite auf einen Flachbrettscanner, ertastet jeweils die entsprechenden Anschlagpunkte, sucht sich die richtigen Bedienertasten und hofft, dass er auch tatsächlich jede Seite erwischt.

Und das dauert unwahrscheinlich lange. Etwa acht Stunden, ohne auf Toilette zu gehen oder gefrühstückt zu haben.

Wenn Matthias Fuchs einen Roman oder ein Fachbuch lesen möchte, steht er also zuvor den ganzen Tag an seinem Flachbrettscanner. Fällt ihm bei diesem Prozedere das Buch einmal aus der Hand, kann er von vorne beginnen, da als Blinder weiß er nicht, welche Buchseite er zuletzt gescannt hatte.

Und aus der Not heraus, kann man so sagen, habe ich eine Maschine entwickelt, die automatisch Bücher einlesen kann.

Als Schüler tüftelte er acht Jahre lang an seiner Erfindung, musste Schaltpläne auswendig lernen und seine Mutter bitten, die millimetergenauen Messungen für ihn zu erledigen.

Bei meiner Maschine ist das so gewesen, dass das Buch auf den Scanner geklappt wird und dann wird es eingelesen. Und nach dem Einlesen kommt ein Schlitten mit einem Greifarm. Und an diesem Greifarm ist ein Rohr dran, das mit einem Staubsauger verbunden ist und damit wird das Blatt Papier angesaugt und anschließend umgeblättert.

Diesen abenteuerlich aussehenden ersten automatischen Buchscanner führte Matthias Fuchs dem Behindertenbeauftragten und Maschinenbauprofessor der Uni Wuppertal, Jürgen Schlingensiepen, vor. Und der wiederum zeigte sie seinem Studenten Jörg Beyer.

Mich hat es begeistert, wo ich diese Konstruktion gesehen habe. Wenn man hier einfach mal in diesen Steuerkasten sieht, absolut abenteuerlich verlötet. Und wenn man sich vorstellt, das hat ein Mensch, der einfach nicht sehen kann, wirklich gebastelt, sich Lötstellen ertastet usw., gehämmert, geschraubt und Schalter selber gebaut Das war der Auslöser, wo es bei mir auch Klick gemacht hat, wenn man die Problematik kennt, daraus etwas zu machen.

Jörg Bayer machte die Entwicklung des automatischen Buchscanners zum Inhalt seiner Diplomarbeit und gewann damit den Preis der EU-Kommission für innovative Ideen im Bereich Hilfsmittel für gehandicapte Menschen. Für seinen Prototyp erfand der Maschinenbauingenieur allerdings das Rad nicht neu, sondern setzte auf verfügbare Technologien: er kombinierte einen handelsüblichen Flachbrettscanner und einen automatischen Blattwender, der die Buchseiten zunächst ansaugt und dann mit Hilfe eines Hebels umblättert.

Es ist komischerweise noch niemand darauf gekommen, diese ganzen vorhandenen Techniken auf eine ganz simple Art und Weise zusammenzuführen. Und das ist uns jetzt eigentlich recht anschaulich gelungen.

Allerdings bereiteten der Umbau der vorhandenen Geräte und die Abstimmung aufeinander immer wieder Schwierigkeiten.

Das ist also nicht immer ganz so leicht. Man musste das wirklich an so einem Modell erbasteln und sich auch Schritt für Schritt weitertasten. Es war nicht möglich so etwas theoretisch von vorne zu entwickeln. Da musste also experimentiert werden.

Doch der Einsatz hat sich gelohnt, denn heute steht Jörg Bayer vor seinem ersten funktionierenden Bücherfuchs, wie die Maschine in Anlehnung an den Ideengeber Matthias Fuchs genannt wurde.

Ich lege das Buch in eine Vorlagenschublade ein, schleiße sie. Sie wird von einer Glasscheibe abgedeckt, .so dass ich eben eine gerade Oberfläche habe, für einen ausreichenden Scan. Der Clou ist ganz einfach: Ich kann jetzt nicht nur automatisch scannen, sondern es wird nach dem Scannen auch automatisch umgeblättert.

Bücher mit bis zu 1.000 Seiten sind für den Bücherfuchs kein Problem, sagt Jörg Beyer. Allerdings dauert das Einlesen ganzer Bücher noch so seine Zeit. Für 300 Seiten braucht die Maschine noch fünf bis sechs Stunden. Doch das wird zukünftig schneller gehen, verspricht der Maschinenbauer. Aber immerhin braucht nun niemand mehr die ganze Zeit neben dem Scanner stehen, sondern kann - während der Bücherfuchs arbeitet - andere Dinge tun.

Wir können jetzt hier mit der Größe von einem aufgeschlagenen Format bis DinA 3ungefähr 80 Prozent der verfügbaren Standartliteratur erfassen. Raus fallen da natürlich großformatige Bildbände…oder Atlanten. Da müsste man eine Spezialaufnahme konstruieren.

Die eingelesenen Daten werden dann von einem angeschlossenen Computer entweder in Blindenschrift oder in eine Sprachausgabe umgewandelt. Mathias Fuchs und Jörg Beyer hoffen nun, dass der Bücherfuchs in einigen Jahren in allen öffentlichen Bibliotheken steht und Blinden das barrierefreie Lesen ermöglicht. Außerdem denken die beiden Erfinder auch über eine kleinere Version für den Privatbereich nach.
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