Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
26.4.2002
Reinhard Urschel
Gerhard Schröder
Günter Müchler

Verriss oder Huldigung: In vielen Fällen lassen sich Bücher, die aktiven politischen Würdenträgern gewidmet sind, in eine der beiden Kategorien eintüten. Je nach Standpunkt des Autors wird der zu Portraitierende entweder furios attackiert - sei es, dass man ihn als Musterbeispiel nicht mehr zu überbietender Erfolgslosigkeit abkanzelt, sei es, daß man ihn zum finsteren Bösewicht stempelt. Oder es werden hemmungslos die Weihrauchfässer geschwenkt.

In beiden Fällen ist zu empfehlen, das Buch nach der Lektüre der ersten Seiten zu verbrennen oder es zu verschenken.

Reinhard Urschels Schröder-Biographie ist da anders. Man muß das 393-Seiten-Buch als politisch interessierter Mensch nicht unbedingt lesen. Wer es dennoch tut, liest es schnell und ohne Reue. Zwei Vorzüge hat das Buch nämlich: Zunächst ist es in erfreulicher Weise unakademisch. Reinhard Urschel ist Journalist. Sein Buch liest sich also gut.

Zum zweiten gestikuliert der Verfasser nicht mit erhobenem Zeigefinger. Weitgehend enthält er sich wertender Urteile; vielmehr verlegt er sich ganz auf die Methode der Beschreibung. Am Ende bleibt es dem Leser überlassen, im Resultat den Kanzler wiederzufinden, wie er ist, oder auch nicht.

Zum Buch selbst. Wie jede Biographie beginnt auch diese mit der Kindheit. Sie war eine in den einfachsten Verhältnissen. Nichts wurde Gerhard Schröder in den Schoß gelegt; alles hat er sich erkämpfen müssen. Das ist bekannt, Schröder hat mit den Beschwernissen seiner Herkunft gelegentlich kokettiert. Er ist ein Selfmademan. Von einer Tellerwäscherkarriere könnte man sprechen. Er selbst vermeidet das. Millionär zu sein, wird einem in der SPD, auch in der entwickelten Gerhard-Schröder-SPD, immer noch übel genommen.

Beruflich begann Schröder mit einer Kaufmannslehre; es folgte eine juristische Ausbildung, die er mit guten Noten beendete. Wann er erstmals den Wunsch verspürte, Politiker zu werden, konnte auch Autor Urschel nicht herausfinden. Ein Erweckungserlebnis gab es nicht in Schröders Leben, und schon gar nicht kann er von sich wie Lord Byron sagen: "Eines morgens wachte ich auf und war berühmt."

Im Gegenteil. Bei ihm lief alles - in diesem Punkte dem vormaligen Bundeskanzler Helmut Kohl vergleichbar - über die Ochsentur. Der SPD trat er als 19 Jähriger 1963 bei. Sein Vorbild sei Helmut Schmidt gewesen, sagt Schröder von sich. Nun, damals konnte man sich als Jungsozialist noch von einem wie Helmut Schmidt angesprochen fühlen. Später wurde das bekanntlich schwerer. Indes möchte man glauben, daß Schröder immer eine innere Affinität zu Helmut Schmidt behielt. Mit dem Image des "Machers" wurde Schmidt populär. Als Macher möchte auch Schröder angesehen werden.

1978 wurde Schröder Vorsitzender des SPD-Nachwuchsverbandes, womit er erstmals die Gelegenheit bekam, bundespolitisch wahrgenommen zu werden. Obwohl die Jusos damals noch in dem Ruf standen, gewissermaßen allzeit bereit zu sein, der Mutterpartei den Krieg zu erklären, bewies Schröder als ihr Chef eine beachtliche Geschmeidigkeit - vor allem rhetorisch.

"In dieser Zeit beginnt Schröder mit einer Übung, die ihm später einerseits als Schwäche, andererseits als Stärke ausgelegt wird. Er übt es, heute so und morgen so zu reden, ohne dass man ihm einen Widerspruch oder gar eine Lüge nachweisen könnte. Er droht heute der Mutterpartei mit harten Auseinandersetzungen und anderntags versichert er: 'Ich werde mich nicht an einem propagandistischen Scherbengericht über die SPD und der von ihr geführten Bundesregierung beteiligen.' Er gewährt den 'Lutherischen Monatsheften' ein Interview, indem er neben vielen beruhigenden Worten über die SPD auch mächtig auf den Busch klopft: 'Ja, ich bin Marxist'. Die Parteiführung habe begriffen, daß marxistische Positionen zum Spektrum der SPD gehören. Das macht Zusammenarbeit möglich.' Die Aussage ist typisch für den Taktiker Schröder, dieses Verhalten pflegt er bis heute. Er kann Leuten freundlich begegnen und ihnen zugleich die größten Unverschämntheiten um die Ohren hauen. Seit er Kanzler ist, verzeiht man ihm diese Charaktereigenschaft irgendwie leichter, vorher hat es eine Menge Leute geben, die ihn dafür verachteten."/

Was ist es, das Schröder antreibt, Politik zu machen? Im Unterschied zu Helmut Kohl oder auch Willy Brandt steht da keine Idee im Hintergrund, die drängend von ihm verwirklicht werden will. Autor Urschel filtert einen gewissen Spieltrieb heraus. Nach seiner Meinung macht die Politik Schröder wirklich Spaß. Der eigentliche Handlungsantrieb aber ist die Macht.

"Die Machtfrage, das ist für Schröder ein ganz entscheidender Begriff auf der Suche nach dem Antrieb, Politik zu machen. In seiner Regierungserklärung vor dem hannoverschen Landtag nach seiner grandiosen Wiederwahl 1998, als Oskar Lafontaine ihn gerade zum Kanzlerkandidaten ausgerufen hatte, formulierte er einen Satz, wie ihn in dieser Deutlichkeit und Selbstbewogenheit noch kaum ein Politiker gesagt hatte: 'Die Mehrheit der Menschen setzt ihre Hoffnung auf die deutschen Sozialdemokraten und auf mich'. So egozentrisch, kommentierte tags darauf die 'Süddeutsche Zeitung', hätten Politiker in demokratischen Gesellschaften noch selten ihren Machtanspruch erklärt."

Da wird eine fast unglaubliche Szene glaubhaft, die schon oft beschrieben worden ist. Eines nachts begibt sich eine Gruppe junger bezechter Bundestagsabgeordneter vors Kanzleramt, darunter Schröder. Er ist es, der sich in den Zaun hängt und immer und immer wieder schreit: "Ich will hier rein."

Bis er reinkam, erlebte er eine Reihe von Niederlagen. Als ganz Junger scheiterte er bei dem Versuch, SPD-Vorsitzender in Göttingen zu werden. Beim ersten Versuch, SPD-Bundesvorsitzender zu werden, wurde er von Scharping ausgebremst. Aber niemals gibt jemand wie Schröder klein bei, niemals ist er entmutigt. Der Amateurfußballer dribbelt gern, und kommt er nicht links herum, probiert er es eben rechts, schreibt sein Biograph.

Schröders Aufstieg gleicht der Bewegung der Echternacher Springprozession. Zwei Schritte vor, einer zurück. Urschel begleitet diese Gangart mit scharfer Beobachtungsgabe, schildert und hält hier und dort an, um auf Besonderheiten hinzuweisen. Zum Beispiel auf Schröders Verhältnis zur Autoindustrie oder, ein anderes Kapitel, zu den Frauen.

"Vor einiger Zeit ist der Ausdruck Lebensabschnittspartnerin in die Alltagssprache eingedrungen. Es ist, als sei er für Gerhard Schröder erfunden worden. Alle fünf Phasen seines Lebens stehen auch für die Beziehung zu einer Frau: Kindheit, Studium, Juso-Jahre, Karriere-Kampfzeit, Kanzlerschaft. Damit ist nicht gemeint, dass sich der Mann, irgendeinem Zeitgeist folgend, für jede Phase seines Weges nach oben die passende Partnerin ausgesucht hätte. Es ist vielmehr so, dass es eine auffällige Übereinstimmung gibt zwischen den Lebensabschnitten und den jeweiligen Partnerinnen. Der Abschluss einer Phase des Lebens bedeutet bei Schröder immer die Lösung von der Partnerin. Dass damit jeweils Scheidung und neue Heirat verbunden waren, lässt sich vielleicht durch die kleinbürgerliche Denkweise, vielleicht auch durch einen gewissen Ordnungssinn erklären."

Ein größeres Kapitel widmet der Autor Schröder und der deutschen Frage. Ein Wiedervereinigungs-Enthusiast war Schröder bekanntlich nicht. Der Einigungsvertrag wurde im Bundesrat von den Ländern Saarland (unter Lafontaine) und Niedersachsen (unter Schröder) abgelehnt. Die Ambivalenz gegenüber den "verdorbenen Greisen" im Politbüro, die in Westdeutschland verbreitet war, aber nirgendwo so wie in der SPD, diese Ambivalenz bezeugt ein Brief Schröders an den Bonzen Egon Krenz, aus dem Urschel zitiert:

"Lieber Egon Krenz. Für Deinen freundlichen Willkommensgruß bedanke ich mich sehr herzlich. Es war schade, dass wir uns nicht persönlich treffen konnten. Aber das läßt sich bei anderer Gelegenheit nachholen. Die Gespräche in der DDR waren offen und informativ. Besonders war ich von Erich Honecker beeindruckt. Durchstehvermögen, das Du mir wünschst, brauche in diesem Wahlkampfjahr ganz bestimmt. Aber auch Du wirst für Euren Parteitag und die Volkskammerwahlen sicher viel Kraft und vor allem Gesundheit benötigen. Beides wünsche ich Dir von ganzem Herzen."

Das war 1987. Ein peinlicher Brief, vielleicht sollten Politiker überhaupt keine Briefe schreiben. Schröders ehrgeizige Ziele behinderte er jedoch nicht. Die Menschen sind vergesslich.

Urschel beschreibt detailliert, wie der Niedersachse den Führungskampf der SPD-Enkel für sich entscheidet. Er beschreibt die holprigen ersten Monate seiner Kanzlerschaft, beschreibt, wie sein Versuch, sich als Brioni-Kanzler mit Havanna zu stilisieren, schiefgeht, auch, wie er immer mehr Tritt fasst. Seine Darstellung ist zweifellos wohlwollend, doch zeichnet er Schröder nicht sympathischer als er ist.

Am Ende der Lektüre steht das Bild eines Kanzlers, der sich von seinen Vorgängern deutlich unterscheidet, auch dadurch, dass er seiner Partei immer wieder mit Leichtigkeit enteilt. Man hat viel über den Politiker Schröder erfahren, aber wenig über seine Politik. Warum? Weil Schröder eben durch und durch ein Politiker neuen Typs ist: medien-gängig, machtbewußt, elastisch, kurz: ein ps-starker Lastwagen, doch mit wenig Inhalt auf der Ladefläche.

So fällt auch Urschels Fazit aus:

"Es ist nicht so, dass Schröder keine Grundüberzeugungen hätte, aber die braucht er nicht für seine Politik. Er braucht Optionen, er braucht Mehrheiten, das ist der Motor, der ihn treibt."
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