Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
22.11.2002
Alexander Solschenizyn
Zweihundert Jahre gemeinsam...
Klaus Kuntze

Aus dem Russischen von Kurt Baudisch und Holger von Rauch

Ein heikles Thema, befindet Solschenizyn selbst. Bis heute sei keine Darstellung erschienen, die bei Juden wie Russen auf Verständnis gestoßen wäre. Die Bürde habe nun er auf sich genommen. Solschenizyn verspricht, einseitige Vorwürfe und Polemik zu meiden.

"Ich wage zu hoffen, dass das Buch nicht den Zorn der Radikalen und Unversöhnlichen hervorrufen wird, sondern im Gegenteil der gegenseitigen Verständigung dienen wird. Ich hoffe wohlmeinende Gesprächspartner sowohl unter den Juden als auch unter den Russen zu finden."

So spricht ein Prediger eher als ein Geschichtsschreiber. Damit sind wir bei Solschenizyn, dem Schriftsteller, der nunmehr weit über 80 Jahre alt, für manchen in Russland die Rolle eines geistigen Patriarchen einnimmt.

Genau genommen ist dies nun auch tatsächlich nicht "Die russisch-jüdische Geschichte 1795-1916", vielmehr Solschenizyns Lesart, ausgebreitet in einem zitatengespickten, sehr, sehr umfassenden Aufsatz. Die Lektüre wird dem mit seiner eigenen Geschichte vertrauten Russen leichter fallen. Geduld außerhalb dieser Leserschaft könnte Solschenizyn zu Recht beanspruchen, wo er etwas Neues aufdeckte. Aber die von ihm genutzten Quellen bergen seit langem keine Geheimnisse mehr. Dagegen hätte es der üppigst von Solschenizyn zitierte sowjetische Verfasser einer "Geschichte des jüdischen Volkes in Russland", durchaus vertragen, einmal genauer auf seine Seriosität geprüft zu werden. Apropos: Hilfsmittel, sie reichen mit wenigen Ausnahmen nur bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, westliche Autoren zieht Solschenizyn kaum heran.

Auf der Höhe der Zeit sind wir mit diesem Buch nicht. Und das, obwohl sich auch diesseits der russischen Grenze aktuelle Fragen, wie die nach dem unverhüllten Antisemitismus im nachsowjetischen Russland stellen? Liegt eine Antwort in der auffallend hohen Beteiligung jüdischer Revolutionäre an der Schaffung der Sowjetunion, der Realisierung des Kommunismus?

Und gerade da stehen Antworten aus. Solschenizyns Buch versteht sich mit der zeitlichen Begrenzung von 1795-1916 nur als der erste von zwei Teilen der russisch-jüdischen Geschichte.

Den Beginn mit 1795 wählt Solschenizyn, weil das Zarenreich sich in diesem Jahr den größten Teil des polnischen Staates einverleibte (die beiden anderen gingen an Habsburg und Preußen). Russland erbte mit dem Gebietszuwachs im Westen etwa eine Million Juden, die vom 13. Jahrhundert an überwiegend aus Deutschland nach Osten abwandern mussten.

Russland kannte Juden kaum auf eigenem Boden, es kannte aber die religiös-orthodox begründete Abwehr durch Ivan den Schrecklichen oder die unerbittliche Ausweisung durch die Zarin Elisabeth. Ja selbst der weltoffene Peter der Grosse stimmte in das Lied der Judenfeindschaft ein.

"Ich möchte bei mir lieber die besten Leute muslimischen und heidnischen Glaubens sehen als Juden. Sie sind Spitzbuben und Betrüger. Für sie wird es in Russland weder Wohnung noch Handel geben, sosehr sie sich auch darum bemühen und wie sie auch mein Vertrauen bestechen mögen."

Katharina der Grossen blieb dagegen keine Wahlmöglichkeit mehr. Seit den von ihr mitbetriebenen Teilungen Polens und danach bis ins 20. Jahrhundert gehörte der größte Teil des Weltjudentums zur russischen Krone.

Was Katharina im Verständnis ihrer Zeit einleitete, galt in den Grundlinien bis zum Ende des Zarenreichs. Russland stand den Juden, ihrem Leben, ihrer Religion und den Riten fremd gegenüber. Die im "Statut von 1804" festgelegte Politik des Staates richtete sich darauf, 1. die Juden nützlich zu machen, produktiver Arbeit zuzuführen und 2. sie zur Anpassung, möglichst unter Aufgabe der jüdischen Religion zu bewegen.

Den Juden wurde daher nur erlaubt, sich in bestimmten westlichen Rayons anzusiedeln, die sie im Prinzip nicht verlassen durften. Produktive Arbeit bedeutete, Landwirtschaft in neu eroberten Gebieten zu betreiben, also Kolonisation. Das war ein Geburtsfehler! Denn hier hätte es allenfalls erfahrener Ackerbauern bedurft, die die Juden aber nicht waren. Obendrein wollte sich die russische Kaufmannschaft die gewandten und im Handel erfahrenen Juden auf diese Weise vom Halse halten. Russland, rühmt Solschenizyn, kannte keine Ghettos wie der Westen und übersieht dabei schlicht diese einzigartige Ghettoisierung!

Zwar räumte die Regierung mit dem sogenannten Kahal-System eine gewisse Selbstverwaltung ein, andererseits konnten aber die Juden ohne Russisch sprechen zu müssen, unter Beibehaltung ihrer mittelalterlichen Riten und ihrer Alltagsgestaltung unter sich verharren - und ernteten prompt Vorurteile sowie den Vorwurf der Fremdheit - Solschenizyn weist auf diesen Widerspruch hin.

"Die Herrscher wollten die abgesondert lebenden Juden in gewöhnliche - möglichst orthodoxe - russische Untertanen umwandeln."

Nach dem dürftigen Echo zu urteilen, verlockten Privilegien nur wenige zur Taufe, ebenso wenig bewirkte der Behördendruck auf Halbwüchsige, die als Rekruten im Heer ihrem jüdischen Umfeld entzogen werden sollen.

Durch die Aufhebung der Leibeigenschaft, 1861, erübrigte sich die tradierte Mittlerfunktion der Juden. Ihr Broterwerb wurde schwieriger. Hatte es für vermögende Juden kaum je Einschränkungen gegeben, so wurden unter Alexander II. die staatlichen Bildungseinrichtungen geöffnet und sogar juristische und medizinische Berufe zugänglich. Generell stießen Juden von da an in die russische Intelligenzija vor, speziell in die revolutionären, gegen die Autokratie gerichteten Kreise.

1881 setzte das Attentat auf Alexander II. den Reformen ein Ende. Erste Pogrome im Ansiedlungsrayon sprechen von sozialer Spannung und angestautem Hass. Regierung und Behörden war, entgegen entsprechenden Behauptungen, keine Urheberschaft nachzuweisen; aber ein Staatsanwalt notierte damals:

"Bei den Judenpogromen war das Volk zutiefst von der Rechtmäßigkeit seiner Handlungen überzeugt, es glaubte fest an die Existenz des Zarenbefehls, der ihm gestattete, ja sogar vorschrieb, jüdisches Eigentum zu zerstören."

Das Wort Pogrom drang in alle Sprachen, es ist russischen Ursprungs. Attentate, Streiks, politische Agitation, die Revolution von 1905 - die Beteiligung von Juden schürte die Spannungen und zeigte die russische Regierung im hilflosen Zickzack, ohne die Lage der Juden in ihrer Mehrheit zu bessern.

Bis zum 1. Weltkrieg galt die Quasi-Ghettoisierung unverändert, eine rechtliche Gleichstellung haben die Juden im Zarenreich nie erfahren.

Solschenizyn dehnt diesen historischen Abriss auf buchstäblich ein halbes Tausend Seiten aus. Er bemüht sich die Politik der russischen Regierung ins rechte Licht zu rücken und landet damit in einem durchgehenden Untertext, der da lautet: Bei den vielen Russland anhaftenden Fehlern wurde doch immer wieder die ausgestreckte Hand von den Juden nicht entgegengenommen. Wie sollte er anders als auf diesen Holzweg geraten, da er doch den wichtigsten Zugang zum Verständnis bereits in den ersten Zeilen seines Buches selbst verriegelt.

"Ich möchte die Frage nur in den historischen, politischen, alltäglichen und kulturellen Zusammenhängen ... behandeln."

Den Schlüssel, sich dem komplexen Thema auch auf religiöser und mystischer Ebene zu nähern, hat er aber bewusst ausgespart. Nur da hätte er, gerade er als Schriftsteller, vielleicht etwas Neues über den großen Widerspruch aufdecken und erklären können, den das zwanghafte Zusammenleben dieser beiden Kulturen und Religionen produzierte.

So halten wir leider nur die wohlgemeinte Leistung eines nationalbewussten Oberlehrers in Händen.
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