Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
29.11.2002
Con Coughlin
Saddam Hussein
Christoph Peerenboom

Aus dem Englischen von C. Brusdeylins, A. Emmert, M. Held, S. Klimchak, R. Sander, H. Tophinke

Zwei Männer halten die Welt derzeit besonders in Atem: Der eine heißt Osama Bin Laden, Top-Terrorist, tot geglaubt und dennoch mittels Video- und Tonband-Botschaften stets virtuell präsent. Der andere ist Saddam Hussein, der Herrscher über den Irak, einer der dienstältesten Diktatoren der Welt: der aktuelle Hauptgegner der Amerikaner im Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

Wer aber ist Saddam Hussein? Sein Konterfei ist allgegenwärtig an den Häuserwänden in Bagdad und auf westlichen Fernsehschirmen. Genaueres aber weiß man gemeinhin nicht über ihn. Der britische Journalist Con Coughlin hat sich jetzt auf die Spuren Saddams gemacht, hat in dessen Biografie hineingeleuchtet und seinen Lebensweg von der frühesten Kindheit bis heute verfolgt. Coughlin ist Chefredakteur des "Sunday Telegraph". Lange Jahre hat er als Korrespondent im Nahen Osten gearbeitet. Es handelt sich also um das Buch eines ausgewiesenen Experten und keinesfalls um einen verlegerischen Schnellschuss pünktlich zur aktuellen Irak-Krise. Im Einleitungs-Kapitel stützt Coughlin zunächst die These, dass Saddam Hussein vorab über die Terroranschläge vom 11. September informiert gewesen sein könnte. Kurz vor den Anschlägen versetzte der Diktator nämlich seine Streitkräfte in Alarmbereitschaft und zog sich mitsamt seiner Familie in Hochsicherheits-Bunker zurück - für Coughlin ein Hinweis darauf, dass Saddam baldige Vergeltungsschläge der USA erwartete.

"Allein der zeitliche Zusammenhang war verdächtig. [...] Dass Saddam bei den Anschlägen vom 11. September seine Finger im Spiel gehabt haben könnte, überrascht am wenigsten jene Experten, die sich mit der Verstrickung des irakischen Diktators in den internationalen Terrorismus seit den frühen siebziger Jahren beschäftigen. In der Vergangenheit, so viel war sicher, hatte Saddam direkte Kontakte zu so bekannten Terroristen wie Abu Nidal [...]. Eine nähere Verbindung zwischen Saddam und Bin Laden ergab sich aus terroristischen Aktivitäten im Sudan, wo schon Mitte der neunziger Jahre mehrere Ausbildungscamps existierten."

Beweise sind das nicht, das weiß auch Coughlin. Dennoch: Saddams Kontakte in die Terror-Szene und seine Massenvernichtungs-Waffen waren für US-Präsident Bush Anlass genug, um die Gangart gegenüber Bagdad zu verschärfen. Wieder einmal befindet sich Saddam Hussein damit in der Rolle, in der er sich seit Jahrzehnten zu gefallen scheint: in der des Schurken von Bagdad, der die Welt mit immer neuen Provokationen herausfordert und der trotzdem immer noch unangefochten regiert.

Anfangs deutete wenig darauf hin, dass aus dem Jungen Saddam einst der mächtigste Mann des Irak werden sollte: Saddam wuchs in einem armen Bauerndorf im Nord-Irak auf. Sein Stiefvater verfolgte ihn mit Hass und Prügel. In der Schule war er gehänselter Außenseiter. Die ärmliche Kindheit, so schreibt der Autor, wurde zur Triebfeder für Saddams Karriere.

Con Coughlin: "Trotz dieser sozialen und bildungsmäßigen Nachteile entwickelte er den Ehrgeiz, es bis an die Spitze zu schaffen. Er hat es geschafft. Er verwendete immer Gewalt, und Sie müssen bedenken, dass Saddam ein ungewöhnlich starker Mann ist. Er ist 1,85 Meter groß, umgab sich immer mit starken Männern. In seinen frühen Jahren war er wie ein Gangster."

In den fünfziger Jahren schloss sich Saddam der Baath-Partei an - einer kleinen revolutionären Organisation, die gleichermaßen die irakische Monarchie wie den Kommunismus bekämpfte. Dabei schreckte Saddam auch nicht vor der Ermordung politischer Gegner zurück. Und als die Baath-Partei 1968 mit einem Staatsstreich endgültig die Macht im Irak an sich riss, beschleunigte dies auch Saddams Karriere: Er wurde zum Sicherheits-Chef ernannt, stieg bald zum zweiten Mann des Landes auf und arbeitete mit Ehrgeiz und Skrupellosigkeit auf das Präsidenten-Amt hin, das er schließlich 1979 in Händen hielt.

Seinem Land verordnete Saddam mit Hilfe von Milliarden von Petro-Dollars ein bis dahin beispielloses Modernisierungs-Programm: Er sorgte durch eine Agrarreform für mehr Wohlstand, ließ das Bildungs- und das Gesundheitssystem ausbauen und stärkte die Rechte der Frauen. Coughlin bemüht sich darum, auch solche Aspekte anzusprechen, die nicht ins Klischee-Bild des Diktators von Bagdad passen.

"Ich wollte eine ausgewogene Biografie schreiben. Ich wollte diesen Mann verstehen. Wissen Sie: Ich habe in dem Buch auch über die guten Dinge geschrieben, die er für den Irak getan hat. Aber er tut dies immer vor dem Hintergrund institutionalisierter Gewalt. Er hat etwas geschaffen, das man nur als stalinistischen Sicherheitsapparat bezeichnen kann."

Von diesem Sicherheitsapparat zeichnet der Autor ein erschreckendes Bild. Unter Saddam habe sich der Irak in ein "totalitäres Regime" verwandelt, in dem "der Wille des Machthabers über allem" stehe. Einen seiner Minister soll Saddam sogar eigenhändig am Kabinettstisch erschossen haben, als dieser den Machtanspruch des Präsidenten infrage stellte. Tausende potentieller Gegner in Politik, Verwaltung und Militär ließ Saddam liquidieren. Und tatsächlich hatte bis heute kein Umsturzversuch im Irak Erfolg.

Die politischen Überzeugungen Saddams sind diffus. Seine wichtigste Ideologie bestand ohnehin stets darin, die eigene Macht zu sichern. Einige Konstanten im Saddamschen Weltbild macht Coughlin dennoch aus, vor allem einen radikalen Nationalismus, verbunden mit dem Hass auf Israel und dem Versuch, im Nahen und Mittleren Osten eine Führungsrolle zu übernehmen.

"Saddam wollte als einflussreiche Galionsfigur die gesamte arabische Welt hinter sich einen. Doch um den gewünschten nachhaltigen Ruhm zu erlangen, brauchte er mehr als nur Verhandlungsgeschick. Um den Supermächten USA und UdSSR Paroli bieten zu können, musste der Irak militärische Stärke erlangen. Und diese lag in Saddams Augen in einem Arsenal aus biologischen, chemischen und nuklearen Waffen. Saddam baute in den siebziger Jahren das militärische Potential des Irak mit solchen Waffen aus. Dass er dies so ungehindert tun konnte, lag auch an der Nachsichtigkeit, die der Westen dem Baath-Regime entgegen brachte."

In diesem Zusammenhang stellt Coughlin den westlichen Ländern ein Armutszeugnis aus. Deren Umgang mit Saddam könnte man im besten Fall als konzeptionslos bezeichnen - viel eher aber als hochgradig gefährlich. In den siebziger Jahren machte etwa Frankreich unter dem damaligen Ministerpräsidenten Chirac Milliardengeschäfte mit dem Irak: Ganz oben auf Saddams Einkaufsliste stand ein französischer Atomreaktor, den er auch prompt geliefert bekam.

Deutsche Unternehmen bauten im Irak mit an riesigen Fabrikanlagen, die offiziell der Pestizid-Herstellung dienten, in Wirklichkeit jedoch Giftgas produzierten. Und als Saddam 1980 den Krieg gegen den Nachbar Iran vom Zaun brach, entdecken die Vereinigten Staaten ihre Sympathien für den Herrscher in Bagdad: Saddam galt in Washington plötzlich als strategischer Verbündeter im Kampf gegen die gefürchteten Ayatollahs in Teheran. Entsprechend unterstützten ihn die Amerikaner wirtschaftlich und mit kriegsentscheidenden Geheimdienst-Informationen.

Hier erinnert Coughlin an ein pikantes Detail: Es war ausgerechnet Donald Rumsfeld, heute US-Verteidigungsminister und damals Präsident Reagans Nahost-Sonderbotschafter, der 1983 nach Bagdad reiste und bei Saddam um eine verstärkte Zusammenarbeit warb.

"Rumsfeld ist heute einer der Hauptbefürworter eines Militärschlags gegen Saddam nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Rumsfeld bei dem Versuch, den Irak damals aus der diplomatischen Isolation herauszuholen, eine Schlüsselrolle gespielt hat."

Coughlins intime Kenntnisse der Region und seine ausgezeichneten Kontakte zu Weggefährten und Gegnern Saddams machen dieses Buch zu einer außerordentlich ergiebigen Lektüre. Der Autor zeichnet ein scharfes und faktenreiches Porträt Saddam Husseins, argumentiert ausgewogen und überzeugend. Dazu ist das Buch auch ungemein spannend zu lesen - die Saddam-Story trägt stellenweise fast Züge eines Politthrillers oder Gangsterfilms. Das Drehbuch dazu hat allerdings die Wirklichkeit geschrieben.
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