Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
13.12.2002
Blick in Politische Zeitschriften
Anrulf Baring

Zitate aus: · Kommune · Internationalen Politik · Zeitschrift für Mitteleuropa: Kafka · Europäischen Rundschau · Merkur

Das europäisch-amerikanische Verhältnis wandelt sich neuerdings rasant. Im Dezemberheft der "Kommune" spricht Balduin Winter von fundamentalen Erschütterungen im transatlantischen Verhältnis".

"Der Atlantik, auf dessen kaltem und dunklen Grund die Titanic vor sich hin träumt, die einst besonders schnell New York erreichen wollte, ist seit der Wende von 1989/91 deutlich breiter geworden. Das mag Mr. Blair nicht ganz so wahrnehmen, dessen Schiff stramm Kurs auf Amerika hält.... Aber um die Befindlichkeit einzelner Personen geht es nicht, sondern um strategische Prozesse der Erdoberfläche, um Verschiebungen in der Plattentektonik."

In Nr. 11 der "Internationalen Politik" schreiben Craig Kennedy und Marshall M. Bouton ihrerseits über - so die Überschrift - "Die wahre Kluft im transatlantischen Verhältnis". Es gebe inzwischen "gefährliche Unterschiede".

"Erstens mögen Amerikaner und Europäer die gleiche Vorstellung von den globalen Gefahren haben. Sie sind aber unterschiedlicher Meinung, wie schwerwiegend sie sind. Zweitens müssen sich Amerikaner und Europäer noch auf eine Formel einigen, wie sie die globale Führerschaft untereinander aufteilen wollen. Drittens haben Amerikaner und Europäer unterschiedliche Ansichten über die angemessene Höhe der Verteidigungsausgaben. Viertens haben Amerikaner und Europäer weit auseinander liegende Ansichten über den Nahost-Konflikt. Jeder dieser Bereiche ist für die Gestaltung, Durchführung und Ausrichtung eines effektiven transatlantischen Bündnisses von entscheidender Bedeutung. Uneinigkeit in allen vier Punkten gibt Anlass zu ernsthaften Bedenken."

Auch die Europäer ihrerseits sind untereinander verschiedener Meinung. Der Althistoriker und Publizist Peter Bender erinnert in Heft 8 der "Zeitschrift für Mitteleuropa: Kafka" an eine innergriechische Debatte vor mehr als zweitausend Jahren, wie man mit den damals übermächtigen Römern umgehen solle. Sei man imstande, Nein zu sagen? Oder müsse man bereitwillig alle römischen Wünsche erfüllen? Bender schreibt:

"Wenn man in (der antiken Kontroverse) Amerikaner statt Römer schriebe, würde daraus ein aktueller Streit europäischer Politiker über ihr Verhältnis zu Amerika. Tony Blair hätte die Stelle des Anpassers, der in vorauseilendem Gehorsam amerikanischen Wünschen folgt. Die Erben de Gaulles in Paris nähmen die Gegenposition des friedlichen Widerstandes ein. Die Deutschen schwankten und lavierten, fügten sich der Großmacht jedoch bald. Die Polen stünden bei Blair und würden sich weiter als die aller treuesten Gefolgsleute der Vereinigten Staaten zu beweisen suchen."

Wie richtig Bender die polnische Haltung einschätzt, zeigt ein Aufsatz Wladyslaw Bartoszewskis in Nr. 4 der "Europäischen Rundschau", in dem der frühere Außenminister Polen für "europäisch in seiner tausendjährigen Geschichte und gleichzeitig (für) proamerikanisch seit der Geburt der Vereinigten Staaten" hält und seinem Land "die besondere Position als Vermittler zwischen den USA und Europa" zuschreibt.

"Europa verliert an Einfluss", stellt der britische Journalist Bruce Anderson im Novemberheft des "Merkur" fest. Mit der tiefgreifenden Wende der amerikanischen Außenpolitik, deren Zeugen wir seien, gehe eine umfassende Neuordnung der Welt einher.

"In wenigen Jahren werden sich die Amerikaner möglicherweise in einem neuen Bündnis mit ihrem Alten Feind Russland befinden - und sich auf Dauer ihren früheren Verbündeten auf dem europäischen Kontinent entfremdet haben... Das Ende des Kalten Krieges hat die geistige Untermauerung der Nachkriegsordnung beseitigt. Die alten Annahmen über Freund und Feind gelten nicht mehr.... (Die) neue Beziehung zwischen Washington und Moskau steckt (zwar) noch in den Kinderschuhen. Aber die Amerikaner sind bereits zu zwei neuen Erkenntnissen gelangt: Es ist möglich, nach Moskau zu fliegen, ohne in Paris oder Berlin zwischenzulanden. Darüber hinaus haben sie begriffen, dass Europa nicht länger Mittelpunkt der Welt ist. Der Antiamerikanismus der heutigen kontinentaleuropäischen Politiker hat dafür gesorgt, dass Westeuropa im internationalen diplomatischen Turnier in die Zweite Liga absteigen wird."

Wie sehen wir Deutschen unsere eigene Position? Alfred Zänker meint im Novemberheft von "Mut":

"Wo liegen Deutschlands Interessen? Viele (unserer) Bürger und Politiker leben immer noch in der Vorstellung, dass sie es im Grunde doch ganz gut haben und auch wissen, was gut für die Welt wäre. Mit dieser Nabelschau täuscht man sich über die Größe der Herausforderung, über die Realitäten von heute und vor allem die eigenen Schwächen hinweg. Kurzsichtige Eigeninteressen und ideologische Vorurteile beherrschen das Denken breiter Schichten, blockieren den Blick in die Zukunft und verhindern die Anpassung (an neue Herausforderungen). So hat Deutschland mit den Vorreitern des technisch-ökonomischen Fortschritts, vor allem Amerika, nicht Schritt halten können und ist von einer beklemmenden Zukunftsangst befallen worden... Deutschland muss sich den Realitäten anpassen, will es sich nicht selbst zur weltpolitischen Bedeutungslosigkeit verurteilen."

Stattdessen wandeln wir, wie Karl Heinz Bohrer schon in der Überschrift eines temperamentvollen Essays der (bereits erwähnten) November-Nummer des "Merkur" beklagt. "Auf deutschen Wegen". Dabei holt er etwas aus, erinnert an unser letztes Jahrhundert.

"Der Nationalsozialismus... hat nicht damit Erfolg gehabt, dass er den Deutschen den Mord an den Juden, die Welteroberung und den Krieg versprach, sondern ganz im Gegenteil die Idylle. Er hat Ideen von Reinheit, zunächst keineswegs rassische, von Beschütztheit und von Gläubigkeit verbreitet, Ideen, die das einfache Leben versprachen in einer bösen, komplizierten Welt, sozusagen eine Arche Noah, in die sich die deutschen Menschen, die reinen Herzens sind, hineinflüchten sollten, während die Welt da draußen weiter in Dekadenz verfiel. Man könnte das als eine deutsche Form des Isolationismus verstehen. Sie hat aber andere Konsequenzen als ... (der amerikanische Isolationismus,) speist sich aus apolitischen Motiven. Wer sich heute Wochenschaubilder und Fotografien mit Gesichtern von den begeisterten Zuschauern, die den Führer grüßen, anschaut, dem fällt angesichts ihres Ausdrucks (vor allem auf: wir sehen) nicht Hysterie, sondern Naivität."

Bohrer hat neuerdings den Verdacht, solche Beobachtungen seien nicht nur Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Man könne offenbar schnell politische Ansichten und Handlungen ändern, aber nicht sehr tief verankerte Mentalitäten.

"Es gibt Anlass zu der Einsicht, dass der gute autistische Deutsche als Typus der Nazizeit überlebt hat und uns abermals blamiert... Vor dem Hintergrund des nazistischen Gutseinwollens, das sich politisch vor allem im Arche-Noah-Gedanken und der Ablehnung des Westens äußerte, scheint die immer wieder aufkommende Friedensrede sowie die Polemik gegen die USA - wohlverstanden nicht als politische Opposition gegen eine als falsch angesehene Politik, die in den USA selbst ganz geläufig ist - eine Wiederholung des deutschen Wegs, voll von dumpferen Ängsten und unklaren Gefühlen, sprich (voll von) den alten Ressentiments."

Es sei besonders pikant, dass die Nachkommen der Nazis den Erfindern von Demokratie und Machtkontrolle Nachhilfeunterricht in zivilen Tugenden zu geben gedächten.

"Diese Pointe hat aber noch eine weit fatalere Bewandtnis: Es handelt sich bei sehr vielen der namentlich bekannten guten Deutschen von heute nicht nur im metaphorischen Sinne um Nachkommen der Nazis, wie wir alle es sind. Sie sind es vielmehr in einem buchstäblichen Sinne."

Einige der namhaften Professoren, Theologen und Intellektuellen, die heute bei uns den Frieden predigen, seien die Söhne von Professoren, die mit Emphase dem Naziregime dienten. Es sei sehr unerquicklich, "dass sie bei völlig veränderter politischer Ideologie noch immer den gleichen gläubig-moralisierenden, idealistischen, überaus ernst bekennenden Tonfall pflegen. Es ist wieder der Tonfall des guten Deutschen, der uns anderen auf die Nerven geht".
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