Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
6.12.2002
Jörg Friedrich
Der Brand
Hans-Ulrich Wehler

Unübersehbar und unüberhörbar gibt es in der deutschen Öffentlichkeit eine Grundströmung, vielleicht eine Art von psychischem Gezeitenwechsel. Denn deutsche Opfer des Zweiten Weltkriegs rücken auf einmal in den Mittelpunkt des Interesses. Für den weit wirkenden Auftakt sorgte Günter Grass' Novelle "Krebsgang" über den Untergang der "Wilhelm Gustloff" mit etwa 9000 ostdeutschen Flüchtlingen an Bord. Wenig später begann mit einer "Spiegel"-Serie über die Vertreibung der Deutschen aus Ostdeutschland und Osteuropa eine neue Beschäftigung mit einem historisch beispiellosen, gewaltsamen "Bevölkerungstransfer" von 15 Millionen Menschen. Jetzt lenkt der Berliner Publizist Jörg Friedrich die Aufmerksamkeit auf den alliierten Bombenkrieg gegen Deutschland. Er bildete bisher in der Tat ein vernachlässigtes Thema der deutschen Zeitgeschichte. Zum einen waren nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Kinder, die diese Angriffe überlebt hatten und zu ihren Historikern hätten werden können, offenbar so traumatisiert, dass sie sich des Themas nicht bemächtigen konnten. Zum anderen scheute man den Vorwurf der Aufrechnung: angesichts der Millionenzahlen des Holocaust und des antislawischen Vernichtungskrieges gab es eine tief sitzende Scheu, diese deutsche Leidensgeschichte zu schreiben. So haben nur einige Schriftsteller ihre eigenen Erfahrungen mit den nächtlichen Angriffen in Worte gefasst: Hans Erich Nossak etwa den Untergang Hamburgs, Gert Ledig und Dieter Forte. Zwar haben amerikanische und englische Historiker den Bombenkrieg analysiert, aber erst unlängst ist das "Militärgeschichtliche Forschungsamt" in Potsdam in seinem Monomentalwerk über den Zweiten Weltkrieg auf dessen Luftkrieg ausführlich (in Bd. VII) eingegangen. Insofern gebührt Friedrich die Anerkennung des Vorreiters, der ein langes tabuisiertes Thema ausführlich und akribisch genau aufgegriffen hat.

Der Autor verzichtet auf jeden Prolog, auch auf die Einbettung des Luftkriegs in die Geschichte des Totalen Krieges seit dem September 1939. Vielmehr springt er sofort medias in res: in die plastisch geschilderte Ereignisgeschichte der seines Erachtens militärisch völlig sinnlosen Zerstörung zahlreicher deutscher Städte, ja einer zweitausendjährigen Stadtkultur, und damit der zielgerichteten Ermordung von etwa 600 000 Zivilisten vor allem durch die Brandbomben, die Feuerstürme von 1400 Grad Celsius zu erzeugen vermochten, aber auch durch Sprengbomben und Luftminen. Englische Stabsoffiziere hatten aus den horrenden Verlusten des englischen Expeditionskorps im Ersten Weltkrieg seit den frühen 1920er Jahren die Konsequenz gezogen, im künftigen Krieg den Gegner durch Flächenbombardements auszuschalten. Als Polen 1939 im ersten "Blitzkrieg" erobert, mit Frankreich die größte Militärmacht des Kontinents geschlagen war und England mit dem Rücken zur Wand allein dastand, löste die Luftschlacht um England - Vorbereitung einer geplanten deutschen Invasion, in der zweiten Phase aber gegen zwei Dutzend englische Städte gerichtet, deren Symbol das "ausradierte" (Hitler) Coventry wurde - den englischen Gegenschlag aus. Ziemlich schnell stellte sich die begrenzte, wenn auch furchterregende Wirkung der Sprengbomben heraus.

"Mit 3000 Tonnen Sprengstoff, die eine Bombenflotte lädt, ist die Stadt nicht zu ruinieren", konstatiert Friedrich. "Brandmunition jedoch stiftet einen Schaden, der sich selbst vermehrt. Dazu sind zwei Wissenschaften vonnöten, Brandstiftung und Funknavigation. Feuerwehringenieure und Elektrophysiker entwickeln in drei Jahren die Systeme, entzündliche Siedlungsgebiete zu orten ... und in Flamen zu setzen."

Die Folgen beschreibt Friedrich an der Zerstörung von mehr als zwei Dutzend deutscher Städte, die in Schutt und Asche versanken - Von Lübeck im März 1942 bis hin zu Würzburg im März 1945. Immer wieder spielten sich apokalyptische Szenen ab.

Der Weltuntergang kann nicht schlimmer sein", diesen Eindruck hielt mehr als ein überlebender Zeitgenosse fest.

Die deutsche Luftwaffe warf im Zweiten Weltkrieg rund 103 000 Tonnen an Bomben ab. Allein im März 1945 schafften jedoch die englischen und amerikanischen Bomberflotten über Deutschland mehr. Insgesamt kamen sie auf 1,3 Millionen Tonnen; fast ein Drittel fiel von Januar bis Ende April 1945. Das Hauptziel: die deutsche Zivilbevölkerung durch den Luftterror zu zermürben und an die Opposition gegen Hitler zu treiben, wurde nicht erreicht. Im Gegenteil, die Propaganda brauchte den Hass auf die "Luftpiraten" kaum mehr anzufachen. Unmittelbar nach dem Krieg stellte der amerikanische "Strategic Bombing Survey" fest, dass die Städtebombardierung militärisch unergiebig gewesen sei.

Dagegen erwiesen sich an Stelle der nächtlichen Flächenbombardements der "Royal Air Force" die gezielten Tagesangriffe der amerikanischen "Fliegenden Festungen" gegen Schlüsselindustrien der Rüstungswirtschaft und das Verkehrssystem als so effektiv, dass Speers Riesenapparat seit dem Spätherbst 1944 wie gelähmt dalag.

Der Zorn auf die sinnlose Zerstörung ist es, der Friedrich umtreibt. Er verleiht seinem Buch die Wucht, den beschwörenden Duktus der Sprache, auch den Drang zur schließlich ermüdenden Wiederholung der Unheilsbeschreibung. Vielleicht besitzt seine Darstellung aber auch deshalb irritierende Grenzen. Sie verzichtet auf die Einbettung des Luftkriegs gegen Deutschland in den historischen Kontext. Hitler und seine Deutschen haben den Krieg vorbereitet und entfesselt. Bereits im September 1939 gewann er mit den Morden im polnischen Hinterland die Züge des künftigen Weltanschauungs- und Rassenkrieges, dessen Fratze seit dem Sommer 1941 im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die europäische Judenheit vollends hervortrat. Die Luftwaffe bombardierte, militärisch unsinnig, die Wohnviertel der Warschauer Innenstadt, die Wohnviertel von Rotterdam, die Wohnviertel von zwei Dutzend englischer Städte während der Luftschlacht um England. Der englische Übergang zum Angriff auf deutsche Städte war Reaktion, nicht Initiative.

Das entschuldigt keinen einzigen Luftangriff mit seinen barbarischen Folgen. Aber es rückt die Proportionen zurecht. Ständig liefen Mordaktionen in gewaltigem Ausmaß. Jeder fünfte Pole, jeder fünfte Jugoslawe kam im Krieg um. Millionen russischer Zivilisten wurden umgebracht, sechs Millionen Juden in kürzester Zeit ermordet. Als die Rote Armee im Sommer 1944 die Heeresgruppe Mitte buchstäblich vernichtete, kamen mindestens 350 000 deutsche Soldaten um, mehr als die Hälfte aller Bombenkriegsopfer. Jeder Tote ist ein Toter zu viel. Für das Individuum macht es im Augenblick des Todes keinen erheblichen Unterschied, ob es im Keller der Gestapo oder des NKWD, im Vernichtungslager, an der Ostfront oder im Luftschutzkeller ermordet wird. Aber der Hinweis auf diese Kontinuität des Massenmordes hätte den Eindruck relativiert, der Bombenkrieg gegen die deutschen Städte und seine Opfer stellten ein Unikat dar. Im totalen Krieg bedient sich auch der Angegriffene aller inhumanen Mittel, um zu überleben, auch um Rache zu nehmen.

Der historische Kontext ist eins, etwas anders ist die Sprache, die Unsicherheit des historischen Urteils und die manchmal bedenkenlose Neigung zur Emotionalisierung. Da ist mehrfach vom "Vernichtungskrieg" gegen die deutschen Städte und ihre Zivilbevölkerung die Rede, obwohl dieser Begriff der Historikersprache aus guten Gründen bisher für den Vernichtungskrieg gegen Juden und Slawen im Osten reserviert war. Sollte da nicht die Sprache differenzieren oder zielt der Autor tatsächlich auf Gleichsetzung? Da gibt es einen "Auftrag zur Massentötung", endlose "Zivilmassaker", einen "mongolischen Vernichtungsorkan" und eine "unerklärliche Vernichtungstrunkenheit".

Die "Bomber Group 5" mutiert zur "Einsatzgruppe", Bombenopfer werden zu "Ausgerotteten", ihre Keller zu "Krematorien" erklärt. Das ist die unverhohlene sprachliche Gleichstellung mit dem Horror des Holocaust. Soll man einem reflektierten Autor wie Friedrich unterstellen, dass ihm diese Begriffe als semantische Entgleisungen zufällig unterlaufen sind? In einer Diskussion des Hessischen Fernsehens, an der ich teilgenommen habe, sprach Friedrich wiederholt von der "Niedertracht" und "Gemeinheit" des alliierten Luftkriegs, von der Mordlust der Tiefflieger, die selbst "vergewaltigte und schwangere Frauen" auf den Treck oder im Ruhelager zusammengeschossen hätten. Diese undisziplinierte Ausdrucksweise - weckt oder bekräftigt Ressentiments, wenn nicht gar neue Hassgefühle.

Noch einmal: Auch über den Luftkrieg und sein Zerstörungswerk, seine Opfer und seine Traumata muss endlich diskutiert werden. Aber befinden sich Churchill und Hitler wirklich auf ein und derselben Stufe als Initiatoren des Bombenkriegs? War das Kalkül zunächst so falsch, den verhassten, den übermächtigen Gegner durch Flächenbombardements in die Knie zu zwingen? Gab es alternative Mittel, nachdem der Konflikt den Charakter des totalen Krieges gewonnen hatte?

Die Gefahr von Friedrichs Buch besteht darin, dass es, mit Leidenschaft für die hilflosen Opfer des alliierten Bombenkriegs, auch schon für die "künftigen in Bagdad, engagiert, den modischen Opferkult unterstützen könnte, auf neudeutsch: den "cult of vietimization", der in den Vereinigten Staaten schon längst Furore macht. Der Rückzug auf die Opferrolle hat in der deutschen politischen Kultur eine formidable Tradition. Denn viele Deutsche empfanden sich als Opfer der "Einkreisung" vor 1914, des Ersten Weltkriegs, der Hyperinflation, der "Großen Depression", der Überwältigung durch den importierten Braunauer, des Zweiten Weltkriegs, der Vertreibung, der Siegerjustiz, der Spaltung. Glücklicherweise hat dieses Selbstmitleid nicht das politische Klima der Bundesrepublik vergiftet, geschweige denn dominiert. Doch am rechten Narrensaum der Politik lebt es unvermindert fort. Von einem Autor wie Friedrich, der so schreibgewandt und mit der neuesten Geschichte vertraut ist, hätte man ein differenzierteres Urteil, vor allem eine abwägendere Sprache erwartet. Man muss abwarten, ob die verblüffende Anfangswirkung des Buches anhält. Und was folgt nach der Vertreibung und dem Luftkrieg? Der Untergang der U-Boot-Flotte mit mehr als 40 000 ertrunkenen Matrosen im Zeichen der Radarmaschine? Der Blutzoll der Wehrmacht, die allein nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 mehr als die Hälfte ihrer Kriegstoten verloren hat? Das Ende der Nachtjäger?

Vielleicht gibt es in der öffentlichen Diskussion ein Nachholbedürfnis. Vielleicht könnte die Diskussion sogar befreiend wirken. Doch käme es zu einer weiteren Bedienung des Opferkults, verlöre die deutsche Öffentlichkeit Schritt für Schritt eine kostbare Errungenschaft der letzten Jahrzehnte: die selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen jüngeren Geschichte. Es ist diese Auseinandersetzung, die sie zukunftsfähig gemacht hat.
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