Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
20.12.2002
Susanne Mayer
Deutschland armes Kinderland
Kostas Petropulos

Heute leben in Deutschland über sechs Millionen Kinder weniger als noch vor dreißig Jahren. In den Städten und Dörfern bevölkern stattdessen Autos und Hunde die Straßen und öffentlichen Plätze. In den Metropolen wie Berlin oder Hamburg sind ganze Stadteile praktisch kinderfreie Zonen. - Diese Entwicklung ist auf den ersten Blick erstaunlich. Immerhin erklärt die übergroße Mehrheit der jungen Menschen, sich zwei Kinder zu wünschen. Tatsächlich entscheiden sie sich schließlich aber nur für 1,4 Kinder.

Für die Hamburger Journalistin Susanne Mayer ist dieser eklatante Widerspruch zwischen Kinderwunsch und Kinderwirklichkeit nicht verwunderlich. Aus ihrer Sicht, die sie in ihrem neuen Buch "Deutschland armes Kinderland" ausbreitet, ist unsere Welt auf geradezu "abenteuerliche Weise" auf das Zusammenleben mit Kindern nicht vorbereitet. Wer sich nämlich für Kinder entscheidet, macht Erfahrungen, die ihn über kurz oder lang fragen lassen.

"Wieso man sich als Irrläufer fühlt, nur weil man diesem inneren Drängen nach Kindern nachgegeben hat, wieso es in der Arbeitswelt, die uns und unseren Kindern doch zur Ernährung dienen soll, geradezu als unverantwortlich gilt, den Betrieb durch die Kinderfrage zu stören, warum man zum Schmuddelkind der Wohlstandsgesellschaft wird, förderungsbedürftig und angeblich hochsubventioniert, nur weil man Kinder hat."

Das Buch der alleinerziehenden Mutter zweier Söhne gibt viele, nicht immer streng systematisch zusammengestellte Antworten. Antworten allerdings, die nicht nur sehr bedenkenswert sind, sondern in ihrer Breite weit über die bisherige familienpolitische Debatte hinausgehen. Susanne Mayer stützt sich dabei nicht nur auf die einschlägige Forschungsliteratur; sie reichert ihre Bestandsaufnahme darüber hinaus mit zahlreichen Beobachtungen und Erfahrungen aus ihrem teilweise turbulenten Alltag an.

Wer über die Misere der Familien hierzulande nachdenkt, kommt am Thema "Geld" nicht vorbei. Natürlich. Es sind ganz selbstverständlich die Ressourcen an Zeit und Geld, die entscheiden: Darüber, ob Eltern den anspruchsvollen Alltag mit ihren Kindern erfolgreich bewältigen oder aus chronischer Überforderung immer vom Scheitern bedroht sind. Darüber, ob Familie als Lebensform attraktiv genug ist, um junge Menschen dafür zu gewinnen. Beim Geld, daran gibt es für Susanne Mayer keinen Zweifel, sind die Familien schon längst abgehängt worden. Dabei zitiert sie die bekannten und gerade von der Politik immer wieder gern verdrängten Fakten.

So erinnert sie etwa daran, dass wir heute zwar über sechs Millionen Kinder weniger als noch vor dreißig Jahren haben, aber dennoch die Kinder mittlerweile einsame Spitzenreiter in der Armutsstatistik geworden sind. Und dass zwar offiziell dreistellige Milliardenbeträge für die Familienförderung in den öffentlichen Haushalten ausgewiesen werden, aber unterm Strich Familien nur ein halb so hohes Pro-Kopf-Einkommen wie kinderlose Haushalte haben.

Geradezu empört reagiert die alleinerziehende Journalistin auf ein besonders von der rot-grünen Bundesregierung verbreitetes Vorurteil. Nämlich die Behauptung, Familien seien nur deshalb arm, weil sie nicht genug arbeiten würden. Tatsächlich sei das Gegenteil der Fall. Eltern seien materiell oft deklassiert, weil sie Familienarbeit leisten würden - und zwar unbezahlt ! Zugleich würden sie damit ihre Beschäftigungs- und Karrierechancen bei vielen Arbeitgebern drastisch verschlechtern . Ganz im Gegensatz zu bestimmten Berufsgruppen, etwa den Lehrern:

"Wer Kinder im Auftrage des Staates erzieht, in Schulen, hat die besten Arbeitsverträge, die in dieser Republik, ja in der Welt überhaupt zu haben sind - hohe Entlohnung bei minimaler Präsenzpflicht, üppigste Freizeitregelung und Unkündbarkeit, privilegierte Absicherung bei Krankheit und Alter, alles Superkonditionen - ganz im Gegenteil zu den Eltern, die für Betreuung und Erziehung derselben Kinder zuständig sind, vor und nach den Schulstunden, jeden Tag für alle restlichen 19 Stunden, die nach Schulschluss noch übrig sind, und das, ohne auch nur einen halben Rentenanspruch zu erwerben."

Eltern und ihre Kinder, so rechnet Susanne Mayer überzeugend vor, seien unterm Strich kein Kostenfaktor für die Finanzminister, die Kinderlosen oder die Wirtschaft, sondern - umgekehrt - die reinsten Geldmaschinen für die Gesellschaft.

Aber Susanne Mayer redet nicht nur vom Geld, das unser Gemeinwesen den Familien gegen jede Vernunft nicht in ausreichendem Maße belässt beziehungsweise zur Verfügung stellt. Höchst anschaulich schildert sie darüber hinaus, wie zutiefst kinder- und elternfeindlich wir mittlerweile zentrale Lebensbereiche unseres Alltagslebens organisiert haben - und das mehrheitlich nicht einmal mehr zur Kenntnis nehmen.

Beispiel Wohnen. Unsere modernen Städte seien zwar verkehrs- und konsumgerecht, aber kaum noch Lebensräume für Menschen. Insbesondere nicht für Kinder. Sie bräuchten von Erwachsenen nicht kontrollierte Erlebniszonen, um Erfahrungen aus erster Hand zu machen. Nur so könnten sie ihre Umwelt entdecken und ihre schlummernden Fähigkeiten entfalten. - Tatsächlich leben die Kinder in den Städten in der ständigen Gefahr, verletzt oder getötet zu werden.

"Über 12 000 Kinder werden als Fußgänger jedes Jahr in unseren Kommunen angefahren, die Hälfte von ihnen beim Spielen. Weitere 30 Prozent, weil parkende Wagen und andere Sichthindernisse es unmöglich machen, die kleinen Mitbürger zu sehen. Und die einzige Konsequenz, die wir daraus ziehen, scheint zu sein, die Kinder nicht mehr vor die Tür zu lassen, sie überall hinzukarren, zum Freund, zum Schwimmen, zum Fußball - was wiederum die Gefahr für andere Kinder erhöht, sich zu Fuß dorthin zu bewegen."

Das Spielen und die Freizeitgestaltung der Kinder finde deshalb überwiegend nur noch in Reservaten also eingezäunten Räumen statt, die Bewegung und Wahrnehmung beengen. Diese Einschränkung der Erfahrungsräume schlage letztlich auf die Bildungsfähigkeit der Kinder durch. Denn wer wenig erlebt, hat wenig zu erzählen und wird so seine sprachlichen Fähigkeiten kaum richtig entfalten. Genau die Fähigkeiten, bei denen deutsche Schüler in der PISA-Bildungsvergleichsstudie nur mäßig abgeschnitten haben.

Die gedankenlose Kinderfeindlichkeit unserer Städte schadet indes nicht nur den Kindern, sondern erhöht ebenfalls die alltägliche Belastung für Eltern enorm. Sie müssen dafür sorgen, dass ihre Kinder sicher in den Kindergarten oder die Schule kommen oder dass sie sicher ihre Freunde zum Spielen besuchen können.

Die Belastung der Eltern werde zudem durch Einrichtungen gesteigert, die eigentlich als Entlastung der Familien gedacht sein sollten - nämlich die Kindergärten und Schulen. Ganz selbstverständlich würden sie beispielsweise auf die engagierte Mitarbeit der Eltern setzen, obwohl dies immer weniger mit den wachsenden Anforderungen der Erwerbsarbeit vereinbar ist. Besonders eklatant sei dies bei der Schule, nach Ansicht der alleinerziehenden Mutter einer einzigen "Elternbeschäftigungsmaschine"! So würden die meisten Lehrer die zeitraubende elterliche Hausaufgabenbetreuung einfordern. Oder die Schulferien. Diese seien ja viel länger als die Urlaubsansprüche jedes normalen Erwerbstätigen. Also müssten sich die Eltern jedes Jahr von neuem selber darum kümmern, wie sie diese Lücke schließen. Am schlimmsten seien die nachgewiesenen Mängel des ganzen normalen Schulunterrichts:

"Mehr als jeder dritte Schüler an Haupt-, Realschulen und Gymnasien erhielt 1999 Nachhilfe - bezahlte oder unbezahlte, wie man denn die familiär geleistete Nachhilfe so nennt, ohne sich klar zu machen, was sie kostet, an Geld, Nerven, guter Stimmung. Befragt man Eltern nach den Gründen für diesen Extraservice, nennen immerhin ein Drittel dieser Eltern »didaktische Defizite von Lehrern«. Was von Eltern verlangt wird, ist nicht nur Geistesarbeit, Schulaufgabenhilfe, Betreuung von Arbeitsgruppen, Assistenz bei der Anfertigung von Arbeitspapieren oder Interpretationshilfe bei Vorlagen von Seiten der Schule, die nicht immer ganz verständlich sind/.../ Nicht zu vergessen das Motivationstraining, wenn demotivierte Lehrer einen so langweiligen Unterricht runterreißen, dass er alle Geister erlahmen lässt."

Die Liste der systematischen Behinderung und Diskriminierung des Zusammenlebens mit Kindern in unserem Land ist ellenlang. Natürlich listet Susanne Mayer die von Fachleuten längst erdachten Verbesserungsvorschläge auf oder verweist auf ermutigende Beispiele im In- und Ausland. Am Ende ihres Buches liefert sie sogar eine ganz praktische Argumentationshilfe für Eltern. Aber: Die Politik stelle sich weiterhin taub. Sie könne es auch, weil außer der Minderheitengruppe "Eltern" kaum jemand Druck mache. Wieso bleibt dieser Druck immer noch aus, obwohl das demographische Desaster unseres Landes programmiert ist und die Entwicklungsdefizite der heutigen Kinder und Jugendlichen unübersehbar sind?

Sicher spielt die allgemeine Bereitschaft eine große Rolle, im Zweifelsfall die Rechte der Kinder und Eltern den angeblichen wirtschaftlichen Sachzwängen unterzuordnen. Deshalb hat der Auto- und LKW-Verkehr in den Städten Vorrang. Deshalb darf die Wirtschaft Kinder und Jugendliche mit Werbung bombardieren, weil ihre Produkte ja Arbeitsplätze schaffen. Aber das reicht nicht als Erklärung. Die Trägerin des Journalistinnenpreises der feministischen Frauenzeitschrift EMMA gibt den Frauen selbst eine große Mitschuld an diesem Zustand. Gerade kinderlose Frauen würden in der öffentlichen Meinungsbildung immer wieder mit einer unglaublichen Intoleranz gegenüber Müttern hervortreten. Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit ist etwa das Buch von Barbara Vinken "Die deutsche Mutter". In ihm attestiert die Literaturwissenschaftlerin den Müttern in Deutschland einem mittelalterlichen Mutterkult zu frönen - nur, weil sie nicht mit der gleichen Begeisterung nach Ganztagsbetreuung rufen wie ihre französischen oder skandinavischen Geschlechtsgenossinnen. Frauen, so fordert Susanne Mayer, sollten jedoch neben dem Recht auf Schwangerschaftsabbruch nun gemeinsam für das Recht kämpfen, ohne Diskriminierung mit Kindern leben zu können.

Aber es sind natürlich nicht nur die Frauen, die Familien keine große Hilfe sind. Es ist genauso die um sich greifende Entfremdung zwischen Alt und Jung, aber vor allem zwischen Eltern und Nicht-Eltern.

"Die Kinderlosen sind nicht kinderfeindlich, wirklich nicht, aber sie bitten doch mit Nachdruck darum, man möge den Zweijährigen wenigstens bitten, er solle gehen, sie sagen dies im Tone von: Ein bisschen Erziehung muss schon sein, ihr dämlichen Eltern. Gehen! Es gibt kein zweijähriges Gehen, aber wie sollte das jemand begreifen, der keine Zweijährigen kennt? So zerstreiten sich Hausgemeinschaften, die doch mal alle und eigentlich immer noch der Meinung sind, dass Alt und Jung, Familien und Singles schön bunt miteinander zusammenwohnen sollten."

Der verpflichtende Charakter des Lebens mit Kindern, der Eltern über Jahrzehnte hinweg prägt, ist für Kinderlose nicht nachvollziehbar. Bei ihnen stehen sogenannte postmaterielle Werte im Vordergrund: Persönliche Selbstentfaltung oder selbstgewählte, aber jederzeit kündbare Freundschaften. Eltern und Nicht-Eltern leben so immer mehr in unterschiedlichen Welten und verlieren dabei an gemeinsamen Erfahrungen. Es zerbröselt der Kitt, der Gesellschaften zusammenhält. Woher soll da der Antrieb für einen neuen Gesellschaftsvertrag kommen, der Kinder und ihre Eltern wieder in die Mitte unserer Gesellschaft holt?

Susanne Mayer macht sich da nichts vor. Es wird kaum die Überzeugungskraft ihrer facettenreich geschilderten Alternative zur grassierenden Familienfeindlichkeit sein. Letztlich wird es die äußerst schmerzhafte Erfahrung der Ego-Gesellschaft sein, dass wir auf diesem Weg alle in der Sackgasse landen:

"Wie lange wollen wir uns denn ganz verblüfft die Augen reiben, wenn in den Zeitungen steht, dass die Krankenkassen mal wieder pleite sind und die Ärzteversorgung im menschenentleerten Osten nicht mehr zu garantieren ist und dass die Schulen schließen müssen und die Volkshochschulen auch? /.../ Die soziale Ordnung, das gesellschaftliche Gefüge, die Wirtschaft, die politische Landschaft, unsere Demokratie - alles kommt ins Rutschen, wenn es nicht gelingt, diese Gesellschaft so zu modernisieren, dass Menschen mit ihren Kindern finden, dass hier gut leben ist."
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