Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
27.12.2002
Jonathan Wright
Gustav Stresemann
Paul Nolte

Eine Stresemannstraße gibt es nicht nur in der Mitte Berlins, sondern in beinahe jeder größeren deutschen Stadt. Aber der Name Gustav Stresemanns, des langjährigen Außenministers der Weimarer Republik, dürfte die meisten Deutschen inzwischen kalt lassen. Früher weckte er heiße Emotionen: Gefühle der politischen Gegnerschaft, ja des Hasses gegen den "Erfüllungspolitiker", der nach dem Ersten Weltkrieg die nationalen Interessen Deutschlands dem Ausgleich mit den Alliierten geopfert habe; später dann, vor allem in der frühen Zeit der Bundesrepublik, Gefühle der Verehrung für den Vorkämpfer der europäischen Integration. Der komplizierte, zwiespältige Charakter des Politikers Stresemann bündelt sich in dem auf ihn gemünzten Begriff des "Vernunftrepublikaners": Eigentlich gehörten die Sympathien, das politische Herz dem kaiserlichen Reich, aber aus Vernunft und "mit dem Kopf" entschied er sich für die loyale Unterstützung der Republik von Weimar.

"Die Ermordung Walther Rathenaus vollendete seine Konversion zum Verteidiger der Weimarer Verfassung. Am Ende des Jahres 1922 sprach Stresemann mit neuer Autorität und Überzeugungskraft. Er hatte mit der Republik und ihren Institutionen seinen Frieden gemacht. Ja, er hatte eine prominente Rolle bei deren Verteidigung gegen ihre Feinde übernommen."

Die historische Forschung über das Leben und Wirken Stresemanns hat sich lange Zeit diesen Lagern der Zustimmung und Kritik zuordnen lassen. Nach einer Phase des schwindenden Interesses hat nun seit einiger Zeit eine wahre Renaissance der Stresemann-Biographie in der Wissenschaft eingesetzt. An ihr sind nicht nur deutsche, sondern - durchaus passend zur internationalen Ausstrahlung dieses Außenpolitikers - auch französische und britische Historiker beteiligt. Dabei schält sich so etwas wie ein neuer Konsens heraus, der von Verherrlichung und Verdammung gleich weit entfernt ist und ein nüchternes, gleichwohl von grundsätzlicher Sympathie getragenes Bild des Führers der nationalliberalen "Deutschen Volkspartei" entwirft. Auf dieser Linie liegt auch die umfangreiche, auf langjährigem Quellenstudium beruhende Biographie des Oxforder Historikers Jonathan Wright. Einstweilen nur in englischer Sprache erhältlich, ist sie wissenschaftlich souverän und doch gut lesbar. Mit Büchern wie diesem sollte sich auch ein weiteres Publikum wieder für Stresemann interessieren, den Wright ausdrücklich in eine Ruhmesgalerie deutscher Kanzler und Außenminister von Bismarck bis zu Adenauer, Brandt und Kohl stellt.

Wo kommt so ein Mann her, was hat ihn geprägt, und was treibt ihn an? Jonathan Wright will ausdrücklich eine "politische Biographie" vorlegen, deren Schwerpunkt deshalb eindeutig auf der kurzen Kanzlerschaft Stresemanns im Krisenjahr 1923 und auf den nachfolgenden sechs Außenministerjahren, bis zum frühen Tod des erst 51-Jährigen im Oktober 1929 liegt. Sehr gerafft behandelt er deshalb die Herkunft und den politischen Aufstieg: 1878 als Sohn eines Berliner Bierhändlers in bescheidenen, aber stabilen Verhältnissen geboren, pflegt er zunächst literarisch-historische und journalistische Interessen; sehr früh und dann immer wieder wird er als ein im Grunde einsamer, auf sich selber bezogener Mensch beschrieben, der einen ungeheuren und dennoch stets kalt disziplinierten Ehrgeiz entwickelte. Die Unsicherheit des sozialen Aufsteigers auf dem von Adel und Großbürgertum bestimmten Berliner Parkett legt er nie ganz ab. Doch nach seiner schnellen Promotion beginnt er eine kometenhafte Karriere im Dienste industrieller Interessenverbände: Er ist der junge akademische Experte, der auf neuartige Weise Politik als Beruf betreibt.

"Im Alter von 28 Jahren kam er 1907 zum ersten Male und als damals jüngstes Mitglied in den Reichstag. Seine Politik war ganz klar nicht diejenige der traditionellen nationalliberalen Honoratioren. Er gehörte zur neuen Klasse derjenigen, die Max Weber als 'professionelle Politiker' bezeichnete: ehrgeizig, nach neuen Formen der politischen Organisation suchend, ungeduldig ob der begrenzten Macht des Parlaments."

Nicht zufällig begleitet Stresemann deshalb, teilweise bis heute, der Vorwurf eines opportunistischen, an Macht statt an Ideen orientierten Politikers. Jonathan Wright sieht das anders. Schon als junger Mann habe Gustav Stresemann eine dezidiert liberale Weltsicht entwickelt, die - dem Vorbild des Theologen und Politikers Friedrich Naumann folgend - nationale, ja imperiale Stärke nach außen mit Reformbereitschaft und sozialen Interessen im Innern verknüpfte. Diese Grundlinie passte er den gewandelten Umständen nach dem verlorenen Krieg und den jeweiligen Erfordernissen politischer Entscheidungen geschickt an, ohne ihr jedoch untreu zu werden. Ein Doktrinär war er jedenfalls nicht. Auch wenn er sich anscheinend durch manche Charakterzüge wie seine Eitelkeit und seine Selbststilisierung als betriebsamer Hektiker, dem stets die Zeit knapp war, nicht wenige Feinde machte: Im Kern trieb ihn eine tiefe Sehnsucht nach Ausgleich und Kompromiss, nach dem befriedenden Brückenschlag zwischen den verfeindeten politischen Lagern an. Seine eigene Partei, die DVP, versuchte Stresemann - letztlich ohne Erfolg - als eine Art protestantische Zentrumspartei zu profilieren; er konnte als einer von ganz wenigen Politikern der 20er Jahre überzeugend für eine Verbindung von "rechts" und "links" stehen und trug damit entscheidend zur Stabilisierung der Weimarer Republik in ihrer Existenzkrise von Inflation und Bürgerkrieg 1923/24 bei.

1923 ist deshalb das Achsenjahr in der Biographie von Jonathan Wright. Stresemann, der trotz seiner Prominenz bis dahin kein Regierungsamt bekleidet hatte, sondern vor allem Interessenpolitiker und Parteiführer war, sah als Reichskanzler einer großen Koalition nicht nur seinen eigenen Ehrgeiz einstweilen befriedigt. Er wurde auch fähig, staatspolitische Verantwortung zu tragen, vor der seine Zeitgenossen sich häufig drückten. In der unpopulären Aufgabe des passiven Widerstandes gegen die alliierte Rheinlandbesetzung sieht Wright eine Schlüsselsituation.

"Stresemann war zu einer bedingungslosen Kapitulation gezwungen. Er verglich es mit der Unterschrift unter den Versailler Vertrag. (...) Aber diesmal gab es keine Ausflucht. Stresemann hatte den Mut, das Unvermeidliche zu akzeptieren und es seiner Partei aufzuzwingen. In diesem Moment hörte er auf, nur ein herausragender Politiker mit einem ungewöhnlichen Hang zum Konsens zu sein und zeigte Qualitäten eines Staatsmannes."

Das war die Geburt des europäischen Staatsmannes, der wenig später in den Locarnoverträgen einen Ausgleich mit den Westmächten herbeiführte, denen Deutschland jetzt wieder halbwegs auf gleicher Augenhöhe begegnen konnte; der das Deutsche Reich in den Völkerbund führte und 1926, gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Aristide Briand, den Friedensnobelpreis erhielt. Der internationalen Anerkennung entsprach jedoch keine weitere Öffnung und Entspannung in Deutschland selber: Die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten als Nachfolger des Sozialdemokraten Friedrich Ebert, zu dem Stresemann ein ausgesprochen gutes Verhältnis hatte, markierte einen erneuten Rechtsruck. Stresemann behauptete sich immer wieder gegen den rechten, nationalen, monarchistischen Flügel seiner eigenen Partei, aber statt einer weiteren Annäherung an die SPD betrieb er zunehmend eine Annäherung an die konservativen Deutschnationalen, die ihm auch von Historikern häufig vorgeworfen worden ist. In diesem Punkte wie überhaupt nimmt der Biograph seinen Helden in Schutz und verteidigt ihn: Trotz dieses neuen innenpolitischen Kurses, der ihm mehr aufgezwungen wurde, so Wright, sei Stresemann nicht in seinen eigenen früheren Anti-Republikanimus zurückgefallen. Tatsächlich vermittelt die Darstellung, so scharfsinnig sie im einzelnen ist, im ganzen ein etwas weichgezeichnetes, abgemildertes Bild nicht nur Stresemanns und der DVP, sondern auch der Krisen der Weimarer Republik. Die inneren Widersprüche dieses Politikers, der bei Wright fast wie ein demokratischer Liberaler späterer Jahrzehnte erscheint, auch: seine Defizite und seine Fehler, hätten an manchen Stellen durchaus klarer benannt werden können. Stresemann erscheint bei Wright als ein Politiker, der sich angepasst hat, ohne seine Überzeugungen zu verraten, und dessen Schwierigkeiten meist aus den Fehlern anderer oder der höheren Gewalt der Umstände resultierten.

Der Tod Gustav Stresemanns, nur drei Wochen vor dem "Schwarzen Freitag" der New Yorker Börse und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise, beendete symbolträchtig die Phase relativer politischer Stabilität der ersten deutschen Republik. Gerne wird darüber spekuliert, welche Rolle Stresemann - der sogar zwei Jahre jünger als Konrad Adenauer war - in der Staatskrise zwischen 1930 und 1933 hätte spielen können; ob er gar zum Antipoden oder zur Alternative Hitlers hätte werden können. Vielleicht würde seine Stärke damit überschätzt; wahrscheinlich ist dies auch gar nicht die entscheidende Frage. Jenseits aller Parteipolitik, jenseits aller innen- und außenpolitischen Streitfragen repräsentierte Stresemann, so bilanziert Jonathan Wright, etwas noch wichtigeres:

"Am Ende seines Lebens stand Stresemann für die Werte von Anstand und Toleranz im öffentlichen Leben Deutschlands. Der SPD-Politiker Carl Severing erinnerte sich später an den Vorschlag Stresemanns, sie sollten eine Partei der Anständigen gründen."

Gustav Stresemann war insofern mehr als ein hervorragender Parteiführer und Außenpolitiker. Mit allen seinen Widersprüchen und persönlichen Eitelkeiten lebte er den Typus eines Bürgers vor, der auf Verständigung statt Radikalisierung bedacht war, auf den Kompromiss statt auf die doktrinäre Festlegung. Auch deshalb ist Jonathan Wrights Buch eine lehrreiche Lektüre.
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