Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
31.12.2002
Noam Chomsky
Offene Wunde Nahost
Ludwig Watzal

Endlich, so könnte man sagen, wurde das Buch "Fateful Triangle" des renommierten Linguisten Noam Chomsky ins Deutsche übersetzt; es erschien erstmalig 1983. Das Buch ist ein Klassiker. Leider fiel die Hälfte der Originalausgabe Kürzungen zum Opfer, weil sich vier Kapitel zu sehr mit der amerikanischen Israel- und Nahostpolitik beschäftigten. Schade, denn sie hätten dem Leser tiefe Einsichten in die einseitige Pro-Israel-Politik der USA gegeben, die für das Verständnis der aktuellen Lage sehr erhellend gewesen wären. In Retrospektive gelesen, sind auch die verbliebenen fünf Kapitel von einer unglaublichen Aktualität. Die meisten Einschätzungen und Bewertungen des Autors haben auch nach 16 Jahren noch Bestand. Welches Sachbuch kann dies schon für sich in Anspruch nehmen? Chomskys antizionistische Haltung scheint ihn vor einer Israel-Verklärung bewahrt zu haben, wie sie insbesondere von liberalen Kreisen in den USA betrieben wird. Der Autor, der am Massachusetts Institute of Technology lehrt, weist dieses Image als unzutreffend zurück.

Die 35jährige Besatzungs- und Siedlungspolitik könne Israel nur deshalb aufrechterhalten, weil es von den USA zum großen Teil finanziert wird.

"Dieses pro-israelische Engagement verhindert die Möglichkeit einer friedlichen Lösung des Nahostkonflikts und jegliche Anerkennung elementarer Rechte für die Palästinenser... Das historisch einzigartige Bündnis zwischen den USA und Israel beruht auf der Einsicht, dass Israel ein 'strategischer Aktivposten' ist, der zusammen mit den arabischen Fassadeären im Golf und mit anderen regionalen Schutzherren der Familiendiktaturen die Ziele der USA im Nahen Osten und anderenorts umsetzt."

Im Kapitel über die "Vorgeschichte des Nahost-Konfliktes" entwirft Chomsky eine historische Sichtweise, die dem gängigen historischen Narrative in Israel in zentralen Punkten widerspricht. So belegt der Autor, dass die zionistischen Politiker nie einem wirklichen Ausgleich mit der einheimischen arabischen Bevölkerung anstrebten und den Teilungsplan vom November 1947 nur aus taktischen Gründen akzeptiert hatten. Besonders deutlich erklärte dies David Ben-Gurion, der erste Ministerpräsident Israel, bereits 1937:

"Wir werden einen Staat in den heutigen festgelegten Grenzen akzeptieren, aber die Grenzen der zionistischen Bestrebungen sind Sache des jüdischen Volks, und kein äußerer Faktor wird sie beeinflussen können ... Wenn wir durch die Gründung des Staates zu einer starken Macht geworden sind, werden wir die Teilung aufheben und uns auf ganz Palästina ausdehnen."

Die Winkelzüge der zionistischen Persönlichkeiten aus der Arbeitspartei oder der Revisionisten machen deutlich, dass deren Ziele weit über das hinausgingen, was sie in den offiziellen Verlautbarungen äußerten. So sprach Ben-Gurion intern Klartext:

"Politisch sind wir die Aggressoren und sie verteidigen sich ... Das Land gehört ihnen, weil sie es bewohnen, wohingegen wir von draußen kommen und hier siedeln."

Chomsky gehört zu denjenigen, die man als das "soziale Gewissen" einer Gesellschaft bezeichnet. Folglich steht er mit den Mächtigen und Privilegierten auf Kriegsfuß. Für ihn ist der Hauptverantwortliche für die ganze Misere im Nahen Osten die USA und an zweiter Stelle erst Israel. Beide bilden sie die "Verweigerungsfront" gegenüber den Unterprivilegierten..

"Im Hinblick auf die Palästinenser verfolgen Israel und die USA auch weiterhin das extreme Ausgrenzungsprogramm, das sie seit Anfang der siebziger Jahre betreiben."

Diese Verweigerungshaltung wurde durch Präsident Richard Nixons Sicherheitsberater Henry Kissinger in die US-Nahostpolitik eingeführt. Er bootete den damaligen Außenminister William Rogers aus, der einen Friedensplan im Dezember 1969 vorgelegt hatte, der dem internationalen Konsens entsprach, und nach dem Israel sich aus den besetzten Gebieten hätte zurückziehen müssen. Seit dieser Zeit wurde die 'Groß-Israel-Position' praktische Politik der USA; sie gilt mit Modifikationen bis heute. Selbst der Reagan-Plan, der einen vorübergehenden israelischen Siedlungsstopp und für die Palästinenser nur eine Autonomie vorsah, wurde von Ministerpräsident Begin torpediert, indem er sein Siedlungsprogramm beschleunigte.

Für Chomsky ist es völlig klar, dass Israel das tut, was Washington will. Macht es sich da der Autor nicht zu einfach? Sind nicht die USA auch teilweise von Israel abhängig? Hatte nicht Netanyahu mit seiner renitenten Haltung mehrmals US-Präsident Clinton öffentlich düpiert? Sein Ziel war es, Israel vom amerikanischen Geldtropf langsam abzunabeln. Auch die Ministerpräsidenten Begin und Shamir reagierten auf US-amerikanischen Druck widerborstig und handelten gegen US-Interessen. Die Ministerpräsidenten der Arbeitspartei erweisen sich da viel konzilianter. Der Antrittsbesuch Ehud Baraks in den USA war ein großer Erfolg. Er war aber ein ebenso harter Verhandlungspartner für die Palästinenser, wie es Netanyahu war, von Ariel Sharon gar nicht zu reden. Durch seine ideologische Nähe zu George W. Bush hat Sharon enormen Einfluss auf die aggressive US-Politik gegenüber dem Irak.

Chomsky geht besonders mit der Berichterstattung der US-Medien ins Gericht. Jeder israelische Angriff, sei es im Libanon oder in den besetzten Gebieten, wird gerechtfertigt oder relativiert. Für das brutale Besatzungsregime und die zahllosen Menschenrechtsverletzungen in der Westbank und dem Gaza-Streifen wird um Verständnis geworben. Selbst das Massaker von Sabra und Shatila erfuhr in den amerikanischen Medien keine einhellige Verurteilung. Als bequemes Argument bietet sich der "palästinensische Terrorismus" an. Dass es hier der Differenzierung bedarf, macht der Autor mehrmals deutlich. Chomsky ist aber weit entfernt von einer Rechtfertigung desselben. Wie denn die diversen Libanon-Abenteuer immer im Desaster für Israel geendet haben. Ob es sich um Begins und Sharons Invasion "Frieden für Galiläa", Rabins "Operation Verantwortlichkeit" oder Peres' Aktion "Früchte des Zorns" gehandelt hat, immer ging der Schuss für Israel nach hinten los. Die sogenannte Sicherheitszone hat das Leben von über 1000 israelischen Soldaten gekostet. Wer trägt für diese Toten in Israel die Verantwortung?

Im Westen werden Rabin und Peres als "Friedenspolitiker" bezeichnet, die angeblich für einen Palästinenserstaat eingetreten sind; dies trifft jedoch nicht zu. Die Unterschiede zwischen den "Friedenspolitikern", Netanyahu und Sharon sind nur kosmetischer Natur; dies wird im Westen geflissentlich übersehen.

"Arbeiter- und Likudpartei streben gleichermaßen eine den südafrikanischen Bantusatans vergleichbare Regelung an, ohne damit gegen die Bestimmungen von Oslo I oder II zu verstoßen."

Chomsky macht im Kapitel "Washingtons 'Friedensprozess' " auf die Widersprüche und Ungereimtheiten dieses Prozesses aufmerksam. Er war die Fortsetzung der Okkupation im anderen Gewand. In keinem der Abkommen sind die nationalen Rechte der Palästinenser erwähnt und sie bedeuten für sie eine Katastrophe.

"Das Abkommen von Oslo II und seine Folgen stellen mithin einen weiteren Triumph der amerikanisch-israelischen Verweigerungshaltung dar, die sich zwar vom Rest der Welt isoliert, aber über die Waffen und andere Hebel der Macht verfügt ... Der Friedensprozess dient den Interessen seiner Architekten, während die Interessen der anderen höchstens eine Nebenrolle spielen."

Erfrischend an Chomskys Ausführungen ist, dass er die historischen Verzerrungen, relativierenden Rechtfertigungen von Aktionen wie den Vandalismus der israelischen Armee in den besetzten Gebieten, die nicht zu rechtfertigen sind, und scheinbar bewussten Desinformationen nicht nur beim Namen nennt, sondern auch mit zahlreichen Belegen untermauert. Die Diskrepanz zwischen Friedensrhetorik und Realpolitik könnte nicht deutlicher zu Tage treten als im nahöstlichen Machtpoker. Wenn dem Autor eines gelungen ist, dann ist es die Lüftung des Schleiers, der sich um die Mythen des Nahostkonfliktes gelegt hat. Dass die Hegemonialmacht USA und Israel dabei in die Kritik geraten, liegt in deren Politik begründet. Beider Politik sollte endlich öffentlich diskutiert werden.

Das Buch ist ein besonders guter Ratgeber für Politiker und politische Analytiker, denen es zu oft an einer realistischen Bewertung Israels mangelt: Sei es aus historischen Gründen wie in Deutschland, sei es aus politischer Einseitigkeit wie in den USA. Chomsky hat eine phantastische Analyse einer der großen Tragödien nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vorgelegt. Für jeden Nahost-Interessierten ein Muss.
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