Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
3.1.2003
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Blick in Politische Zeitschriften
Arnulf Baring

Zitate aus: ·Merkur ·Gewerkschaftlichen Monatshefte ·Vorgänge

In der Januar-Nummer des "Merkur" meldet sich endlich - wenn auch noch ganz vorsichtig, ja furchtsam - eine neue Generation zu Wort. Wir haben lange auf sie warten müssen. Denn zum grenzenlosen Erstaunen vieler Menschen prägen noch immer, wie seit über drei Jahrzehnten, die 68er mental unser Land. Bis heute. Auch ein junger Mann wie der 24jährige Freiburger Geschichtsstudent Dustin Dehéz betont, anstatt sich aufmüpfig protestierend in Szene zu setzen, schon in der Überschrift seines Textes, dass er "fast eine Apologie" der 68er beabsichtigte, eine Verteidigung "unserer Eltern", die wie er schreibt, "unsere Helden sind und waren". Aber die 68er hätten nicht verstanden, wie tiefgreifend ihr Erfolg war. Auch die CDU sei in den achtziger Jahren von 68 beeinflusst, die ganze Gesellschaft ein Stück nach links verschoben worden. Doch Dustin Dehéz dämmert, dass die 68er für viele alte und neue Probleme keine plausiblen Antworten mehr haben (- wobei man sich fragen kann, ob sie eigentlich je solche Antworten hatten).

"Erst jetzt, und noch immer sehr langsam, zeichnet sich ab, dass auch die Generation unserer Eltern uns Probleme hinerlassen hat. Die neuen Formen von Protestmöglichkeiten und Engagement, die die 68er in ihrem außerparlamentarischen Oppositionswahn entwickelt haben, von Amnesty International zu Greenpeace, haben zahllose Nicht-Regierungs-Organisationen und Bürgerinitiativen hervorgebracht. Nun gewinnen diese Gruppen immer mehr an Einfluss, und es stellt sich immer drängender die Frage nach der demokratischen Legitimation dieser Gruppen. Und was ist mit den Themen, für die(sie) sich ... nicht interessieren? Wie steht es mit der europäischen Integration, der Überwindung des Nationalstaates? Wie mit den sozialen Sicherungssystemen und den Steuerbelastungen?"

Wenn so entscheidend wichtige Themen- und man könnte die Liste beträchtlich verlängern - von den 68ern offensichtlich unerledigt liegen gelassen wurden, muss man sich wundern, dass die junge Generation bisher nicht öffentlich das Wort ergriffen, sich nirgendwo lautstark zu Wort gemeldet hat. Dustin Dehèz fragt, was wohl geschehen müsste, damit seine Generation "mit vereinter Stimme spricht".

"Generationen werden durch gemeinsame Schlüsselerlebnisse geprägt, die 68er durch Vietnamkrieg, Mauerbau, sich entwickelnde Teledemokratie, Spiegel-Affäre, neue Formen von Jugendkultur etc. Die nachfolgenden Generationen haben es da schwerer. Bis 1989 fehlten solche Umbrüche und Schlüsselerlebnisse. Aber die deutsche Wiedervereinigung prägte eben auch noch die 68er-Generation, die nun die Überlegenheit der Bundesrepublik anerkannte und sich im Gegenzug ihre Leistungen für die demokratische Gestaltung gutschreiben ließ. Dabei hätte die Wiedervereinigung zu einem Schlüsselerlebnis für unsere Generation werden können. Sie wurde es nicht."

Das lag wesentlich daran, dass die 68er Generation - und, wie der Text von Dustin Dehéz zeigt: auch deren Kinderschar - den Nationalstaat für überholt hielt, unsere Zukunft ausschließlich in einem integrierten Europa sah und daher die Vereinigung Deutschlands im Grunde als Anachronismus betrachtete. Dustins Altersgenosse Bernd Hartmann, auch er 24jährig, beschreibt im gleichen Heft, wie weitläufig, weltweit mobil, heutige Generationen aufwachsen. Für ein tiefes Heimatgefühl, das sich mit Deutschland verbinden könnte, scheint da kein Platz mehr zu sein.

"Dass die Welt heute kleiner erscheint als zu den Zeiten, als unsere Eltern so alt waren wie wir, ist eine Illusion, an die meine Generation gerne glaubt. Und wieso auch nicht - wuchsen wir doch in dem Gefühl auf, dass wir uns immer mehr von der Welt aneignen würden. Von Elternhaus, Nachbarschaft, Innenstadt ging es zum Studieren ... (über die Grenzen hinaus) nach Europa, nach Amerika. Dies erschien uns wie eine natürliche Entwicklung: Früh machten wir Urlaub im Ausland, und inzwischen kennen wir mehr Orte außerhalb als innerhalb Deutschlands."

Bei dieser kosmopolitischen Beweglichkeit ist es kein Wunder, wenn auch Bernd Hartmann mit der deutschen Wiedervereinigung wenig anfangen kann.

"Geboren 1978, war ich elf Jahre alt, als die Mauer fiel. Wenn ich 1989 etwas älter gewesen wäre - vielleicht hätte mir das Ereignis mehr bedeutet. Doch auch das ist fraglich, denn was in der Schule unterrichtet wurde, war nicht gerade dem Anliegen förderlich, so etwas wie ein positives Geschichtsbewusstsein gegenüber dem 09. November 1989 zu entwickeln. Von den Lehrern wurde nach einer kurzen Pause der Aufregung wenig geändert am Unterricht... Und so wurde wieder und wieder nur die Nazizeit durchgenommen... Dies war in allen Fächern ähnlich. Nazideutschland tauchte quasi überall auf, in Religion wie Sozialkunde, in Deutsch wie Philosophie. Die Nachkriegsgeschichte Deutschlands ist ein relativ leeres Blatt für mich geblieben. Und auch 1989 blieb seltsam abstrakt.... Sich als Deutscher zu fühlen, war von vornherein verdächtig und gehörte einer Denkweise an, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu bekämpfen war. Einzig dies war politisch korrekt."

Hartmann zeigt, dass es heute, anders als bei den 68ern, keine Generations-Gemeinsamkeit von 1989, also im Zeichen des vereinten Deutschland gibt. Das meint auch Joscha Schaback, der, 27 Jahre alt, in Berlin Theaterregie studiert. Sein Text steht gleichfalls im Januarheft des "Merkur".

"Für die Nachzügler der 'Generation Golf' müsste ein neuer Name erfunden werden. 'Generation Berlin', eine Bezeichnung von Heinz Bude, meint die dreißig- bis vierzigjährigen Hintermänner der Berliner Republik. Die 'unter Achtundzwanzigjährigen' gehören nicht dazu. Sie haben die Berliner Republik mehr vorgefunden als mitgestaltet. Unsere Aufgaben sind unklar, das Lebensgefühl ist im Vergleich zu draufgängerischen Vorläufern eher ängstlich. Bei einem Workshop hat der fünfundsiebzigjährige Peter Zadeck gesagt, er hätte bisher keine Generation erlebt, die so verunsichert sei wie wir: Generation Angst."

Diese Zukunftsangst findet sich auch in älteren Generationen. Das ist verständlich, denn überall werden unsere unerledigt liegen gebliebenen Probleme lautstark beklagt. So schreibt Susanne Leinemann in der Dezember-Nummer der "Gewerkschaftlichen Monatshefte" über "Die alten und die neuen Zeiten":

"Am Beginn der zweiten Legislaturperiode steht das Land nun doch vor den Problemen, die größtenteils noch aus der alten Bundesrepublik vererbt sind und die sich teilweise durch die Wiedervereinigung verschärft haben: Reformen des Renten- und Gesundheitssystems, die Frage der Dichte des sozialen Netzes, die Rolle der Gewerkschaften, Verschuldung und Steuerpolitik... Die Zeit der Ablenkung ist endgültig vorbei, jetzt geht es an den schmerzhaften gesellschaftlichen Umbau, der diskutiert werden will. Aber die Voraussetzungen sind trotz schlechter Wirtschaftsdaten gut. Denn war die alte Bundesrepublik ... zwar ein sattes, aber zunehmend deprimiertes, müdes Land, so ist die Zeit inzwischen zwar hungriger und härter, aber auch wacher."

Eine handlungsbereite Entschlossenheit in der Bevölkerung, deutschen Strukturproblemen energisch zu Leibe zu rücken, wird eine wichtige, eine unersetzliche Voraussetzung dafür sein, dass endlich etwas geschieht. Ebenso bedeutsam ist, ob sich in unseren politischen Parteien genug Führungskraft findet, das als notwendig Erkannte auch zielstrebig durchzusetzen. Dominik Geppert, Jahrgang 1970, Mitarbeiter des "Deutschen Historischen Instituts" in London, erörtert im Dezemberheft der "Vorgänge" unter der Überschrift "Krise, Charisma und Führungskraft" das "Verhältnis von Persönlichkeit, Regierungssystem und politischem Wandel am Beispiel Margaret Thatchers". Er betont:

"Thatcher war bereit, ihre moralischen Grundsätze nicht nur darzulegen, sondern auch für sie zu kämpfen... Die Führung in der geistigen und moralischen Auseinandersetzung gehörte für sie zu den wichtigsten Aufgaben eines Politikers: 'Man kann Leute nur überzeugen (betonte sie) wenn man ein bisschen missionarisch veranlagt ist'."
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