Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
10.1.2003
Ralf Georg Reuth
Hitler
Joachim Scholl

Wer war Adolf Hitler? "Der Bursche ist eine Katastrophe" - trotzdem sei man von seinem "Lebensphänomen" gefesselt, schrieb Thomas Mann 1939 im Exil, der zu dieser Zeit die katastrophalen Dimensionen von Hitlers Wirkung auf die Weltgeschichte kaum erahnen konnte. Über die tatsächlichen Ausmaße sind wir heute hinreichend informiert, dennoch entzieht sich diese Figur dem rationalen Verständnis immer wieder und verursacht jene Fassungslosigkeit, die sich in der hilflosen, stereotypischen Frage artikuliert: "Wie konnte das nur alles geschehen?" Die Monstrosität der Ereignisse hat auch Hitlers Biographen nie kalt gelassen. Weder die britischen Historiker Alan Bullock und Ian Kershaw noch Joachim Fest konnten ihr Erstaunen darüber verhehlen, dass es einem einzigen Mann gelingen konnte, mit seinem Hass und seinen Verblendungen Deutschland und die Welt in Krieg und Verderben zu stürzen. Einem Einzelnen zudem, dessen Herkunft und erste Lebensjahrzehnte alle Anzeichen des früh Gescheiterten tragen, der nie Fuß fasst in Familie und Gesellschaft und nur unausgegorene dilettantische Künstlerträume hegt, Thomas Mann nannte es treffend "das halb blöde Hinvegetieren in tiefster sozialer und seelischer Boheme". Auch Ralf Georg Reuth betont dieses "Nichts", dem Hitler entstammt, das erst 1914 eine Substanz erhält.

Reuth: "Wir haben einen Mann, der 1918 aus dem Weltkrieg zurückkommt: es ist eine verkrachte Existenz vor 1914 gewesen, in seiner Wiener Zeit - Stichwort: Männerheim - dann geht er nach München und ist dort eine verkrachte Existenz geblieben. Der Erste Weltkrieg ist für ihn eine Art Erlösung; er bietet Chancen, und tatsächlich findet Hitler als Soldat zum ersten Mal so etwas wie Anerkennung, Integration, Geborgenheit. Er ist 'wer', so kann man es sagen. Und 1918, mit dieser aus der Sicht des Frontkämpfers völlig unverstandenen Niederlage ist er dann plötzlich überhaupt nichts mehr."

Für Ralf Georg Reuth sind die Jahre um 1918 die Schlüsselzeit, in der sich die politischen und geistigen Leitlinien von Hitlers Weltbild verfestigen. Es ist eine Ideologie des Ressentiments mit nur drei wesentlichen Koordinaten: Zur Empörung über den Versailler "Diktatfrieden" gesellt sich die Auffassung vom kulturzerstörerischen Bolschewismus, der in seiner sowjetimperialen Ausdehnung Deutschland und ganz Europa bedroht. Und darüber wölbt Hitler die Schimäre des rassisch inferioren Judentums, das als geheimer Drahtzieher die Zersetzung der christlich-abendländischen Werte zum Ziel hat: Die Rede von der "jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung" wird seine Rhetorik hinfort nicht mehr verlassen. Zur Erklärung von Hitlers abgrundtiefem Judenhass hat Ralf Georg Reuth zahlreiche Quellen neu und gründlich sondiert. In seiner frühen Wiener und Münchner Zeit war Hitler demnach nur jenem "Gefühls-Antisemitismus" erlegen, wie er in halb Europa gang und gäbe war. Nach 1918 jedoch trifft der namenlose Gefreite auf die beinharten Rasse-Theoretiker von Arier- und Germanentum. Jetzt erst gewinnen die eigenen wirren Ideen Kontur.

Reuth: "Dieser Mann ist wie die Schlange auf das Kaninchen fixiert, auf einen einzigen Punkt. Er ist ein völlig einseitiger Mensch, und jetzt kann man sich vorstellen, wie er in diesem chaotischen Gefühls- und Orientierungsvakuum von 1918/19 als ganz kleines Licht, sagen wir einmal, völkisch etablierten Spinnern anheim fällt. Und diese Leute suggerieren ihm etwas, und aufgrund seines verengten Wesens verinnerlicht er das bis zur Manie."

Ralf Georg Reuth nennt sein Buch im Untertitel "eine politische Biographie", was auf Absicht und zugleich Methode des Unternehmens verweist. Reuth verzichtet auf Spekulationen über Hitlers Psychopathologie, er konzentriert sich auf die politischen Ergebnisse und darauf, wie sie zustande kommen. Mit exakter historischer Philologie gelingt es ihm, aus der Masse der Dokumente neue Zusammenhänge aufzudecken und zu vertiefen, die für Hitlers Karriere und seine obsessiven Vorstellungen entscheidend werden. Wie wenig sich Hitler im Wortsinn politisch "entwickelt", zeigt Reuth vor allem am Beispiel eines jener "völkischen Spinner", Dietrich Eckart. Der erfolglose Schriftsteller und radikale Antisemit hatte sich mit Verve in den Umkreis der entwurzelten Weltkriegspolitisierer geworfen. Aus seinen Traktaten und Essays lernt Hitler die These der "jüdisch-bolschewistischen Verschwörung" ausführlich kennen. Dietrich wiederum war von Hitler begeistert, machte sich zu dessen Mentor, und setzt schließlich 1921 das Wort vom "Führer" in die Welt.

Reuth: "Es ist unglaublich spannend, wenn Sie die Schriften von Dietrich Eckart von 1919 lesen, die er verinnerlicht, und sehen, wie exakt er diesen Inhalt, diese Weltverschwörung, dieses Geschichtsbild, das daraus herrührt, 1941 wiedergibt, als er meint, den Russlandfeldzug gewonnen zu haben. Und für Hitler ist dann, und das ist eben auch original Dietrich Eckart, das Judentum auch der Drahtzieher des Bolschewismus. Er sagt: der Jude Marx benutzt den Bolschewismus, um Russland zu zerstören, und so will er auch Deutschland zerstören."

In zwölf weitgespannten Kapiteln zeigt Ralf Georg Reuth, wie sich dieser Starrsinn immer weiter zementiert und - ein Lieblingswort Hitlers - zur "unverbrüchlichen" emotionalen Grundlage von Krieg und Völkermord wird. Implizit wendet sich Reuth damit auch gegen die These, die Hitlers politischen Werdegang in eine Kontinuität deutscher Machtpolitik seit Bismarck stellt. Mit Hitler wird Politik erstmals zur umgesetzten Mordphantasie, die ihren Wahnwitz als nationalen "Überlebenskampf" kaschiert und verkauft. Der eigene Untergang ist dabei schon mitgedacht und legitimiert auch den letzten Exzess. Der Massenmord an jüdischen Menschen wird in seiner ganzen Entsetzlichkeit erst dann mit Hochdruck betrieben, als nach dem Winter 1941 die Kette der militärischen Niederlagen beginnt. Ab jetzt beschwört Hitler im "Opfergang" des Ariertums beständig die Kategorien seiner frühen Visionen. Von nun an muss das deutsche Volk nur noch eines - glauben an den Führer und seine Idee.

Reuth: "Eine weitere Konstante für Hitlers Weltbild und Hitlers Denken ist sein fanatischer Glaube. Der Wille ist für ihn alles endscheidend. Dies rührt auch aus der Zeit des Weltkriegs her, als er sich einredet, als Meldeläufer: Wenn ich fest daran glaube, dann schaffe ich es auch - und dies ist letztlich und endlich auch ein Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie geworden, die sich so in die Nähe einer Ersatzreligion rückt. Nicht von ungefähr heißen die Parteitage 'Triumph des Willens', nicht von ungefähr strapaziert er permanent den Begriff: Wir müssen den entsprechenden Willen, den Glauben haben, dann schaffen wir das alles. Und die letzte Perversion dieser Glaubensideologie vollzieht dann Goebbels nach Stalingrad. Er sagt: Wir haben jetzt das große Opfer gebracht, und erst jetzt sind wir in der Lage zu glauben."

Ralf Georg Reuths Biographie ist für jeden Kenner ein hochinteressantes Buch, und man darf auf die Diskussionen darüber gespannt sein. Ob allerdings das große Publikum erreicht wird? Jegliche biographische Beschäftigung mit Hitler neigt allein schon durch die Stofffülle und Komplexität der Fragestellungen zur Monumentalität. Es mögen Verlagsängste gewesen sein, die den Autor zwischendurch mächtig auf das Tempo drücken ließen. Deshalb wirkt die Darstellung selbst mit nahezu 700 Seiten oftmals zu knapp und gedrängt. Und natürlich muss sich Ralf Georg Reuth der machtvollen deutschen Konkurrenz von Joachim Fest stellen. Dessen Stil und geistesgeschichtlicher Zugriff bleiben unüberbietbar. Doch es ist ein ausgesprochenes Verdienst, den bösen Mythos Hitler, wie er im kollektiven Bewusstsein verankert ist, durch solide historiographische Arbeit und klare Gedanken aufs Neue zu entdämonisieren. Unsere Vorstellung der "trüben Figur", so Thomas Mann, wird dadurch heller.
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