Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
17.1.2003
Samuel P. Huntington und Lawrence E. Harrison (Hrsg.)
Streit um Werte
Herfried Münkler

Aus dem Englischen von Holger Fliessbach

Wird die wirtschaftliche, ebenso aber auch die politische Entwicklung einer Gesellschaft durch bestimmte kulturelle Werte und entsprechende Einstellungen der Menschen begünstigt oder durch andere behindert, wenn nicht gar blockiert?

Im Abstand einiger Jahrzehnte wird dieses Problem mit politisch leicht veränderten Frontstellungen neu diskutiert. In den USA ist diese Debatte jetzt wieder angestoßen worden. Beruhen also, um es konkret zu machen, Kapitalismus und Demokratie auf kulturellen Grunddispositionen, die keineswegs überall gleichermaßen angetroffen werden, und sind womöglich deswegen Armut und Reichtum im Weltmaßstab so deutlich ungleich verteilt? Wird die Frage in dieser Schärfe und Deutlichkeit formuliert, so werden auch die politisch überaus "unkorrekten" Konsequenzen sichtbar, die aus ihrer Beantwortung erwachsen können. Ist Armut nämlich die Folge bestimmter Werte und der ihnen entsprechenden Einstellungen, dann sind diejenigen, die an diesen Werten festhalten, für ihre wirtschaftliche Lage selbst verantwortlich und können nicht andere dafür in die Pflicht nehmen - selbst wenn diese Anderen zeitweilig als Ausbeuter und Unterdrücker aufgetreten sind.

Eine enge Verbindung zwischen kulturellen Werten und wirtschaftlicher Prosperität kann immerhin dahingehend ausgelegt werden, dass die Armen eben den falschen Werten folgen und jeder Versuch zu ihrer sozialen Besserstellung solange zum Scheitern verurteilt ist, wie sie an diesen Werten festhalten. Und umgekehrt ist Reichtum dann nicht nur die Grundlage für Wohlergehen, sondern obendrein auch noch Ausdruck dessen, dass man den richtigen, weil Erfolge verbürgenden Werten folgt. - Es ist also eine überaus heikle Frage, die Samuel Huntington und Lawrence Harrison angestoßen haben, als sie Wissenschaftler und Intellektuelle zur gemeinsamen Erörterung dieser Probleme an die Harvard Academy eingeladen haben. Die Vorträge und Statements dieses Symposiums liegen jetzt in deutscher Übersetzung vor. Der Untertitel des Samuel Bandes - "Wie Kulturen den Fortschritt prägen" - macht deutlich, welche Präferenzen Herausgeber und die meisten der Beiträger gesetzt haben. Was dies für die inneramerikanische wie internationale Debatte bedeutet, hat Lawrence Harrison in der Einleitung am Problem der Ghettos amerikanischer Großstädte deutlich gemacht:

"Rassismus und Diskriminierung taugen heute, fünfzig Jahre später, nicht mehr als Erklärung für das schlechte Abschneiden von Schwarzen, auch wenn es Rassismus und Diskriminierung gelegentlich noch gibt. Diese Schlussfolgerung wird durch das schlechte Abschneiden der Hispanics unterstrichen, das heute das größere Problem darstellt. 30 Prozent der Hispanics leben unter der Armutsgrenze, und die Rate ihrer Schulabbrecher liegt ebenfalls bei 30 Prozent - mehr als doppelt so hoch als bei den Schwarzen. Hispanic-Einwanderer sind diskriminiert worden, aber gewiss weniger als Schwarze und wohl nicht stärker als chinesische und japanische Einwanderer, die in puncto Bildung, Einkommen und Gesundheit erheblich über dem nationalen Durchschnitt liegen. Wir verweisen nebenbei auf die signifikant höhere Armutsrate von fast 50 Prozent und die hohe Schulabbrecherrate von rund 70 Prozent in Lateinamerika."

Wenn Kolonialismus, Unterdrückung und jahrhundertlange Abhängigkeit also keine befriedigende Erklärung für Armut und Elend darstellen und geographisch-klimatologische Theorien zu viele Ausnahmen einräumen müssen, um wirklich überzeugen zu können, so ist es naheliegend, bei Werten und Einstellungen der Menschen nachzufragen. Der Politiktheoretiker Alexis de Tocqueville und der Soziologe Max Weber sind Vorläufer auf diesem Weg der Suche nach Antworten und Erklärungen: Tocqueville, als er der Frage nachging, warum sich die Demokratie in Amerika als überaus stabil und belastbar erwiesen hatte, wiewohl die Beispiele aus der Antike doch das genaue Gegenteil hätten erwarten lassen. Der Unterschied zwischen der amerikanischen und der antiken Demokratie, so Tocqueville, lag in den Werten und Einstellungen der Amerikaner, durch die sie dem Schicksal der antiken Demokratie, der Selbstzerstörung durch inneren Zwist und Bürgerkrieg, entgingen und eine stabile, zukunftsweisende Ordnung aufbauten.

In seinen religionssoziologischen Studien ist Max Weber einer ähnlichen Spur gefolgt, als er für den Siegeszug des Kapitalismus in Nordwesteuropa und den USA den Protestantismus, insbesondere dessen puritanische Variante, verantwortlich machte und eine enge Verbindung zwischen dem Geist des Kapitalismus und der protestantischen Ethik herstellte. Tatsächlich hätten die Konstellationen des 15. und 16. Jahrhunderts in Europa erwarten lassen, dass die südlichen Länder, vor allem Italien und Spanien, immer reicher werden würden, während die Regionen nördlich der Alpen an wirtschaftlicher Dynamik und Prosperität weit hinter dem europäischen Süden zurückblieben. Das Gegenteil war der Fall: Der Süden stagnierte, während die Länder nördlich der Alpen, vor allem die Niederlande und England, einen ökonomischen Take-off erlebten, wie ihn zu Anfang des 16. Jahrhunderts kaum ein Beobachter erwartet hätte. Max Weber hat dies damit erklärt, dass der in Südeuropa vorherrschende Katholizismus Wagemut und Risikobereitschaft nicht gefördert, sondern eher gebremst hat, während die protestantische Gnadenlehre die Menschen zu Askese und Leistungsbereitschaft trieb. Eine kapitalistische Wirtschaftsgesinnung, so auch die Schlussfolgerung der meisten Teilnehmer am Harvard-Symposium, erwächst nicht aus der Natur des Menschen, sondern entwickelt sich unter dem Einfluss kultureller Prägungen. Samuel Huntington erläutert dies an einem Beispiel, das eine Reihe von Ähnlichkeiten mit Max Webers Vergleich der süd- und nordwesteuropäischen Wirtschaftsentwicklung aufweist:

"Anfang der 1990er Jahre stieß ich durch Zufall auf Wirtschaftsdaten für Ghana und für Südkorea aus den frühen 1960er Jahren und staunte, wie ähnlich sich die beiden Volkswirtschaften damals waren. Die zwei Länder wiesen eine in etwa vergleichbare Höhe des Bruttosozialprodukts (BSP) und eine ähnliche Gliederung der Wirtschaft in Grundstoffe, verarbeitendes Gewerbe und Dienstleistungen auf. Und beide exportierten hauptsächlich Rohstoffe, Südkorea außerdem einige Fertigwaren. […] Dreißig Jahre später war Südkorea zu einem Industriegiganten mit der vierzehntgrößten Volkswirtschaft der Welt, multinationalen Unternehmen, bedeutenden Automobil-, Elektronik- und sonstigen Fertigwarenexporten und einem Pro-Kopf-Einkommen fast von der Höhe des griechischen geworden. Es bemühte sich um Konsolidierung demokratischer Institutionen. In Ghana hatte es keine dieser Veränderungen gegeben; sein Pro-Kopf-BSP betrug jetzt ein Fünfzehntel des südkoreanischen. […] Südkoreaner schätzen Sparsamkeit, Investitionen, harte Arbeit, Bildung, Organisation und Disziplin. Ghanaer orientieren sich an anderen Werten. Mit einem Wort: Kultur zählt."/

Culture matters - wenn es also zutrifft, dass bestimmte Werte wirtschaftliche Prosperität und demokratische Stabilität befördern, zumindest begünstigen, während andere sie bremsen, wenn nicht blockieren, so hätte eine zielgerichtete Entwicklungspolitik vor allem hier anzusetzen: Im Bereich von Sozialisation und Bildung müssten Einstellungen vermittelt und durchgesetzt werden, die nicht nur Demokratie affin sind, sondern auch die Mentalität einer an Akkumulation orientierten Marktgesellschaft befördern. Es sind vor allem die Wissenschaftler und Intellektuellen aus Lateinamerika und Afrika, die auf dem Harvard-Symposium energisch für eine kulturalistisch grundierten Entwicklungspolitik bzw. einem politisch geförderten und institutionell abgesicherten Wertewandel in großen Teilen der Dritten Welt eingetreten sind. Und es ist wohl kaum überraschend, dass diejenigen, die dagegen die nachdrücklichsten Zweifel geltend gemacht haben, Europäer und Nordamerikaner waren, unter ihnen am nachdrücklichsten und eindrucksvollsten der Ethnologe Richard Shweder. Misst man Lebensqualität und Lebensstandard mit den Kriterien der Marktgesellschaft, so sein Einwand, dann wird man immer gute Gründe haben, solche Marktgesellschaften weltweit zum Maßstab und Ziel der Entwicklung zu machen. Aber dieser Maßstab ist selbst zu befragen:

//"Wenn die Maximierung der Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind die ersten neun Monate nach der Geburt überlebt, als Erfolgsmaßstab gilt, sind die USA objektiv fortgeschrittener als Afrika und Indien. Wenn die Maximierung der Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind die ersten neun Monate nach der Empfängnis (im Bauch der Mutter) überlebt, als Erfolgsmaßstab gilt, sind Afrika und Indien (mit ihren relativ niedrigen Abtreibungszahlen) objektiv fortgeschrittener als die USA (wo die Abtreibungszahlen relativ hoch sind)."

Was Fortschritt und Entwicklung sind, ist eine Frage des Maßstabs, so Shweders Einwand. Aber lässt sich wirklich ernstlich bezweifeln, dass die Maßstäbe der westlichen Wohlstandsgesellschaften sich nicht längst im globalen Rahmen durchgesetzt haben? Die verhandelten Probleme werden in dem Sammelband eher herausgestellt als gelöst. Letzteres darf man freilich auch nicht erwarten. Immerhin: die Entwicklungsdebatte wird hier aus dem Umfeld einer mathematisierten Ökonomie herausgeführt und wieder in Horizonte gestellt, über die sich Gesellschaften streiten können. Das ist wirklich ein Fortschritt.
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