Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
24.1.2003
Wolfgang Engler
Die Ostdeutschen als Avantgarde
Ines Geipel

Der Berliner Soziologe Wolfgang Engler beansprucht mit seinem neuesten Buch "Die Ostdeutschen als Avantgarde" einen Text aus Willen und Leidenschaft geschrieben zu haben, einen "Fortsetzungsroman", der "die Wirklichkeit zur Rede stellt, bis sie antwortet, bis es ihr die Zunge löst". Wie der Autor erklärt, muss solcherart Erzählung jede Chronologie verlassen, um die "einzelnen Episoden nach dem Maß ihrer Erlebnis- und Orientierungsqualität zu gewichten". Engler in seinem Vorwort:

"Das Leben ist ein Fortsetzungsroman, und wie bei jedem Roman ist es die Konzeption des Ganzen, die Perspektive, die Kapitel an Kapitel reiht. Perspektive ist kein Attribut des Intellekts, sondern des Willens; dem Klügsten wird sie verschlossen bleiben, wenn sich nicht Leidenschaft hinzugesellt."

Wer Soziologie nicht mehr als sachbezogene Kulturtechnik betreibt, sondern zuerst und vor allem den Willen zum Kombattanten seiner Überlegungen macht, wird dafür gute Gründe haben. Zumal, wenn es sich bei Wolfgang Engler um einen Autor handelt, der mit seiner vor zehn Jahren erschienenen Wissenssoziologie unter dem Titel "Selbstbilder" Diskursformen bemaß, die durchaus grundlegend waren für sein Fach.

Doch schon in diesem frühen Text hatte Engler seine Chiffre gefunden, die Chiffre vom Gebeutelten, Verlorenen - jenem, der Rückgrat zeigt, überall anpackt, der sieht und weiß, doch selten spricht, der in den Krieg muss, alles verliert und eben genau deshalb mitunter allerlei gewinnen kann. Als dann 1999 Englers vielbeachtetes Buch "Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land" auf den Markt kam, hatte er jene Chiffre heißgekocht und darin enggeführt zu der vom ostdeutschen Arbeiterlichen, von jenem, der auszog, das Fürchten zu lernen, um es nie wieder zu verlernen.

Auch Englers nun erschienenes Lesebuch "Die Ostdeutschen als Avantgarde" nimmt den ostdeutschen Arbeiterlichen erneut ins Visier. Die immer dringlichere Frage, was denn werden soll, wenn die Deutschen aus der Arbeitsgesellschaft entlassen sind, kennt bei Engler vor allem eine Lösung - die des ostdeutschen Kollektivs, das, ausgestattet mit hoher sozialer Kompetenz und Teamfähigkeit, offenbar nur auf seine "Erweckung" zu warten brauchte. Der im Herbst 1989 weggerissene Lebenspanzer prädestiniert es - laut Engler - zur Avantgarde an der Front der globalisierten Weltgesellschaft. Englers Hausverlag, der Berliner Aufbau-Verlag, bewarb denn auch die Premiere des Buches entsprechend mit dem Satz: "Vom Osten lernen, neue Formen des gesellschaftlichen und persönlichen Lebens zu erfinden!"

Nun ja, wer will schon nicht Neues entdecken, wo doch das Land derart unter Reformstau ächzt? Doch neben der fleißig in den Text versenkten Ideensubstanz etwa eines Richard Sennett, Pierre Bourdieu oder Daniel Cohen - im Ganzen eher ein willfähriges Potpourri westlicher Denkfiguren, eine Art "Brigitte" der Soziologie - fällt es gar nicht so leicht, Neues zu entdecken. Eher scheint es, als pause, deutlicher noch als in Englers zurückliegenden Büchern, etwas Altbekanntes durch. Wer in der DDR irgendwann zur Schule ging oder eine Hochschule besuchte, kommt bei Wolfgang Englers angestrengter Stilisierung seines Objekts - den des allseits im Stande der Unschuld verbleibenden Arbeiters - zu einem Permanent-Déjà-vu in Sachen Marxismus-Leninismus. Das betrifft nicht nur seine Chiffre vom Dauer-Entrechteten, nicht nur die Rhetorik des Buches, die allerorten vorlegt, was es erst noch zu entdecken gilt, es wird auch konkret. So, wenn Engler schreibt:

"Das westliche Gesellschaftssystem hat über das östliche gesiegt, gewiss. Aber es zahlt dafür einen hohen Preis: Indem es sich über seine angestammten Grenzen hinaus ausdehnt, wird es zum Offenbarungseid gezwungen."

Nichts also mit dem Vereinigungswillen der Ost- und Westdeutschen, sondern eher so, wie es das Parteiprogramm der SED einmal verlautbaren ließ und an allen Bildungseinrichtungen des Landes gelehrt wurde:

"Aggressivität, Missachtung der Gleichberechtigung und Neokolonialismus sind die hervorstechendsten Merkmale der abenteuerlichen Außenpolitik des westdeutschen Imperialismus."

Doch Engler wäre nicht Engler, hätte er in seiner kleinen Programmschrift für die vom Leben vielfach Durchgeschüttelten nicht wenigstens einen Sehnsuchtsort parat, einen allerdings, der heute nicht gedacht werden darf, wie er meint. Und so nimmt es nicht Wunder, dass es sich bei seiner "Endstation Sehnsucht" um Moskau handelt. Spätestens hier wird deutlich, dass Englers Buch weniger eine ernstzunehmende Soziologie der ostdeutschen Transfergesellschaft sein will als vielmehr ein regressiv-ritualisierter Denkraum für die Idee des Kommunismus. So ist der Wille des Autors wohl zuallererst Eigentum einer Idee, die der Dramatiker Heiner Müller bereits 1990 so formulierte:

"Bei der Trennung des Kommunismus von der Macht geht es um die Emigration in den Traum. Dadurch wird eine Idee wieder eine Macht ... Realität kann aufhören zu existieren, kann durch eine neue Realität ausgelöscht werden. Aber Träume kann man nicht auslöschen, sie existieren in einer anderen Zeit."//
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