Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
7.2.2003
Blick in politische Zeitschriften
Arnulf Baring

Zitate aus: ·Geo ·Europäische Revue ·Damals ·Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte ·Leviathan

Ein Buch von Jörg Friedrich mit dem Titel "Der Brand" entfacht seit vielen Wochen eine breite, heftige Diskussion - nicht nur bei uns, sondern auch im Ausland, vor allem in Großbritannien. Friedrichs dramatischer Aufschrei ist eine Anklage gegen die Zerstörung vieler schöner, alter, deutscher Städte durch britische und amerikanische Bomberflotten im Zweiten Weltkrieg. Er betrauert zugleich den Tod hunderttausender deutscher Frauen, Kinder, Greise; Millionen Menschen verloren damals ihre Wohnungen, alle Hab und Gut. Nunmehr fragt das Februarheft von "Geo'", ob der alliierte Bombenkrieg Terror gegen die Zivilbevölkerung, ob er ein "Verbrechen gegen die Deutschen" gewesen sei. Das wird bejaht - und zugleich betont, dass diese Feststellung deutsche Gräueltaten natürlich nicht relativieren könne.

"Verbrechen lassen sich nicht gegeneinander verrechnen. Lübeck oder Hamburg verkleinern die deutsche Schuld an Auschwitz nicht im geringsten...Umgekehrt ist es unzulässig, die Planierung von Kassel, Dresden oder Pforzheim mit Treblinka zu rechtfertigen."

Die detaillierte, eindrucksvoll bebilderte "Geo"-Februar-Nummer erwähnt, dass die Alliierten bewusst ihre Angriffe nicht auf Fabriken oder Verkehrszentren konzentrierten, sondern Flächenbombardements, die wesentlich Wohnquartieren der Bevölkerung galten, für richtig hielten. Im Anhang der entsprechenden Royal-Air-Force-Directive von Februar 1942 habe der britische Luftwaffen-Stabschef unmissverständlich festgelegt:

"Es ist klar, dass die Zielpunkte Siedlungsgebiete sein sollen und beispielsweise nicht Werften oder Luftfahrtindustrien. Das muss ganz deutlich gemacht werden."

"Geo" erinnert daran, dass es zuerst die Engländer, nicht die Deutschen gewesen seien, die Sprengsätze über dem Territorium des Gegners abgeworfen hätten.

"Dieser Umstand überrascht heutzutage: Briten haben Deutschland bombardiert, bevor Deutsche gegen England flogen? Nicht umgekehrt? 'Wir haben angefangen', erklärt(e) der prominente britische Völkerrechtler J. M. Spaight ..., 'das ist eine historische Tatsache'." "Geo" meint außerdem, dass die Deutschen grundsätzlich nicht, wie die Engländer, auf Wohngebiete zielten. Das gelte sogar für Coventry. Der Autor der offiziellen britischen "Geschichte der Luftverteidigung" habe unterstrichen:

"Detaillierte Unterlagen weisen nicht darauf hin, dass ein unterschiedsloser Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung geplant war Zielpunkte waren meist Fabriken und Hafenanlagen."

Es ist gut, weil es dem Frieden, der Versöhnung unter den Völkern dient, wenn wir Deutschen uns nunmehr erlauben, nicht nur die fremden, sondern auch die eigenen Toten zu betrauern. Jetzt beklagen wir die Landsleute, die durch das alliierte Kriegsverbrechen des Luftkriegs zu Tode kamen. Schon davor haben wir seit Jahr und Tag begonnen, auch die Frauen und Kinder wahrzunehmen, immerhin zwei Millionen Menschen, die als Flüchtlinge vor der Roten Armee oder später bei der Vertreibung elend zu Tode kamen. Es gab im vergangenen Jahr Fernsehserien über Flucht und Vertreibung, gab öffentliche Diskussionen, gab das Grass-Buch über den Untergang der "Wilhelm Gustloff" (der Tausende in den nassen, eiskalten Tod riss), gab vor allem heftigen Streit - nicht so sehr unter den Deutschen als zwischen Deutschen und Tschechen - über die Benesch-Dekrete, also verbindliche Anweisungen des damaligen tschechoslowakischen Staatspräsidenten, die nach dem 8 Mai 1945 zu grausamen Verfolgungen, dann zur Vertreibung der Sudetendeutschen führten. Der aus Prag stammende, 1948 in die USA emigrierte Petr Demetz skizziert in der Nr. 23 der "Europäischen Revue. Transit" die problematische Persönlichkeit Edvard Beneschs. Er deutet zugleich, psychologisch überzeugend, antideutsche Ausschreitungen zahlreicher Tschechen nach Kriegsende.

"Die Tschechen standen (während des Zweiten Weltkriegs) den Deutschen nicht in offener Feldschlacht gegenüber wie in Polen, und ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass die Brutalitäten und Todesmärsche der Aussiedlungszeit eine späte Kompensation für ... (ihr früheres, feiges Stilhalten) waren. Man trachtete, vor allem in den ersten Jahren (der großdeutschen Annexion) und nach bewährten K. (u). k. Mustern, sich mehr oder minder zu arrangieren ..., und der aktive Widerstand gegen das Okkupationsregime war eher eine Sache ehemaliger Berufsoffiziere der tschechoslowakischen Armee, mancher Studenten und Gewerkschaftler als der in den Betrieben und auf dem Lande arbeitenden Bevölkerung, die zwar das deutsche Regime ablehnte, nicht aber die Sonderzuteilungen in den neuen Werkskantinen und Schuhläden."

Das Novemberheft von "Damals" sowie die Dezember-Nummer der "Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte" beschäftigen sich breit mit "Flucht und Vertreibung" (nach 1944/45) und damit auch mit dem Schicksal der Sudetendeutschen - "aus heutiger Sicht", wie es in der Überschrift einer Analyse von Rainer Münz heißt, die zuvor auch in der Oktober-Nummer der "Schweizer Monatshefte" erschien. Münz schreibt:

"Einer Mehrheit der Tschechen erscheint die Vertreibung der in Böhmen und Mähren ansässigen Deutschen 1945 als politische Notwendigkeit. Aus Sicht der meisten Sudetendeutschen geschah dadurch grobes, bis heute fortwirkendes Unrecht. Undiskutiert blieb bislang die Frage, ob die Nachkriegsgeschichte in Mitteleuropa ohne Benesch-Dekrete und (ohne) die Vertreibung der Deutsch-Böhmen und Deutsch-Mähren wesentlich anders verlaufen wäre. Die etwas unerwartete Antwort auf diese Frage lautet: wohl kaum!"

Da weder die Bundesrepublik noch Österreich nach dem Kriege erneut Anspruch auf die Sudetengebiete erhoben, wäre es (schreibt Münz) früher oder später, wie im übrigen Ostmitteleuropa auch, zur massiven Abwanderung der deutschstämmigen Bevölkerung Richtung Westen gekommen. Auch ohne Benesch-Dekrete, ohne Vertreibung, würde die Mehrzahl der Sudetendeutschen heute nicht mehr in der alten Heimat, sondern in Deutschland leben. -

Soll man eigentlich die alten Leidensgeschichten im und nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder in die Erinnerung rufen: einerseits die Verbrechen, die von unseren Landsleuten an "Fremdrassigen" und Ausländern begangen wurden, andererseits die Untaten, denen Deutsche, zumal Frauen und Kinder, zum Opfer fielen? Oder soll man die Untaten beider Seiten lieber dem Vergessen überantworten? Der Wiener Philosoph Rudolf Burger polemisiert seit einiger Zeit gegen die in Österreich wie Deutschland vorherrschende Neigung, permanentes Erinnern an schreckliche Verbrechen zur öffentlichen Pflicht zu machen, weil angeblich nur so der Wiederkehr einer bösen Vergangenheit vorgebeugt werden könne. Burger hält das Gegenteil für richtig und fordert daher mildes, heilsames Vergessen. Im Blick auf Österreich konstatiert er in Heft 3/2002 der Vierteljahresschrift "Leviathan", was auch für Deutschland gilt:

"Nicht einmal weltpolitische Großereignisse reichen an das Erregungspotential heran, das hierzulande Interpretationsfragen der eigenen Geschichte mühelos erreichen... Es gibt (bei uns) eine enervierende psychohistorische Dauerreflexion über die Pathologien der 'Österreichischen Seele', die angeblich nur gesunden kann, wenn sie in einem permanenten öffentlichen Prozess der Selbstanklage ihre 'verdrängte Geschichte zu lernen' und ihre Katastrophen künftig zu vermeiden vermag. Von dieser aufgeklärten, durchtherapierten Gesundheit aber seien wir, wie es heißt, noch weit entfernt. So klagen wir weiter geschwätzig unser Schweigen an."
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