Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
14.2.2003
Robert Kagan
Macht und Ohnmacht
Herfried Münkler

Braucht Amerika Europa? Und sind die Europäer auf den Schutz durch die Vereinigten Staaten angewiesen? - Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Beginn der 90er Jahre waren beide Fragen nicht nur entschieden bejaht worden, sondern die doppelte Bejahung hatte auch in einer Fülle wechselseitiger Verbindungen institutionellen Niederschlag gefunden. Europa und die USA verstanden sich als die gemeinsame Wertekultur "des Westens", und diese wurde von dem Militärbündnis der NATO überwölbt und geschützt. Wer in Deutschland während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgewachsen ist, hat vermutlich geglaubt, dies werde auf unabsehbare Zeit so bleiben. Doch das 21. Jahrhundert hatte noch nicht begonnen, als sich erste feine Risse in den politisch-kulturellen Gemeinsamkeiten des "Westens" zeigten. Inzwischen lässt sich kaum noch verbergen, dass Europäer und US-Amerikaner unterschiedlichen Vorstellungen über die zukünftige Gestalt der Weltordnung anhängen. Robert Kagan hat sie, sicherlich polemisch zugespitzt, als die europäische Vorstellung eines durch Frieden und Wohlstand gekennzeichneten postheroischen Paradieses bezeichnet, gegen die er das amerikanische Verbleiben in der Welt der Geschichte und der realen Machtkämpfe stellt.

Für Kagan bleibt es jedoch nicht beim bloßen Nebeneinander zweier strategischer Kulturen, von denen die eine die Lösung politischer Probleme auf dem Königsweg der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Aussicht auf spätere politische Integration erwartet, während die andere in wachsendem Maße auf den Einsatz militärischer Gewalt und den Krieg als geeignetes Mittel der Politik setzt. Kagan wertet auch beide politisch-strategischen Kulturen und danach stehen sich die amerikanische Kultur der Macht und die europäische Kultur der Ohnmacht gegenüber.

"Statt den Zusammenbruch der Sowjetunion als eine Chance zu begreifen, ihre strategische Einflusssphäre zu erweitern, sahen die Europäer darin eine Gelegenheit, eine beträchtliche Friedensdividende einzustreichen. Für Europa bedeutete der Untergang der Sowjetunion nicht nur, dass ein strategischer Gegner wegfiel; in gewissem Sinne erledigte sich damit Geopolitik schlechthin. Viele Europäer glaubten nach dem Ende des Kalten Krieges sich von der Strategie überhaupt beurlauben zu können. Trotz der Lippenbekenntnisse zu einer globalen Supermacht Europa sanken daher die europäischen Verteidigungsbudgets im Schnitt allmählich unter zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, und in den neunziger Jahren fiel die militärische Schlagkraft Europas immer weiter hinter die der Vereinigten Staaten zurück."

Europa, so Kagans Diagnose, sei damit aus dem Kreis der weltpolitischen Gestaltungsmächte ausgeschieden. Als sich die Europäer entschlossen, ihr Geld lieber in den Wohlfahrtsstaat, in längeren Urlaub und kürzere Arbeitszeit zu stecken, anstatt in den weiteren Ausbau der Militärpotentiale zu investieren, hätten sie damit den USA den entscheidenden Einfluss auf die Weltpolitik überlassen. Wie die Minister und Berater der jetzt amtierenden Bush-Regierung stört sich Robert Kagan, der in den 90er Jahren für die Clinton-Regierung außenpolitisch tätig gewesen ist, jedoch daran, dass die Europäer ihren Austritt aus der Weltpolitik nicht wahrhaben wollen und nunmehr mit allerhand moralischen Argumenten den amerikanischen Riesen an die Kette zu legen und zu fesseln versuchen. Dies aber sei, so Kagan in unverhohlen Nietscheschem Gestus, der Geist des Ressentiments, der sich der amerikanischen Macht bedienen und sie in seinem Sinne steuern wolle. Die Schwäche will sich als Schwäche nicht wahrhaben, sondern versucht die Macht zu übermächtigen, indem sie ihr eine schlechtes Gewissen macht. Die Amerikaner freilich, so Kagans siegesgewisse Prognose, werden sich weder durch die Gewaltdrohungen ihrer Feinde noch durch die moralischen Mahnungen ihrer Freunde von dem einmal eingeschlagenen Weg abbringen lassen.

"Dieser […] Glaube der Amerikaner an die außerordentliche Stellung ihrer Nation in der Geschichte, ihre Überzeugung, dass ihre Interessen und die Interessen der Welt identisch seien, mag man begrüßen, verspotten oder beklagen. Aber man sollte sie nicht in Zweifel ziehen. Und ebenso wie Europa seinen grundlegenden Kurs kaum ändern dürfte, besteht kaum Grund zu der Annahme, dass die Vereinigten Staaten ihren Kurs ändern oder sich mit einem Mal in der Welt ganz anders aufführen werden. Sofern keine unerwartete Katastrophe eintritt - und damit meine ich nicht einen Rückschlag im Irak oder 'ein zweites Vietnam', sondern einen militärischen oder ökonomischen Zusammenbruch von solchen Ausmaßen, dass das Fundament der Macht Amerikas selbst zerstört wird -, kann man vernünftigerweise davon ausgehen, dass wir gerade erst in eine lange Ära amerikanischer Hegemonie eingetreten sind."

Die Selbstzweifel, unter denen die politische und intellektuelle Elite der USA in den 70er und 80er Jahren gelitten und die noch in Paul Kennedys umfangreichen Buch über den Aufstieg und Fall der großen Mächte seinen Niederschlag gefunden haben, sind inzwischen verflogen. Kagans gesamte Argumentation beruht auf der Überzeugung, dass Macht eindeutig als Macht und Ohnmacht nicht minder zuverlässig als Ohnmacht identifiziert werden kann. Gerade in diesem Punkt freilich waren sich die politischen Akteure wie die Politiktheoretiker vor wenigen Jahren noch nicht so sicher. Nicht wenige waren damals der festen Überzeugung, dass militärische Hochrüstung in eine politische Sackgasse führen und die für immer neue Waffensysteme verausgabten Milliarden eine gigantische und auf Dauer gesehen selbstzerrstörerische Fehlinvestition seien. Kollektive Abrüstung, Konversion von Rüstungsindustrien in Prosperitätswirtschaften und eine deutliche Stärkung der Investitionen in den Frieden waren damals die Perspektive. Für Kagan ist dies heute nur noch der Anbeginn des Weges in die Selbstmarginalisierung.

Man kann erhebliche Zweifel daran haben, dass Kagans Beschreibung der Lage zutreffend ist und die von ihm daraus gezogenen Schlüsse stimmen. Für das, was Kagan als Macht gelten lässt, zählen allein die harten Faktoren: Flugzeugträger, Tarnkappenbomber, Satellitenaufklärung, elektronisches Gefechtsfeld. In dieser Hinsicht sind die Amerikaner tatsächlich dem Rest der Welt unendlich überlegen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und damit der Wegfall des in militärischer Hinsicht einzig ernstzunehmenden Kontrahenten, die Erfahrung der eigenen militärischen Überlegenheit im Golfkrieg von 1991 und schließlich die Ausprägung eines immer stärkeren Unilateralismus dürften die Überzeugung, in der Politik spielten nur solche harten Faktoren eine Rolle, hervorgebracht und bestärkt haben. Als Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts zur europäischen Großmacht aufstieg, war diese Auffassung auch hierzulande weit verbreitet.

Aber schon amerikanische Kritiker Kagans - Leute also, die nicht so ohne weiteres mit dem Nietzscheschen Ressentimentverdacht abgefertigt werden können - haben darauf hingewiesen, dass es neben den harten auch die sanften Faktoren der Macht gibt - kulturelle Attraktivität, soziale Vorbildlichkeit, wirtschaftliche Beziehungen und politisches Vertrauen - und dass dauerhafte Machtausübung nur auf einer gelungenen Verbindung beider Faktoren beruht. Unter dem Einfluss von Ratschlägen, wie denen Kagans, haben die USA also einen Weg eingeschlagen, auf dem sie zunehmend nur noch auf den harten Faktoren vertrauen und damit in die Falle ihrer eigenen Macht zu gehen drohen. Das Zeitalter der amerikanischen Hegemonie, das Kagan voraussagt, könnte auf diesem Weg schneller zu Ende gehen, als Kagan sich vorstellt - und als den Europäern lieb sein kann.

Warum aber sollten die Europäer darüber besorgt sein, dass sich die Amerikaner kräftemäßig überfordern, indem sie, verführt von der Arroganz der Macht, den Rest der Welt gegen sich aufbringen? - Weil dann auch die Europäer gefordert sind, und auf diese Herausforderung, darin hat Kagan wohl recht, sind sie denkbar schlecht vorbereitet. Wirtschaftliche Potenz allein, das hat das mehrmalige Scheitern europäischer Einflussnahmen im Nahost-Konflikt gezeigt, lässt sich nicht in politische Macht verwandeln. Eine Politik, die nur mit Gratifikationen arbeitet und prinzipiell nicht in der Lage ist, Sanktionen notfalls auch gewaltsam durchzusetzen, wird nicht in der Lage sein, einen eigenen politischen Gestaltungswillen zur Geltung zu bringen. Kagans Kritik am europäischen Weg ist so ohne weiteres nicht von der Hand zu weisen. Sie mag in vielem überzogen und vom Geist des Parvenü durchdrungen sein, aber sie führt den Europäern doch klar die Alternative vor Augen, vor der sie stehen: den Rückzug aus der weltpolitischen Gestaltungsrolle mit der Folge, dass man auf den Gang der Ereignisse keinen Einfluss hat und den Entwicklungen hilflos ausgeliefert ist, oder die entschlossene Entwicklung einer europäischen Außen- und Sicherheitspolitik, die diesen Namen tatsächlich verdient. Das europäische Desaster in der Irakpolitik könnte der Anstoß dazu sein, hier umzusteuern, und das könnte die womöglich letzte Chance sein, zu verhindern, dass die politische Welt so wird, wie Kagan sie sich vorstellt.
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