Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
21.2.2003
Naomi Klein / Rüdiger Safranski
Globalisierung
Conrad Lay

Naomi Klein: Über Zäune und Mauern, Berichte von der Globalisierungsfront Aus dem Englischen von Hemut Dierlamm & Heike Schlatterer Campus Verlag, Frankfurt am Main 2003

Rüdiger Safranski: Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch? Hanser Verlag, München 2003

Über die Autorin Naomi Klein schreibt die Londoner "Times", sie sei weltweit die bekannteste Person unter 35 Jahre. Prominent wurde sie nicht etwa durch ihre Promotionsarbeit, in der sie sich mit der Strategie der Markenartikel beschäftigte, sondern dadurch, dass sie diese unter dem Titel "No Logo" just zu dem Zeitpunkt veröffentlichte, als die Globalisierungskritiker in Seattle auf sich aufmerksam machten. Wie bei einer jungen Bewegung nicht sonderlich überraschend, fehlte es unter den Protestierern an prominenten Führungsfiguren. Noch ehe sie sich versehen hatte, sah sich die kritische Kanadierin in eben eine solche Rolle hineinkatapultiert. Und nun ging es Schlag auf Schlag: beginnend mit dem Coming out der Globalisierungsbewegung in Seattle reiste sie über Prag, Porto Alegre und Genua kreuz und quer in der Welt herum, wo immer es gerade Proteste an der sog. "Globalisierungsfront" hagelte. Sie besuchte mexikanische Kaffeepflanzer, philippinische Gewerkschafter, Fast food Restaurants in Italien oder Fischer an der kanadischen Pazifikküste. Ihre "Frontberichterstattung" hat etwas Atemloses an sich, als ob es sich um einen Manager eines multinationalen Konzerns handle, der da hin und her hetzt.

Wer sich über die mannigartigen Proteste informieren möchte, findet hier reichlich Nahrung. Naomi Klein stellt klar, dass sie nicht gegen Globalisierung im allgemeinen eingestellt ist, sondern gegen deren neoliberale Variante. Doch sehr tiefgründig sind die Berichte, die sie allwöchentlich für eine kanadische Zeitung schreibt, nicht. So disparat die Artikel zunächst erscheinen mögen, der Leser erlebt dadurch recht hautnah die paradoxe Kultur der sog. "Gipfelstürmer". In den Worten der Autorin:

"Wir erleben heute eine neue Welle von investigativem Aktivismus, der Personen und Dinge beim Namen nennt - ein Stück Black Panther, ein Stück Schwarzer Block, ein Stück Situationismus, ein Stück Slapstick, ein Stück Marxismus, ein Stück Marketing."

Naomi Kleins Globalisierungsbericht lebt von der Konkretikon der Fakten: sie kritisiert den Freihandel und die rigorose Sparpolitik des Internationalen Währungsfonds nicht aufgrund strategischen Kalküls, sondern weil sie etwa in Argentinien mit deren konkreten Konsequenzen konfrontiert wurde: da begegnet sie einer Frau, der von einer Operation noch die Schläuche aus dem Magen hängen, weil der Arzt kein Verbandsmaterial zur Verfügung hat. Naomi Kleins Kommentar:

"Vielleicht ist es unangebracht, hier über solche Dinge zu sprechen. Bei der Wirtschaftsanalyse sollte es eigentlich um die Anbindung an den Dollar, die Abwertung des Peso und die Gefahren der 'Stagflation' gehen - nicht um Kinder, die obdachlos werden, oder Frauen mit klaffenden Wunden. Aber vielleicht verlangen die rücksichtslosen Ratschläge, die der argentinischen Regierung von außen erteilt werden, einer gewissen Personalisierung."

Das "Kind von Hippie-Eltern und Überlebende alternativer Ferienlager", wie sich die Autorin selbst bezeichnet, wird recht hautnah in die Realität gestoßen: auch die Realität gewalttätiger Proteste, brutaler Polizeieinsätze, die Eskalation von Tränengas zu Gummigeschossen zu scharfer Munition, wie etwa in Genua vor eineinhalb Jahren. Die junge Autorin ist entrüstet - doch die Reihe der Proteste könnte schier endlos weitergehen, führe da nicht wie ein Donnerschlag der 11.September 2001 dazwischen. Markiert er das Ende der Globalisierungsbewegung? Naomi Klein widerspricht. Was sie zur "Asymmetrie des Mitleids" schreibt, gehört zum Klügsten in ihrem Buch. Die "Hierarchie des Todes", wonach "ein Amerikaner = zwei Westeuropäer = 10 Jugoslawen = 50 Araber = 200 Afrikaner" wert sei, führe in jenen Weltregionen zur Empörung, deren lokale Verluste nicht als globale Verluste behandelt würden. Naomi Klein:

"Unser provinzieller Horizont wird dank des Satellitennetzes in die ganze Welt übertragen, und indem wir unser Leiden globalisieren, vermitteln wir 'den anderen' die Botschaft, dass 'sie' nicht wir sind, also nicht zum globalen 'Wir" gehören. Und das macht sie unglaublich wütend."

Es sind solche scharfsinnigen Beobachtungen, die das Buch Naomi Kleins über eine emotional gefärbte Bewegungsliteratur erheben. Von Duktus her ganz anders ist die Art und Weise, wie sich Rüdiger Safranski dem Thema "Globalisierung" nähert. Natürlich ragen auch bei ihm sprachliche Kleinode hervor, etwa wenn er den Neoliberalismus aufgrund seiner vulgärökonomischen Haltung als die "Wiederauferstehung des Marxismus als Management-Ideologie" bezeichnet. Doch ist Safranski zuvörderst um einen Ausgleich bemüht, der es dem Individuum gestattet, Schritt zu halten. Der Autor geht also der Frage nach, wie der Mensch in globalisierten Zeiten eine Erdung behalten kann, wo doch Tausende von weltweiten Informationspartikeln auf ihn einprasseln. Er kommt zu dem Schluss:

"Inzwischen brauchen wir wieder eine Positivbewertung von Heimat. Es gilt nämlich der Grundsatz: Je mehr emotional gesättigte Ortbindung, desto größer die Fähigkeit und Bereitschaft zur Weltoffenheit."

Den "Globalismus" versteht Safranski als "geistigen Aspekt der Globalisierungsfalle". Er verführe allzu leicht zur Bildung ideologischer Großtheorien, sei es des Neoliberalismus, aber auch - in Umkehr der mahnenden Drohkulisse - ökologischer Untergangsszenarien. Nüchtern zu bleiben und nicht in Rettungs- oder Untergangsphantasien zu flüchten sei äußerst schwierig; immerhin gesteht Safranski den Globalisierungskritikern von "Attac" zu, dass sie sich eine recht pragmatische Haltung bewahrt hätten.

Safranski sucht nach einer Balance, die es dem psychischen Haushalt des Einzelnen gestattet, die Dauererregung durch weltweite Katastrophen leidlich zu verarbeiten. Die Menge an Informationen und Reizen überschreitet längst den möglichen Handlungskreis des Individuums. Reiz und Reaktion sind nicht mehr koordiniert, treten auseinander, wie Safranski mit Bezug auf Goethe schreibt. Der Medienkonsument erlebt die globale Welt als Schauplatz seiner Erregungen, ohne dass er sie mit seinen Sinnen begreifen kann. Rüdiger Safranski:

"Globalisierung, die über die Medien nach innen schlägt, begünstigt latente Hysterie und Panikzustände. Das erzeugt auch einen bestimmten politischen Moralismus, eine Fern-Ethik im Zeitalter des Fernsehens."

Das in Panik versetzte Bewusstsein sucht nach Auswegen. Wenn nun eine mit Teppichmessern bewaffnete Gruppe ein Inferno mit globalen Folgen anrichtet, dann ist die eigentlich gebotene Verbrechensbekämpfung nicht spektakulär genug. Das medial hysterisierte Bewusstsein verlangt nach Krieg. Wie kann sich der Einzelne gegenüber den Zumutungen eines Über-Ich zur Wehr setzen, das die Verantwortung für die globale Zukunft einem einpflanzt"? Die Antwort Safranskis ist ehrlich, aber auch bedrückend:

"So etwas hält auf die Dauer kein Mensch aus."

Um überhaupt einen Ausweg zu finden, spaltet man daher die öffentliche, globale Zukunft von der privaten ab. So unterschiedlich die Bücher von Rüdiger Safranski und Naomi Klein sind, so sehr drückt sich in ihnen die jeweilige Generationserfahrung aus: hier die auf Ausgleich bedachte, sicherlich notwendige Reflektion eines reifen Intellektuellen, dort der emotional zupackende Biss der Jugend. Es ist merkwürdig, aber in der Zusammenschau stellt sich doch der Eindruck ein, dass der Mensch mehr Globalisierung verträgt, als Safranski vermutet. Mindestens könnte er sich hin und wieder aufrütteln und durchwirbeln lassen vom frischen Wind einer hektischen Aktivistin.
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