Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
28.2.2003
Wilhelm von Sternburg
Als Metternich die Zeit anhalten wollte.
Rolf Schneider

Wilhelm von Sternburg ist ein rundum angenehmer Mann. 1939 in eine pommersche Junkerfamilie geboren, studierte er Volkswirtschaft nebst Geschichte und emanzipierte sich vom konservativen Milieu seiner Herkunft, indem er sich dem politischen Gegenteil zuwandte, einer linken Sicht und Einflussnahme auf die Gesellschaft. Er verhielt sich darin nicht anders als der Graf Krockow, mit dem er auch sonst dies und das gemeinsam hat, etwa das Bedürfnis, seine Kenntnisse und Überzeugungen in populären Sachbüchern unter die Leute zu bringen. Sternburg hat als Journalist gearbeitet, Fernsehzuschauer kennen ihn als Kommentator der Nachrichtensendung Tagesthemen, zu der er als zeitweiliger Chefredakteur des Hessischen Rundfunks Zugang hatte. Er schrieb ein paar höchst lesbare Biografien, über Lion Feuchtwanger, über Arnold Zweig, über Erich Maria Remarque und er drehte ein paar TV-Filme, so über Anna Seghers. Dies alles miteinander bezeugt sein einverständiges Interesse an Traditionen und Personen aus dem linken Milieu. Texte und Bücher zu generellen Themen hat er gleichfalls publiziert. Wenn er jetzt eine Gesamtdarstellung vorlegt, in der es um 200 Jahre deutscher Geschichte geht, so kommt dies nicht überraschend. Wilhelm von Sternburg möchte gleichsam die Quersumme ziehen aus allen seinen bisherigen Veröffentlichungen. Er möchte Tendenzen und Charakter der sozialen Emanzipation beschreiben aus der Zeit zwischen 1815 und 1848, wobei er reichlich auch ausgreift auf das Davor und Danach, letzteres bis in die unmittelbare Gegenwart.

Sein Buch heißt im Untertitel 'Unser langer Weg in die Moderne'. Das klingt wie eine Paraphrase auf die umfängliche Deutschland-Monografie des Berliner Historiker Heinrich August Winkler, 'Der lange Weg nach Westen', indessen hebt es sich von der gleich mehrfach ab, zunächst infolge seines entschieden schlankeren Umfangs, dann aber auch wegen der Ereignisse, die hier inspiziert werden und die Winkler in seiner Arbeit deutlich ausspart. Insofern vermögen sich die beiden Bücher zu ergänzen.

Kommt hinzu, dass Winkler wie Sternburg dem Umfeld der deutschen Sozialdemokratie zuzurechnen sind, wie übrigens auch der Graf Krockow. Überhaupt ist die Prädominanz linker Gelehrter unter den heute wirkenden Geschichtswissenschaftlern unseres Landes auffällig, ganz im Unterschied zu früheren Zeiten, wovon wiederum Sternburg in seinem Buche zu handeln weiß, unter anderem.

Sternburg fragt, wie Deutschland auf die Französische Revolution, auf Napoleon und dessen Niederlage reagierte und was dies alles für das sich herausbildende deutsche Bürgertum und zumal für dessen politische und intellektuelle Elite bedeutete. Das zentrale Geschehen, von dem er ausgeht, ist der Wiener Kongress. Eine wichtige Figur dabei ist ihm Klemens von Metternich. Ereignisse, an denen die darauf folgenden Entwicklungen festgemacht und interpretiert werden, sind der Mordanschlag des Studenten Karl Ludwig Sand an August von Kotzebue, der Tod Johann Wolfgang Goethes und der Beginn der Revolution im März 1848. Sternburg behandelt dies in kursorischer Form, nicht als breit angelegte Erzählung, und derart treten vornehmlich Zahlen und Fakten auf.

Vorteil des Verfahrens ist die Stringenz der Aussagen. Der Nachteil besteht darin, dass einer, der sich in den benannten Umständen nicht gut auskennt, in der Fülle der aufgezählten Daten zu ertrinken droht, wogegen einer, der sich auskennt, derartiger Erinnerungsstützen nicht bedarf. Dass bei solcher Überfülle Irrtümer unterlaufen, mag unausweichlich sein, ist gleichwohl ärgerlich; bei Kants berühmtem Text 'Was ist Aufklärung?' handelt es sich nicht, wie hier behauptet, um ein Buch, sondern um einen Aufsatz von gerade neun Druckseiten, Das Musiktheater, bei dessen Brand Richard Wagner in antisemitische Delirien verfiel, stand nicht in Paris, sondern in Wien.

Auch manche Bewertung lässt sich anfechten. König Friedrich I. von Preußen war nicht ganz so unbedeutend, wie Sternburg meint, die große Berliner Ausstellung im Jubiläumsjahr 2001 hat es überzeugend nachgewiesen, und die Behauptung, Metternich habe für die österreichische Innenpolitik kaum eine Rolle gespielt, stimmt keinesfalls: Der Mann war als Kanzler auch nach innen mächtig, die drückende Polizeistaatlichkeit im Land war sein Wille und sein Werk. Nun geht es Sternburg mehr um den Außenpolitiker Metternich: seiner Wirkung und seines Einflusses auf die kleindeutschen Verhältnisse wegen. Sternburg zieht Vergleiche mit Otto von Bismarck, die durchaus erhellend sind. Gewiss erweist sich Bismarck als der erfolgreichere Politiker, auch als Charakter war er sympathischer, doch ähnelten die beiden einander in ihrem bedingungslosen Konservatismus, ihrer Intelligenz, ihrem diplomatischen Geschick. Das in Deutschland umlaufende Negativ-Urteil über Metternich wurde vor allem durch eine preußenhörige Historiographie geschaffen. Sternburg rückt die Dinge zurecht, wenn er von Metternich sagt:

"Gut war die weitgehende Einhaltung des europäischen Friedens, schlimm die polizeistaatliche Politik, die er zur Machtbewahrung der konservativen Eliten beschwor. Gut war das Erkennen der nationalistischen Gefahren, die hinter den politischen Aufbrüchen der Moderne lauerten, schlimm war die Entmündigung der erwachenden Völker, Gut war die Zügelung der zerstörenden Kräfte seiner Zeit, schlimm war, dass Metternich unfähig blieb, die Revolution der Wirtschafts- und Arbeitswelt, die neuen Bedingungen des zu seinen Lebenszeiten heraufsteigenden und sich immer deutlicher akzentuierenden industriellen Zeitalters zu erkennen."

Die Strafe fiel hart aus. Nirgendwo im deutschsprachigen Raum verlief die Revolution von 1848 radikaler und blutiger als in der als gemütlichen und walzerselig angesehenen Hauptstadt Wien, und der verhasste Hauptfeind der Revolutionäre hieß Klemens von Metternich. Auch der Wiener Kongress erhält ganz gute Noten, völlig zu Recht. Diese erste große multinationale Zusammenkunft nach dem Westfälischen Frieden erwies sich in manchem fast schon als Vorläufer von Völkerbund und UN; gegen Frankreich gab es kein Siegerdiktat, der französische Chefdiplomat Talleyrand war ein respektierter Kongressteilnehmer. Sternburg zitiert den Historiker Albert Sorel:

"So unvollkommen die Abfassung zu sein scheint, so empirisch, willkürlich, sogar widerrechtlich ihre Durchführung in manchen Fällen war ,das Werk des Wiener Kongresses hat nichtsdestoweniger Europa zur segensreichsten Friedensperiode, das es je genossen, verholfen. Es war, wenn man will, nur ein Gerüst; doch haben Diplomaten niemals auf einer festeren Grundlage einen besser zusammengefügten Bau errichtet noch ein für die Zivilisation ersprießlicheres Werk geschaffen."

Der ehemalige US-amerikanische Außenminister Henry Kissinger, ein großer Metternich-Bewunderer, sieht es ebenso, freilich mit den dann doch bedenklichen Folgen:

"Es folgte eine fast hundertjährige Periode des Friedens, einer Stabilität, die so durchdringend war, dass sie vielleicht zu der späteren Katastrophe beitrug. Denn in der langen Friedenszeit verlor sich das Gefühl für das Tragische. Man vergaß, dass Staaten sterben können, dass Strömungen unaufhaltsam sein können, und dass Angst ein Mittel für sozialen Zusammenhalt bilden kann. Die Hysterie der Freude, die Europa bei dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ergriff, war das Symptom eines selbstgerechten Zeitalters, aber auch einer Zeit, die sich sicher fühlte."

Dass die menschliche Geschichte keine freundliche Einbahnstraße ist hin zu immer größeren Sicherheiten, besseren Konditionen und schöneren Zukunftsaussichten, wiewohl die Programme der meisten Politiker eben dies verheißen, weiß als ein Kind des leidgeprüften 20. Jahrhunderts auch Wilhelm von Sternburg. Er weiß ebenso: Die allmähliche Emanzipation der deutschen Bürgerlichkeit war richtig, denn sie war unausweichlich, obschon sie unvollkommen blieb, da sie auf zu viele Hindernisse stieß.

Vor solchem Hintergrund lässt Sternburg den deutschen Ereignissen von 1848 Gerechtigkeit widerfahren. Er selber hat sich vom grellen Grundoptimismus des linken Mainstreams längst verabschiedet, ohne seine Überzeugung gänzlich aufzugeben:

"... deswegen ist es falsch, diese Revolution, die von unzähligen unterschiedlichen Impulsen gespeist wurde, als gescheitert abzuhaken. Sie war für die politische und gesellschaftliche Entwicklung ... von kaum zu überschätzender Bedeutung. Sie erwies sich als ein wichtiger Anfang, und sie deutete auf eine Zukunft, die 1789 begonnen hatte und 1917 nicht fortgesetzt, sondern auf einen neuerlichen, für Millionen Menschen tödlichen Umweg gelenkt wurde. Zumindest für West- und Mitteleuropa blieben die Revolution von 1848 ... eine der politisch bedeutendsten Etappen auf dem Weg zur Zivilgesellschaft der Postmoderne. Die Welt erlebt in unseren Tagen eine erneute Epochenwende. Wer wollte ... bezweifeln, dass die demokratischen Errungenschaften, um die damals gerungen, gekämpft und gestorben wurde, vor neuen Herausforderungen stehen?"
-> Das Politische Buch
-> weitere Beiträge