Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
14.3.2003
Jürgen W. Möllemann
Klartext
Jochen Thies

Jürgen Möllemann hat ein instant book geschrieben, wie es neudeutsch heißt. Und ein Augenblickserfolg ist dem gelernten Lehrer in der Mediengesellschaft unserer Tage sicher. Die Lektüre bereitet keinen besonderen Genuss. Der Berufspolitiker schreibt so, wie er spricht. Um auf einen gewissen Umfang zu kommen, zitiert sich der Noch-FDP-Politiker häufig selbst. Anhand des Stoffes, den er behandelt, lässt sich mit ziemlicher Sicherheit feststellen, dass dieses Buch in den letzten Wochen im Zeichen der Irak-Krise hastig herunterdiktiert worden ist.

Jürgen Möllemann sieht sich in der Welt der Großen. Er berichtet von Begegnungen mit Willy Brandt, den er offenkundig verehrt, mit dem früheren Verteidigungsminister Georg Leber, und er erzählt von der weiten Welt, die er als Bundesminister bereist hat. Kaum zu glauben, dieser Mann war einmal Vizekanzler.

Die, die ihn in der FDP groß gemacht haben oder groß werden ließen, bewirft er nun mit Steinen. Politiker sind empfindlich und diskret. Einen Zeitungsverriss kann man noch gerade ertragen. Aber auch dann glühen die Telefondrähte, hagelt es Beschwerden bei Chefredakteuren und Verlegern. Indiskretionen zwischen Buchdeckeln verzeihen sie jedoch so gut wie nie. Besonders hier, an diesen Stellen, zeichnet sich der bevorstehende Bruch zwischen Möllemann und seiner Partei ab. Denn der ausgebildete Hauptschullehrer lässt kein gutes Haar an seinen Parteifreunden. Hans-Dietrich Genscher, der ihn lange, zu lange förderte, kommt ebenso schlecht weg wie Otto Graf Lambsdorff, Klaus Kinkel und besonders unter die Räder gerät in diesem Buch Guido Westerwelle. Möllemann, mit deutlichen Minderwertigkeitskomplexen gegenüber promovierten Akademikern, über seinen Parteivorsitzenden:

Möllemann: "Ich habe mit dafür gekämpft, dass er Parteichef wurde; um so enttäuschter war ich davon, dass er dann anschließend ein anderes Gesicht zeigte. Ich weiß nicht, welche große politische Linie er jetzt wirklich meint und ich weiß auch nicht, warum er so kampflos das Projekt 18 preisgibt."

Größere und kleinere Nadelstiche werden an vielen andern Stellen in dem Buch ausgeteilt und wo Verleumdungsklagen drohen könnten, belässt es Jürgen Möllemann auch einmal bei Andeutungen für den kundigen Thebaner. Gelegentlich hält er sogar erkennbar inne, um seinen imaginären Gegenüber nicht noch weiter zu provozieren. Aber das, was er schreibt, reicht aus, um das dünne Band zur FDP, das geblieben ist, zu durchschneiden. Möllemann selbst sieht dies ganz anders. Die früheren Parteifreunde sind schuld:

Möllemann: "Es gibt eine wirklich intensive Auseinandersetzung seit dem Herbst vergangenen Jahres, die ich nicht angefangen habe. Mit der muss ich mich beschäftigen und Millionen Menschen in Deutschland fragen sich, was reitet eigentlich die FDP-Führung, so mit Möllemann umzugehen."

Im Stile eines Jörg Haider, anderes kann man leider nach der Lektüre nicht sagen, tritt Möllemann in seinem best-seller-verdächtigen Werk auf:

"Deutschland braucht eine neue Politik. Und wenn es erforderlich ist, auch eine neue Partei. Aber eine, die nicht wieder so wird wie die anderen. Also eine ganz neue Art von Partei. Eine Partei, die weder 'rechts' noch 'links' ist. Sondern eine, die einfach tut, was vernünftige Politiker aller Parteien längst für nötig halten - auch wenn sie zu feige sind, es den Menschen zu sagen und endlich zu handeln."

So weit wie an dieser Stelle in seinem Buch ging Möllemann bei Interviews in dieser Woche nicht. Da war er vorsichtiger:

Möllemann: "Das ist schon deswegen unvernünftig, weil die Entscheidungen über meine Mitgliedschaft in der FDP noch dauern und weil man - wollte man gar bei einer Wahl mit einer neuen Partei antreten -, dafür eine sehr gründliche Vorbereitung bräuchte. Also: Die Frage stellt sich derzeit nicht."

Was man Möllemann bis heute nicht bestreiten kann, ist, dass er einen Instinkt für Entwicklungen hat. Das macht ihn für eine absehbare Zukunft nicht ungefährlich. Die Rolle, die Schill in Hamburg spielt, kann Möllemann durchaus auf Zeit im Bund spielen. Angesichts der instabilen Lage in der deutschen Parteienlandschaft mit kolossalen swings bei den letzten Landtagswahlen ist seine aktuelle Lageanalyse nicht uninteressant:

"Das Ende der bürgerlichen Parteien steht längst bevor. Nein, nicht von der CDU ist die Rede, denn die ist keine. Grüne und FDP meine ich. Bevor es mit ihnen von selbst ganz aus ist, kommt die große Koalition, um ihnen den Garaus zu machen. Wolfgang Clement steht als Bundeskanzler bereit, Friedrich Merz als Vizekanzler. Franz Müntefering und Laurenz Maier werden die putschenden Geburtshelfer sein."

Alles in allem bleibt es jedoch dabei, Möllemann hat ein Buch geschrieben, über das in wenigen Wochen niemand mehr reden wird. In einer vom drohenden Irakkrieg geprägten Stimmungslage bietet Möllemann ein wenig Ablenkung und liefert ein Werk der Selbstdemontage ab. Schmerzliche Momente für die deutschen Liberalen.

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