Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
11.4.2003
Thilo Bode
Die Demokratie verrät ihre Kinder
Reinhard Kreissl

Die Kritik der Welt auf 255 Seiten inklusive Literaturangaben - diesem Unterfangen stellt sich Thilo Bode, ehemaliger Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland und später weltweit oberster Chef der Organisation mit seinem langen Essay Die Demokratie verrät ihre Kinder. Bode der heute eine neue, von ihm gegründete Organisation mit dem Namen foodwatch leitet, geht es global und radikal an. In dieser Kürze kann es nur der Ton sein, der die Musik macht. Schon das zu Beginn formulierte Programm des Buches lässt die Fanfaren erschallen:

"In diesem Buch will ich darlegen, dass eine gerechte Globalisierungspolitik Armutsbekämpfung, Sicherheitspolitik und Umweltpolitik integrieren muss. Diese Integration ist gegenwärtig nicht gegeben. Ferner will ich zeigen, dass es die Politik der größten Industrieländer ist, die dieser Integration im Wege steht. Nicht der radikale Islam, sondern die Globalisierungspolitik der Industrieländer ist die eigentliche Bedrohung für diese Welt. Auch Deutschland, das zu den führenden Industrienationen zählt, nimmt seine Verantwortung nicht wahr. .... Letztlich, so meine These, wird es ohne grundlegende Reform der nationalen Demokratien auch keine gerechte Globalisierungspolitik geben."

Inhaltlich detaillierte Auseinandersetzungen sind in solchen Formaten nicht möglich. Das von Bode entwickelte Argument ist bekannt, es handelt sich um die Variation eines Themas: die Globalisierung ist unwiderruflich, liegt aber in den falschen Händen, nämlich denen des Kapitals, die politischen Institutionen sind nicht gemeinwohlorientiert und das Demokratiedefizit auf globaler, wie auf nationaler Ebene verhindert eine Wende zum Besseren. Das ist nun nicht gerade eine neue Einsicht, aber Einsichten haben, besonders im politischen Bereich auch wichtigere Eigenschaften, als neu zu sein. Das globalisierungskritische Mantra kann nicht oft genug in die Köpfe der Leserschaft gehämmert werden und wenn es auf dem Niveau geschieht, das Bode konsequent über 200 Seiten durchhält - umso besser. Bode legt mit seinem Buch eine Streitschrift vor, er zieht Verbindungslinien, kritisiert den gängigen Alltagsverstand und schreckt nicht vor pointierenden Zuspitzungen zurück. Das ist auch in Ordnung so, denn akademische Breite wirkt hier schnell ermüdend. Schon die Kapitelüberschriften zeigen an, was Bode abhandeln und in kritischer Absicht zu einem Gesamtbild zusammenfügen will: Es geht um die Kritik der real existierenden Politik der Globalisierung, um eine Auseinandersetzung mit dem Paradigma des Marktes, um die ökologischen Folgen hemmungsloser Globalisierung ebenso, wie um ihre sicherheitspolitischen Konsequenzen - das füllt in vier Kapiteln den ersten Teil des Buches, in dem auch die rot-grüne Politik ordentlich abgewatscht wird. Der zweite Teil konzentriert sich auf die Rolle der NGOs, der Nichtregierungsorganisationen und ihre Bedeutung für eine Änderung des Status quo in Politik und Wirtschaft. Hier kann Bode als ehemals führender Aktivist von Greenpeace aus dem Vollen schöpfen. Einerseits ist alles ganz einfach. Immer wieder finden sich Sätze, die das Problem als ganzes fokussieren:

"Die Macht der kommerziellen Interessen und das Versagen des Marktes, die fortschreitende Umweltzerstörung zu stoppen, muss endlich zum zentralen Thema einer globalen Umweltpolitik werden sowie die Unfähigkeit nationaler und internationaler Regierungssysteme, dieser Macht etwas entgegenzusetzen."

Wer nun meint, hier doziere ein Kapitalismuskritiker alter Prägung, der irrt. Zwar kommt Bode aus dem politökonomisch geschulten Spektrum der Linken - aber er ist auf der Höhe der Zeit. Wären alle ehemals eifrigen Leser von Marx' Kapital gegenüber den Entwicklungen der Weltgesellschaft so offen wie Bode, es wäre um die Kontinuität der kritischen Diskussion vielleicht besser bestellt.

Andererseits ist es natürlich nicht damit getan, Fehler und Probleme aufzulisten. Auch wenn die Schilderung der oft zynischen und immer rücksichtslosen Strategien von Unternehmen - die dann in der ökonomischen Theorie rational genannt werden - bereits jede Menge Ärger aufkommen lässt, revolutionäre Wut reicht nicht hin. Der Teufel liegt einerseits in der Komplexität und die spielt Bode gerne herunter. Konkurrierende Interessen existieren, denn Deine Umwelt ist mein Investitionsgebiet und die Anzahl und Verknüpfung der Probleme übersteigt schnell die Kapazität von Normalverbrauchern und Experten und schließlich finden sich an allen Ecken Belege für die kollektiv irrationalen Folgen individuell rationalen Handelns. Da hilft der Appell an Moral und Einsicht in zukünftige Folgen nichts. Zwar stimmt es, dass alles auch anders, humaner, gemeinwohlorientierter, menschlicher und nachhaltiger vonstatten gehen könnte. Aber nicht unter den herrschenden Bedingungen, die nach wie vor die Bedingungen sind, die von den Herrschenden kontrolliert werden. Es herrscht Machtwirtschaft statt Marktwirtschaft, so eine von Bodes treffenden Zwischenüberschriften - aber wenn es dann um eine Kritik der Macht geht, dann fällt dem Autor auch nichts anderes ein, als die Hoffnung auf die demokratische Umgestaltung von unten. Die Politik ist im nationalen Rahmen verkrustet und im Würgegriff der mächtigen Lobbyisten, auf supranationaler Ebene herrscht nach wie vor absolut das demokratiefreie Recht des Stärkeren - die Empirie vor der Haustüre belegt das jeden Tag. Und Bodes Liste gelungener Beispiele aus seiner Zeit bei Greenpeace, machen zwar Mut und regen an, aber ob sie eine Lösung darstellen, das bleibt zweifelhaft. Europa solle Vorbild sein. Das ist im Angesicht der real herrschenden Weltunordnung nett gemeint.

"Europa sollte dem beispielhaft Rechnung tragen, indem es auf die zwei ständigen Sitze der Nuklearmächte England und Frankreich im Sicherheitsrat verzichtet und dafür anbietet, einen ständigen Sitz durch einen Vertreter der Europäischen Union wahrnehmen zu lassen. Darüber hinaus könnte Europa vorschlagen, den Ständigen Sicherheitsrat um die Vertretungen von Indien, der ASEAN, der Organisation der afrikanischen Staaten, sowie der Organisation lateinamerikanischer Staaten zu erweitern. ... Eine derartige neue Zusammensetzung des Ständigen Sicherheitsrats hätte unmittelbar keine wesentlichen Auswirkungen auf die Politik, doch langfristig psychologisch wichtige."

Psychologische Wirkungen, die sich zu politischer Macht verdichten, Einsichten, die zu Handeln werden - auf diesen Nenner lässt sich Bodes Strategie bringen. Dafür wirbt er mit Verve und guten Argumenten. Aber darüber hinaus herrscht Schweigen. Die enge Kooperation von Politik und Wirtschaft basiert - Demokratie hin, gute Argumente her - letztlich auf dem Gewaltmonopol. Bodes Hoffnung, der Markt sei der Hebel, mit dem souveräne Konsumenten, zum Kaufstreik versammelt, die ökologisch schädlichen, sozial ungerechten, menschenfeindlichen, aber hoch profitablen Strategien des Kapitals kippen könnten, bleibt ebenso unbegründet, wie seine Annahme, politischer Druck von unten, der ohnehin unwahrscheinlich ist, würde am globalen Regime wirtschaftlicher Interessen etwas ändern. Der Krieg im Irak hat dies soeben wiedereinmal deutlich widerlegt.

Es bleiben am Ende der Lektüre eine Menge Vorschläge, aber realistischerweise nur eine schwache Hoffnung. Wer wie Bode glaubt, das global herrschende Regime des militärisch-industriell-politischen Komplexes mit guten Argumenten und zivilgesellschaftlichem Engagement zur gemeinwohlorientierten Räson zu bringen, der braucht viel Optimismus. Erstens ist das große Ganze vermutlich ohnehin nicht mehr steuerbar und zweitens, selbst wenn dem so wäre, sind Veränderungen gesellschaftlicher Verhältnisse noch nie aus besserer Einsicht entstanden. Auch wenn Alle dank Büchern wie diesen es wissen, dass es so vermutlich nicht mehr lange weitergehen kann, eine Umkehr ist damit noch lange nicht in Sicht.
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