Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
18.4.2003
Amira Hass
Gaza
Ludwig Wazal

Aus dem Englischen von Sigrid Langhaueser

Es war ein mutiges Unterfangen der israelischen Journalistin Amira Hass, ihren Wohnsitz von Israel in die besetzten Gebiete zu verlegen. Als einzige Israelin hat sie drei Jahre in Gaza-Stadt gelebt und gearbeitet. Für sie war es nichts außergewöhnliches, als Korrespondentin der Tageszeitung Haáretz in ein fremdes Land zu gehen.

"Wie sollte ich eine Gesellschaft verstehen und über sie schreiben, wenn ich nicht in ihrer Mitte lebte? Den meisten Israelis kam mein Entschluss absurd, ja wahnsinnig vor, denn sie waren überzeugt, dass ich mein Leben aufs Spiel setzte. Schon lange bevor ich tatsächlich dorthin zog, war mir klargeworden, wie verzerrt die Vorstellungen der meisten Israelis vom Gaza-Streifen sind - primitiv, gewalttätig und den Juden gegenüber feindlich gesinnt."

Die Journalistin lehnte schon immer die israelische Dämonisierung der Palästinenser ab. Gegen diese Zerrbild schreibt sie bis heute an. Der zweite Beweggrund für ihre Entscheidung hat etwas mit der Lebensgeschichte ihrer Eltern zu tun. Sie stammten aus Rumänien, überlebten den Terror des Nazi-Regimes, waren Kommunisten, die in Israel leben wollten. Sie rebellierten gegen jede Form von Ungerechtigkeit, gehörten zum linken Spektrum in Israel und verstanden sich darüber hinaus als Antizionisten. Diese Charakteristika sind für Amira Hass Vermächtnis. Hinzu kam jedoch ein Ereignis, das sich tief ins Bewusstsein der Journalisten eingeprägt hat: Ihre Mutter wurde 1944 aus einem Viehwagen von Belgrad zum Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht. Diese seltsame Prozession zog an zuschauenden Frauen vorüber, die diese Menschen mit gleichgültiger Neugier anstarrten.

"Für mich wurden diese Frauen zu einem abscheulichen Symbol des unbeteiligten Zusehens, und schon in sehr jugendlichem Alter beschloss ich, dass ich niemals zu dieser Art von Zuschauern gehören wollte. So war mein Wunsch, in Gaza zu wohnen, nicht auf Abenteuerlust oder Wahnsinn zurückzuführen, sondern auf die Angst, zu einem tatenlosen Zuschauer zu werden, auf mein Bedürfnis, eine Welt, die nach meinem besten politischen und historischen Wissen das Werk Israels ist, bis ins Detail zu verstehen."

In ihrem Buch dokumentiert Hass den Alltag der Menschen im Gaza-Streifen unter israelischer Besatzung. Das Leben der Palästinenser kann nur als katastrophal und erniedrigend bezeichnet werden kann, obwohl es die Zeit des sogenannten Friedensprozesses war. Jede Geschichte steht zwar für sich, zeigt aber auch, wie eng sie mit dem über hundertjährigen Nahostkonflikt verwoben ist, insbesondere wenn es um die Flüchtlinge geht, die dort auch als Fremde gelten.

"Einige alteingesessene Familien in Gaza haben vorgeschlagen, die Flüchtlinge in das Westjordanland umzusiedeln und auf diese Weise die unerträgliche Überbevölkerung im Gaza-Streifen zu beheben. Eine Umsiedelung der Flüchtlinge ins Westjordanland würde jedoch von vielen Fragen abhängen: vom Umfang des Territoriums, das am Ende unter palästinensischer Herrschaft stünde, ob es ein zusammenhängendes Territorium wäre oder ob es von jüdischen Siedlungen und israelischen Straßen in isolierte Enklaven zerstückelt wäre, und ob Israel überhaupt einem solchen Schritt zustimmen würde."

Zu der Zeit, als Hass dieses Buch schrieb, waren die Umstände verglichen mit heute noch "optimal". Sie kritisiert sowohl das israelische Besatzungsregime, das die totale Kontrolle während des ganzen Friedensprozesses aufrechterhalten hatte, als auch die Selbstherrlichkeit, hohlen Erklärungen und Versprechungen von Arafats Autonomiebehörde und deren schamlosen Privilegien, die aber nur von Israel geliehen sind. Auch hat die Autonomiebehörde viele israelische Eigenschaften übernommen, aber nur nicht so perfekt, wie es gefolterte Palästinenser bezeugen:

"Ein Gefangener, der später von den palästinensischen Sicherheitskräften verhört wurde, hebt die Effektivität der Methoden des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shabak hervor: 'Ersticken, Schläge auf die Genitalien, Druck auf die Brust - sie beherrschen das alles ganz hervorragend. Sie hinterlassen keine verräterischen Spuren. Nicht wie die Verletzungen, die unsere Leute den Gefangenen zufügen, die sie dann wochenlang in eine Zelle stecken müssen, bis die Spuren wieder verschwinden'."

Die Autorin gehörte zu eine der ersten, welche die Logik des sogenannten Friedensprozesses durchschauten und als Mythos entlarvte. Für sie ist die Besatzung ursächlich für die Verzweifelung und Hoffnungslosigkeit der Palästinenser, die zum erneuten Aufstand führte. In einem Epilog für die deutsche Ausgabe geht Hass nochmals auf die wirkliche Absicht des sogenannten Friedensprozesses ein, und dies ist auch bitter nötig.

"Die Menschen sollten in die Lage versetzt werden, den Mythos vom 'Friedensprozess' kritisch zu überdenken und Israels Versuch zur Kenntnis zu nehmen, die militärische Besatzung durch ein sehr viel ausgeklügelteres System zu ersetzen, in dem zwar das Militär unsichtbar sein, Israels Kontrolle über das Leben eines anderen Volkes jedoch weiterhin erhalten bleiben würde, um schließlich ein für Israel günstiges Abkommen zu erreichen, in dem sich die Palästinenser den meisten israelischen Forderungen beugen würden."

Es hat in den Jahren bis 2000 von Seiten der Palästinenser immer wieder Warnzeichen gegeben, die Unterdrückung nicht weiter zu betreiben. Die Warnungen bezogen sich auf vier Bereiche: die Fortsetzung des Siedlungsbaues, die totale Kontrolle des Lebens der Menschen und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, die Weigerung Israels, sich mit seiner Verantwortung für das Elend der Flüchtlinge auseinander zu setzen sowie die arrogante Haltung der israelischen Unterhändler. Hinzu kam, dass das "großzügige Angebot" von Ehud Barak im Camp-David von den Palästinensern als nichts anderes als eine Ansammlung von Enklaven aufgefasst wurde. Israel nahm diese Warnungen jedoch nicht ernst.

"Ich möchte nur feststellen, dass alle Elemente der Kontrolle und Unterdrückung, die während der Oslo-Jahre fortdauerten, und die Ursache für den erneuten Aufstand der Palästinenser sind und dass die militärischen Reaktionen Israels eingebettet sind in die politische Vision einer Fortdauer der Herrschaft über die Palästinenser."

Die Ursache des Terrors liegt nach Meinung der Autorin nicht im Wesen der Palästinenser begründet, sondern in der "Unterdrückungspolitik Israels", die unter Ministerpräsident Ariel Sharon unvorstellbare Ausmaße angenommen hat. Wenn jemand bis heute noch nicht verstanden hat, warum der Friedensprozess in diesem Desaster geendet hat, begreift es spätestens nach der Lektüre dieses Buches. Die Autorin verleiht den Palästinensern, die in Israel als "Terroristen" dämonisiert werden, ein menschliches Gesicht. Ein überaus lesenwertes Buch, das die menschliche Dimension des Nahostkonfliktes wieder in Erinnerung ruft.
-> Das Politische Buch
-> weitere Beiträge