Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
21.4.2003
Christoph Amend
Morgen tanzt die ganze Welt
Dirk Knipphals

"Die Jungen, die Alten, der Krieg", so heißt das Buch im Untertitel, und man könnte meinen, hier habe jemand ein aktuelles Thema sehr früh für sich reklamiert. Doch als der Autor Christoph Amend das Manuskript abschloss, konnte er sie noch nicht kennen, die Bilder von Schulklassen, die geschlossen gegen den amerikanischen Krieg im Irak demonstrierten, oder die Friedensfahnen, die bunt von vielen Balkonen flatterten. Der Irakkrieg konnte von ihm nicht mehr berücksichtigt werden, und überhaupt geht es im Grunde gar nicht um die aktuellen Kriege.

Christoph Amend, Jahrgang 1974, erzählt vom Zweiten Weltkrieg - beziehungsweise davon, wie sich seine Auswirkungen bis heute fortpflanzen. Das ist kein gar so ungewöhnliches Unternehmen, wie der Autor es selbst an manchen Stellen behauptet; schließlich gehörte die Auseinandersetzung mit den Kriegsteilnehmern und Nazivätern zu den bestimmenden Antrieben der Gesellschaftsrevolte von 1968. Aber aus der Sicht der Enkel, die Christoph Amend hier schildert, sieht die Sache eben wieder anders aus.

Vor allem sieht sie wieder interessant aus. Im ersten Kapitel hat man sogar Assoziationen mit einem Abenteuer, das es hier für Autor wie für Leser zu bestehen gilt. Christoph Amend schreibt:

"Auf eine ungewöhnliche Reise werde ich mich begeben, ich werde mitten im Chaos der Gegenwart in die Vergangenheit aufbrechen. Ich werde Deutschlands Großväter besuchen, die dieses Land nach dem Krieg aufgebaut und geprägt haben. Alle diese einflussreichen, inzwischen alten Männer, verbrachten ihre Jugend im Dritten Reich und waren im Krieg, jeder auf seine Weise. Welche Bedeutung hat dies für ihr weiteres Leben gehabt, möchte ich sie fragen. Und: Was hat sie geprägt?"

Das klingt fast wie der Anfang einer Reiseerzählung. Im Hauptberuf ist Christoph Amend Journalist. Offenbar hat er gelernt, seine Themen gut zu verpacken. Aber da ist auch etwas Spielerisches im Ton, eine gewisse freie Neugier, die bei diesem Thema wohl erst jetzt wirklich möglich ist. So ungeschützt kann man nach Nazizeit und Zweitem Weltkrieg erst dann fragen, wenn man selbst von dieser Jahrhunderkatastrophe abgepuffert wird - und zwar durch eine längst in die Jahre gekommene Vätergeneration, die allerdings bei Amend keine große Rolle spielt.

Dieser historische Abstand ist nicht Amends Verdienst. Aber die Offenheit, mit der er auf sie reagiert, schon. Was ihn bewegt, wenn er am Berliner Flughafen Tempelhof mit seiner Nazi-Architektur sitzt, beschreibt er folgendermaßen:

"Ich sitze auf den Treppen des Berliner Flughafens Tempelhof, kaue an meiner Bockwurst und habe ein maues Gefühl im Bauch. Nein, ich fühle mich nicht schuldig. Es ist etwas anderes: Hier, inmitten der Lebendigkeit eines ganz normalen Dienstagvormittags, merke ich, dass ich nicht zu viel weiß über den Alltag unter Hitler, den Alltag im Krieg - sondern zu wenig. Natürlich kenne ich die Fakten, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie sich das Leben angefühlt hat, für die, die Karriere gemacht haben, die dabei waren."

Christoph Amend treibt also weder das Bedürfnis nach Vergangenheitsbewältigung um - noch das Bedürfnis, sich von der Forderung nach Vergangenheitsbewältigung provokativ abzugrenzen. Ihn beschäftigt nicht die inquisitorische Frage an die Täter der Nazizeit: Wie konnte das geschehen? Eher fragt er sich, wie sich sein Großvater wohl im Krieg gefühlt hat. Das macht die Grenzen, aber auch den Reiz dieses Buches aus. Es folgt nicht dem Impuls einer wirklichen hermeneutischen Anstrengung, die Großväter zu verstehen - vielmehr nutzt Christoph Amend es zu einer eigenen Standortbestimmung.

Es ist dabei eine illustre Schar von Großvätern, die Amend auf seiner Reise in die deutsche Vergangenheit besucht hat. Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist darunter. Der Historiker Joachim Fest. Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Der Vordenker der Wiedervereinigung Egon Bahr. Und der Journalist Hellmuth Karasek. Christoph Amend hat ein Talent dafür, das Gespräch mit ihnen auf wenigen Seiten zu skizzieren. Daneben lässt er Ausführungen über die Fremdheit mitlaufen, die entsteht, wenn in den Familien von den Kriegseinsätzen der Großväter eben nicht erzählt wurde - nicht jeder Enkel hatte schließlich entschlossene 68er-Eltern.

Und während also etwa Richard von Weizsäcker von der Ostfront erzählt, während Hellmuth Karasek von seiner Zeit auf einer nationalsozialistischen Eliteschule in Schlesien berichtet, schält sich allmählich das zentrale Thema des Buches heraus: Christoph Amend entdeckt Ähnlichkeiten zwischen seiner Generation und der Generation der Großväter. Nicht, dass er sich wirklich in die Fronterlebnisse hineinversetzen kann. Aber er vermeint einen ähnlichen Strukturverlauf im psychischen Haushalt zu erkennen: auf Euphorie folgte für ihn bei beiden Generationen eine radikale Ernüchterung. In Bezug auf seine eigenen Generationsgenossen meint Amend dabei die Euphorie des New-Media-Booms der Neunzigerjahre - und die Ernüchterung der Rezession, die auch und gerade für hochqualifizierte junge Medienarbeiter darauf folgte.

Gemünzt auf den Schriftsteller Ernst Glaeser, Autor des Generationenromans "Jahrgang 1902", der vom großen Erfolg in der Weimarer Republik bis zur Kollaboration während der Nazizeit alles mitgemacht hat, schreibt Amend:

"Das Leben des Ernst Glaeser: Aufgewachsen in einer Euphorie, der eine gewaltige Krise folgte - an dieser Umkehrung scheiterte er. Wenn man den politischen Hintergrund einmal beiseite lässt, steht meine Generation heute vor einer ähnlichen Situation."

Das klingt reichlich forciert. Aber diese Formulierung ist nicht einfach durchgerutscht. An einer anderen Stelle heißt es:

"Die Gemeinsamkeiten der beiden Generationen sind unverkennbar: Beide traten als Sieger an und glaubten, spielend die Welt erobern zu können. Und dann waren sie plötzlich keine Sieger mehr, sie verstummten."

Diese Wendung bildet den Clou von Amends Buch. Er beharrt im Ernst darauf, dass die Generation der Kriegsteilnehmer eine Projektionsfläche für die komplizierte berufliche und private Identitätsfindung seiner eigenen Generation abgibt. An anderen Stellen betont er allerdings auch das Trennende dieser beiden Generationen. Die heute Dreißigjährigen sind natürlich viel liberaler in ihren Einstellungen und auch viel amerikanischer geprägt, zum Glück übrigens, wie Amend findet. Unter anderem ist er ein großer HipHop-Fan.

Christoph Amend spiegelt seine eigene Biografie in den Jugendbiografien der Gründerväter der Bundesrepublik. Diese Wendung macht das Fragwürdige, aber auch das Besondere seines Buches aus. Nach den krisenhaften Erfahrungen seiner Generation in der jüngsten Zeit, vor allem nach den Erfahrungen der Rezession reichen für ihn offensichtlich die Muster der Generation Golf nicht mehr aus, um sich selbst zu beschreiben. Statt nach Ironie, Pop und Medien-Oberflächen sucht er nach ernsthafteren Bezugspunkten, um sich selbst neu zu verorten. Das Leben der heute Achtzigjährigen scheint ihm ein guter Punkt zu sein, um dort nach dem allseits propagierten Ende der Ironie anzudocken: Als jugendliche Verlierer reichen sich die Enkel - und die Großvatergeneration die Hände.

Die Kritikpunkte gegen dieses Buch liegen fast zu sehr auf der Hand. Als Selbstbeschreibung ist es dennoch ernst zu nehmen. Vielleicht porträtiert Christoph Amend seine eigene Generation zu musterschülerhaft und die Generation der Alten zu harmlos. Und vielleicht macht er auch zu viele Umstände um den aktuellen Karriereknick vieler Medienmitarbeiter. Aber man muss ja seinen Ansatz nicht teilen, um ihn doch bemerkenswert zu finden. Im Konzert der aktuellen Selbstbeschreibungsmöglichkeiten macht Christoph Amend ein neues Angebot. Die Generation der Großvaterversteher.
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