Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
9.5.2003
Anonyma
Eine Frau in Berlin
Elke Nicolini

Mit einem Nachwort von Kurt W. Marek

Schon der Titel verrät etwas über den Charakter der Verfasserin des Buches: "Eine Frau in Berlin", nicht mehr und nicht weniger. Beiläufig und gleichzeitig die Sprengkraft des Inhalts ahnen lassend dann der Untertitel: "Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945". Notizen also, die mit der Eroberung Berlins durch sowjetische Truppen kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs beginnen. Eine Zeit, in der das Wort Russen, keinem mehr über die Lippen will.

"Heute morgen beim Bäcker ging das Gerede: 'Wenn die kommen, holen sie alles Essbare aus den Häusern. Die geben uns nichts. Die haben ausgemacht, dass die Deutschen erst mal acht Wochen hungern sollen. In Schlesien laufen sie schon in die Wälder und graben nach Wurzeln. Die Kinder verrecken. Die Alten fressen Gras wie die Tiere.' Soweit die Vox populi. Man weiß ja nichts."

... So schreibt die Autorin am 20. April. Nein, man wusste nichts in jenen Tagen kurz vor der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen. Selbst der "Völkische Beobachter" erschien nicht mehr. Die Nazizeitung hatte zuletzt die Frauen noch auf die Ankunft der Russen in Berlin vorbereitet, mit Schlagzeilen wie diesen: "Siebzigjährige Greisin geschändet - Ordensschwester vierundzwanzigmal vergewaltigt". Die Tagebuchschreiberin fragt sich, wer da mitgezählt habe. Sie, deren Namen wir nicht kennen, die ihre Aufzeichnungen nur unter der Bedingung der Anonymität veröffentlichen wollte, war nicht bereit, sich von der panischen Furcht, die solche Meldungen bei den Berlinerinnen hervorriefen, anstecken zu lassen. Mit leerem Magen, der ihr den Verstand nicht rauben konnte, beobachtet eine Frau, Anfang dreißig, ihre zertrümmerte Umgebung, in der Chaos, Willkür, Angst und Hunger herrschen; setzt was geschieht ins Verhältnis zu Deutschland und zu sich selbst. Kühl und schonungslos liest sich ihr Bericht. Sie vergleicht, wägt ab, verlässt sich auf ihre eigene Urteilskraft. Wenngleich sie durchaus erfahren muss, dass die Schilderungen des "Völkischen Beobachters" keineswegs nur ein Produkt der Nazipropaganda waren. Am 1. Mai lautet ein Eintrag:

"Was heißt Schändung? Als ich das Wort zum ersten Mal laut aussprach, Freitag Abend im Keller, lief es mir eisig den Rücken herunter. Jetzt kann ich es schon denken, schon hinschreiben mit kalter Hand, ich spreche es vor mich hin, um mich an die Laute zu gewöhnen. Es klingt wie das Letzte und Äußerste, ist es aber nicht."

Wohl selten hat eine Frau über Schändung, die sie am eigenen Leib erfuhr, so distanziert geschrieben. Freilich gibt es Zeugnisse aus jenen Tagen, aber selbst Margret Boveris "Tage des Überlebens in Berlin" reichen nicht an diese atemberaubenden, sogleich nach dem Erlebten niedergeschriebenen Notizen heran. Jedem Wort haftet die Unmittelbarkeit des Geschehens an. Man sieht die Frau am Morgen danach förmlich vor sich, wie sie geschunden und versehrt und doch voller Kraft, den nächsten Tag zu überstehen, in ihre Kladde einträgt, was ihr widerfuhr. Dass sie dabei im Stande ist, zu reflektieren, grenzt an ein Wunder.

Worum geht es? Ums Überleben. Ein Trieb, der sich mit brachialer Gewalt durchsetzt, dem kein Weg zu uneben, zu gefahrvoll erscheint. Wir wissen aus vielen Dokumenten von Opfern von Diktaturen, was Menschen ertragen, in der Hoffnung mit dem Leben davon zu kommen. Denen, die zunächst auf der anderen Seite standen, ist es am Ende in dieser Beziehung ähnlich ergangen, auch wenn ein gravierender Unterschied besteht, der der Frau in Berlin keineswegs entgangen ist:

"Keins der Opfer kann das Erlittene wie eine Dornenkrone tragen. Ich wenigstens hatte das Gefühl, dass mir da etwas geschah, was eine Rechnung ausglich."

Diese Worte zitiert der Herausgeber des Buchs, Kurt W. Marek, in seinem Nachwort, das er für die englische Übersetzung 1954 verfasste. Fünf Jahre später erschienen die Tagebuchaufzeichnungen ziemlich sang- und klanglos auf Deutsch. Jetzt nach dem Tode der Verfasserin hat die Witwe des Herausgebers einer zweiten deutschen Ausgabe zugestimmt, wiederum unter dem Vorbehalt deren Anonymität zu wahren. Die Autorin, eine weitgereiste Frau aus dem Bürgertum, eine wahre Kosmopolitin, die fotografierte und zeichnete und vor dem Krieg offensichtlich in einem Verlag beschäftigt war, blieb in ihrer Heimat, auch wenn Freunde ihr rieten, auszuwandern. Inzwischen glaubt sie, eine Mitschuld zu tragen. Dennoch fühlt sie sich ihrem Volk zugehörig und will "auch jetzt noch", wie sie schreibt, dessen Schicksal teilen. Dass die feindlichen Soldaten in barer Münze kassieren, wirft sie nicht aus der Bahn. Da sie klug ist, versteht sie, was die Sieger umtreibt, weiß zwischen den verschiedenen Mannstypen zu unterscheiden:

"Ab acht Uhr wieder der übliche Betrieb durch die offene Hintertür. Allerlei fremdes Mannsvolk... Meistens kommt aber einer von den uns bereits Bekannten und hilft uns, die Fremden abzuwimmeln. Ich hörte, wie Grischa ihnen das Tabu steckte, wie er Anatols Namen nannte. Und ich bin ganz stolz darauf, dass es mir wirklich gelungen ist, mir einen der Wölfe zu zähmen, wohl den stärksten aus dem Rudel, damit er mir den Rest des Rudels fernhält."

Die Pragmatische hat schnell erkannt, dass es nur eine Chance gibt, von Vergewaltigungen verschont zu bleiben - freilich nicht ohne Preis. Sie wird aktiv und wandelt sich von der Geschändeten zur Liebesdienerin. Ihre Wahl fiel auf den Richtigen, dessen Autorität sie vor den anderen schützt. Ohne ihre Russischkenntnisse, die sie während einer langen Reise durch die Sowjetunion erlangte, wäre ihr dieser Rollentausch kaum möglich gewesen. So aber kommt es, dass in ihrer Hausgemeinschaft mit einer Witwe und deren Untermieter kein Hunger mehr gelitten, Essbares und Schnaps in beinahe fröhlich zu nennenden Runden mit dem "Iwans" konsumiert wird.

Schon bald kursiert im großen Berliner Mietshaus unter den Frauen mit den vielen identischen Erlebnissen ein Jargon. In dem ist von "Essen anschlafen" die Rede, von "Majorszucker", "Schändungsschuhen", von "Plünderwein" und "Klaukohle".

"Es lässt sich keineswegs behaupten, dass der Major mich vergewaltigt. Also tue ich es aus Sympathie, aus Liebesbedürfnis? Da sei Gott vor. Einstweilen hängen mir sämtliche Mannsbilder mitsamt ihren männlichen Wünschen zum Hals heraus, kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich mich noch einmal im Leben nach diesen Dingen sehnen könnte. Tue ich es für Speck, Butter, Zucker, Kerzen, Büchsenfleisch? Ein wenig bestimmt. Es hat mich bedrückt, an den Vorräten der Witwe mitzehren zu müssen ... Andererseits mag ich den Major, mag ihn um so mehr als Menschen, je weniger er als Mann von mir will....Womit ich die Frage aber noch nicht beantwortet habe, ob ich mich nun als Dirne bezeichnen muss, da ich ja praktisch von meinem Körper lebe und für seine Preisgabe Lebensmittel beziehe."

Angst nistet tief in den Frauen, auch über das Ende des Krieges hinaus. Die Russen erscheinen unberechenbar: Zuviel Alkohol oder ein falsches Wort von den Besiegten, das die Eroberer in ihrer Ehre kränkt, und die freundlichen, kinderlieben Männer verwandeln sich in gefährliche Bestien. Die Tagebuchschreiberin denkt darüber nach, wie viel grausamer junge, unberührte Mädchen die Schändung erleben müssen im Vergleich zu einer erfahrenen Frau. Wie leicht jene daran zerbrechen können. Andererseits sieht sie einen gewissen Trost darin, wie diese Massenform der Vergewaltigung auch kollektiv überwunden wird, in dem jede jeder hilft; jede mit jeder spricht, sich Luft macht über das Erlittene und es nicht im tiefsten Innern vergräbt.

Die Frau in Berlin, die sich durch eine innere Starre schützen konnte, hat uns ein ergreifendes wie erstaunliches Dokument hinterlassen. Erstaunlich, weil sich in ihm keine Spur von Hass findet. Und das mag ein gewichtiger Grund dafür sein, dass sie keinen Moment ihre Würde, ihre Integrität verliert, trotz ihrer Gier zu leben, aus der sie in keiner Zeile einen Hehl macht.
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