Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
16.5.2003
Friedrich Dieckmann
Was ist deutsch?
Wilhelm von Sternburg

Friedrich Dieckmann ist zweifellos ein glänzender Essayist. Bewiesen hat er das in zahllosen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln und Aufsätzen, die dann in regelmäßigen Abständen dem Leser auch in Sammelbänden angeboten werden. Der nun in der Edition Suhrkamp vorgelegte jüngste Band trägt den ach so deutschen Titel: "Was ist deutsch?". Überaus lesenswerte Arbeiten aus den letzten sechs Jahren enthält er. Dieckmann selbst spricht im Vorwort von Texten, die auf eigene Weise der Befindlichkeit der Deutschen am Ende des ersten Jahrzehnts ihrer staatlichen Neu- und Wiederverbindung nachspüren. Politik- und Kulturkommentare sind es, spöttische, nachdenkliche und wenn es um die Nation geht auch wehmütig rückwärtsgewandte Klagen über seine Landsleute, die ihre nationale Identität so gar nicht mehr wahrhaben wollen. Letzteres verblüfft immer wieder bei diesem Autor, der doch so genau weiß, was die deutsche Geschichte im Namen der Nation der Welt beschert hat. Wer heute in Europa dem Nationalstaat noch eine Träne nachweint, wer sich, wie Dieckmann es in verschiedenen Passagen dieser Texte tut, über den Verlust der D-Mark und die Einführung des Euro oder die Omnipotenz der Europäischen Union in pessimistische Zukunftsängste hineinsteigert, dem ist die europäische Geschichte der letzten 250 Jahre aus dem Gedächtnis gefallen.

Mit Blick auf die Vergangenheit zitiert Dieckmann den Historiker Fritz Stern, der einmal in seiner Beurteilung der Jahre der Weimarer Republik von der "verbitterten Zerrissenheit" der Deutschen sprach. Sie sei das Moment gewesen, das Deutschland Anfang der dreißiger Jahre von anderen Ländern, die von ähnlichen Problemen gebeutelt wurden, unterschieden habe. Unser Essayist spricht dabei gar von einer Nationaleigenschaft. Aber das ist nur eine Teilwahrheit: "Zerrissen" war damals auch die französische, englische oder amerikanische Gesellschaft. Die fehlende demokratische Tradition in Deutschland und der schließlich alle Grenzen der Vernunft und der Moral überschreitende deutsche Nationalismus stürzte Europa in Elend und Zerstörung. Dieckmann macht den Berliner Politologen Arnulf Baring mit seiner These von der neuen deutschen "Ängstlichkeit", die die Deutschen angesichts von Wiedervereinigung und nationaler Neugeburt an den Tag legten, als Kronzeugen seiner Skepsis über das mangelnde Nationalbewusstsein seiner Landsleute aus. Schade, denn Barings emotionalen, populistischen nationalen Tiraden haben wenig mit Geschichte, aber um so mehr mit den Selbstdarstellungsversuchen eines gekränkten Ex-Liberalen zu tun.

Aber Dieckmann wäre eben kein brillanter Beobachter der Zeitenläufe, wenn er nicht selbst seine Ängste und Bedenken wieder ein Stück aufheben und voller Ironie eine in Deutschland lebende Italienerin zitieren würde: "Deutsch, das ist etwas, das sich fragt, was deutsch ist." Dieses Ergebnis einer "Nationalerkundung" - so der Untertitel des Sammelbandes - ist nun in der Tat widerspruchslos zu akzeptieren.

So darf der Leser dieser Essays sich trotz Dieckmanns verspäteter, sympathischerweise allerdings unaggressiver Nationalgedanken an einer Fülle kluger Betrachtungen über ein Land erfreuen, das sich im Zustand heilloser Verwirrung zu befinden scheint. Dieckmann, einst Bürger der inzwischen versunkenen DDR, weiß worüber er schreibt, wenn er den missratenen Wiedervereinigungsprozess immer wieder schmerzvoll anklagt. So etwa in einem Vortrag aus dem Jahre 1998, in dem er zum ökonomischen Zusammenbruch der neuen Bundesländer anmerkt:

"Statt den Rat der Fachleute einzuholen und ihn mit politischer Autorität zu bekräftigen [...], wurde der Volkswirtschaft einer Bevölkerung von der Größe der Niederlande eine Tabula-rasa-Privatisierung verordnet, in deren Ergebnis binnen kurzem 93 Prozent des dort vorhandenen Produktivitätsvermögens in nicht-ostdeutsche Hand übergingen. Die Käufer des Bundesbesitz gewordenen Staatsbesitzes profitierten davon, dass infolge des durch die Treuhand-Anstalt erzeugten Überangebots die Preise für feilgebotenen Betriebe ins Bodenlose fielen. Dass das Kaufinteresse überwiegend vom schnellen eigenen Gewinn und nicht von Erhalt und Förderung einheimischer Wirtschaftskapazitäten bestimmt sein werde, musste jedem Kenner marktwirtschaftlicher Prinzipien deutlich sein."

Die Wiedervereinigung ist ökonomisch wohl auch deswegen misslungen, weil die politische Elite der alten Bundesrepublik auch in der Euphorie der als historisch empfundenen Stunde nicht vergaß, dass es für sie vor allem um Macht und Geld ging. So diente ihr Handeln weniger dem Volk, als vielmehr der eigenen Polit-Karriere und der Partei. Als dann immer klarer wurde, dass der damalige Kanzler und mancher seiner Paladine es mit dem Parteiengesetz und den ökonomischen Realitäten nicht so genau nahmen, da wunderten sich die Deutschen und wählten sich schließlich eine andere Regierung.

"Es war Helmut Kohls historisches Verdienst, dass es ihm gelang, auf friedlich-freundschaftlichem Weg fünfhunderttausend Sowjetsoldaten aus Deutschland herauszubringen; nicht nur unterschwellig hing diese Leistung mit dem zusammen, was nicht erst jetzt als ihre Kehrseite erscheint. Kohls Ansehen bei seinen sowjetischen Partnern entsprang nicht nur der überzeugenden Friedfertigkeit seiner politischen Absichten, es hatte auch mit einem Autokratismus zu tun, einer Wuchtigkeit der Machtausübung, in der die sowjetischen Parteiführer ihr eigenes Verhältnis zur Macht in seiner Verbindung von Partei- und Personalregime wiedererkennen konnten. [...] Kohl jetzt zum Mohren zu machen, der seine Schuldigkeit getan hat, ist ebenso müßig wie die Weißwaschung durch den Verweis auf Verdienste, die durchaus begrenzt waren. Dieser Zentrist der Politausübung, der Probleme aussaß, bis sie allen außer ihm selbst über den Kopf wuchsen, war, an Genschers Hand, ein guter Außen-, ein achtloser Gesellschafts- und ein miserabler Wirtschaftspolitiker. Andernfalls könnte, bei kompletter Übertragung westdeutscher Strukturen, die ökonomische Emanzipation der deutschen Ost-Zone vom deutschen Steuerzahler nicht so vollständig missglückt sein."

Geglückte Beschreibungen, Einwürfe eines Intellektuellen, der sich nicht nur über das "Land im Dämmerschein" berät, sondern kaum weniger fesselnd über die Umbettung Friedrich des Großen ins Terrassengrab von Sanssouci schreibt, als über Richard Wagners Beitrag zum Dresdner Aufstand von 1848 oder das "Schaltjahr 2000" oder.

"Wann aber ist Sebastian Bach geboren? Am 21. März 1685, versichern die Biographen und weisen die zwei Tage spätere Taufeintragung im Eisenacher Kirchenbuch vor. Sie müssten hinzusetzen: nach dem julianischen Kalender, der damals in den sächsischen Herzogtümern noch in Kraft war; im fünfzig Kilometer entfernten Bistum Fulda schrieb man an diesem Tag nach dem gregorianischen Kalender bereits den 31. März. Der julianische, das war der cäsarische Kalender [...]".

Das Spiel mit Bildung und Wissen, Sprache und Erkenntnis - loben wir diese soliden, unsensationellen, wunderbaren und leider aussterbenden Autoren, die uns noch so amüsieren, belehren und auch zum Widerspruch animieren wie Friedrich Dieckmann.
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