Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
23.5.2003
Mariam Lau
Harald Schmidt
Jürgen Kesting

Schmidt: "Ich stelle auf meinen Tourneen durch Deutschlands ausverkaufte Volkshochschulen immer wieder fest, dass gerade mein Publikum ständig an die intellektuelle Leistungsgrenze geführt werden möchte. Scheiß egal von welcher Seite. Sie kennen vielleicht den Satz von Oskar Wilde "Witz ist der Intellekt auf Reisen" - der Intellekt auf Reisen, eine Reise ans Ende des Verstandes - ist für viele von uns nur ein Kurzausflug - Hauptsache, man ist abends wieder daheim, es wimmelt ja gerade zu von unglaublichen ... "

So kennt man ihn. Wie er Häme und Hohn mit großer Kelle austeilt. Harald Schmidt weiß längst, dass er Gemeinheiten, Kalauer, klugen Spott und derbe Zoten in den Rachen des Gelächters werfen kann, ohne Empörung oder Protest gewärtigen zu müssen; daß die Zuschauer alles schlucken, auch ihre eigene Beschimpfung, ohne dass sie es je würgen würde. In der Rolle des Dirty Harry kann er auf ein Bewusstsein vertrauen, dem alles gleichwertig und deshalb auch alles gleichgültig ist. Er versteht es glänzend, sich so dumm zu stellen, dass das Publikum ihn versteht und sich folglich selber für fast so intelligent hält wie ihn.

Schmidt: "Wir waren kürzlich im Belle Cuisine, plötzlich sagt einer "Oh, das Essen ist sehr übersichtlich angeordnet" - damit nahm das Elend seinen Lauf ... es stellt sich raus, am Nebentisch saßen Leute, die konnten sich unheimlich gut Loriot-Sketche nacherzählen, z.B. den mit der Nudel, worauf plötzlich drei Leute gleichzeitig schrieen: "Herr Müller-Lüdenscheidt, wenn Sie die Ente zu Wasser lassen, dann verlasse ich die Wanne" - Wir haben Amnesty International - wir haben terre des hommes - wir haben Ärzte gegen den Atomkrieg - wer greift eigentlich ein, wenn jemand in einem Restaurant 40 Minuten lang unheimlich gut Loriot-Sketche nacherzählt?"

Sein Spott nährt sich vorwiegend von dem, was im Supermarkt des Fernsehens als Politik, Sport, Unterhaltung, Interview, Sex, Entertainment feilgeboten wird. In dieser Welt, die nunmehr eine Simulation ist, spielt er den Zyniker, der die kollektive Verblendung durchschaut hat. Er folgt bei seinen oft wirklich amüsanten Improvvisos der Maxime, dass die Verzerrung der Realität im Bericht der wahrheitsgetreue Bericht über die Realität ist. Er trifft fast immer und macht nur selten betroffen. Intelligentere Zuschauer müssten nach seinen Sendungen eigentlich in den Zustand der Tristesse versetzt sein.

Als Mundstück des Zeitgeistes hat Harald Schmidt gewiss eine Biographie verdient und nicht nur die mehr als 51 000 Einträge, die unter www.google.de abzufragen sind. Was er nicht verdient hat, sind die 220 Seiten von Mariam Lau, die in ihrem Vorwort schon nach 74 Zeilen bekennt, dass sie ihren biographischen Helden wegen seiner "ungewöhnlich gelehrigen Unbeschwertheit" einfach verehren musste. Vermutlich hat sie eine gelehrte Unbeschwertheit gemeint, und das ist nur eines von 100 Beispielen vager, unscharfer Formulierung. Jedenfalls wollte sie herausfinden, so heißt es im Vorwort:

"...wie das alles zusammenhing: der Biss und der Katholizismus, das sozialdemokratische Kabarett, die politische Inkorrektheit, das Kulturkonservative und das durchaus Freundliche im Umgang."

Dass Schmidt sich jedem Gespräch verweigerte, mag daran liegen, dass er manches Lob, das ihm gezollt wird, als Anmaßung begreift, und die Verehrung, die ihm dargebracht wird, als Belästigung empfindet. So musste die Autorin im Verlauf der Recherchen selber herausfinden, dass Schmidt nach "sieben fetten Jahren, als das Witzeln noch gegen das Gutmenschentum geholfen hat", plötzlich schwächele und seine Show inzwischen "selbstzufrieden um sich selbst kreist, vakuumverpackt vor dem Rest der Spaßgesellschaft geschützt". Steht es nicht genau umgekehrt: dass die Show der perfekte Selbstausdruck dieser Spaßgesellschaft ist und zugleich der ihrer Selbstverachtung?

Die erste Etappe ihrer Recherche führt nach Nürtingen, die Geburtsstadt des Helden. Sie breitet auf zwanzig Seiten aus, was auf zwanzig Zeilen hätte gesagt werden können. Das zweite Kapitel berichtet von den frustanen Anläufen, auf dem Theater Fuß zu fassen. Informativer dann das Kapitel über die Aufsteiger-Jahre im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Schmidt bekam die Chance, sich bei der Entwicklung neuer Formate zu bewähren - also bei der Anpassung der Öffentlich-Rechtlichen an die privaten Sender. Die Autorin sieht deutlich, dass mit diesen Tele-Unverbindlichkeiten ein neues Publikum und ein verändertes Gefühls-Klima bedient wurden. Irgendwie weiß sie, was gelaufen ist, nur operiert sie bei ihrer Analyse mit stumpfem Besteck. Über die neue Programm-Politik heißt es etwa:

"Insgesamt schaltete man auf gute Stimmung. Nach all den Jahren Fassbinder und Co. hatten sich die Zuschauer da wohl auch gewisse Rechte erworben . ... Angesichts des eskalierten Bedarfs entwickelte sich ein Segment avancierter Unterhaltungskultur ... Es kam zu irritierenden Kreuzverbindungen zwischen der 'Neuen Frankfurter Schule' und dem Kabarettisten-Milieu: Robert Gernhardt, Peter Knorr und Bernd Eilert schrieben Texte für Otto Waalkes."

Sofern die Autorin Querverbindungen gemeint haben sollte, so hätten diese aufgezeigt werden müssen. Und statt einer sorgfältigen Analyse der Verwerfungen, zu denen es durch die Einführung des Privat-Fernsehens kam - nicht nur in Fernsehen und Funk, sondern auch in den Printmedien und selbst im Kulturleben - ist überwiegend Insider-Talk über Karriere-Kabalen zu lesen.

Der Nachmacher, so sagt Karl Kraus, ist oft besser als der Vormacher. Ist Schmidt so gut wie David Letterman oder Jay Leno, deren Late Night Shows er abgekupfert hat - gescheit, geschickt und schamlos? Ach ja, die Scham. An deren Abschaffung hat Schmidt sich nach Kräften beteiligt. Er hatte genau begriffen, dass in der ersten Dekade des privaten Fernsehens tatsächlich eine geistig-moralische Wende durchgesetzt wurde: Privatisiert wurde nur die Moral, ökonomisiert hingegen die zynische fun morality und die libertaire Zerstörung jeglicher Umgangsformen.

Erst nach langen, endlos langen und lähmend langweiligen Seiten über die Lebensgeschichte der amerikanischen Moderatoren, angefüllt mit belanglosen Episoden aus deren Shows, nimmt Frau Lau ein vermeintliches Versagen Schmidts zum Anlass für eine Fundamental-Kritik. Der Anlass war der 11. September. Schmidt hatte nach dem Attentat, anders als Letterman, 14 Tage pausiert. Und anders als Letterman, der scheinbar improvisierend die all-amerikanische Mut-Parole ausgab, habe Schmidt nach 14 Tagen weitergemacht, als habe es den Schreckenstag nicht gegeben. Kommentar der Autorin:

"Man war im Heimaturlaub, meldet sich zum Dienst zurück ... Im Ton, Stil und Ablauf der Show war nicht ein einziger Unterschied zur Zeit davor zu erkennen. Wozu also zwei Wochen Pause? Aus stilistischer Unsicherheit, so muss man annehmen: Schmidt ist darauf angewiesen, dass andere ihm durch ihre Äußerungen, Dummheiten und Plattitüden Material liefern. Aus dieser Deckung kann er operieren, ohne sie ist er aufgeschmissen."

Sollte Frau Lau entgangen sein, dass dies ist die Grundlage jeder Satire, jeden politischen Kabaretts ist? Es zeugte eher von Klugheit und Stil, dass Schmidt nicht einmal den rhetorischen Schwulst, der nach dem 11. September ausgebreitet wurde, zum Anlass für seine Scherze genommen hat.

Als Schmidt im vergangenen Jahr den Grimme-Preis erhielt, hieß es in der Begründung, er sei "der wichtigste politische Kommentator im deutschen Fernsehen", weil es ihm gelungen sei, nach dem 11. September in vielen Gesprächen "die Differenz zwischen öffentlicher Rede und privaten Gefühlen zu entlarven". Dieser Harald Schmidt könnte der Gegenstand eines Buches sein - einer Gesellschaftsbiographie, welche die Unterhaltungskultur als Ausdruck des gesellschaftlichen Bewusstseins begreift.
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