Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
30.5.2003
Volker Koop
Der 17. Juni 1953
Lutz Rathenow

Thomas Flemming: Kein Tag der deutschen Einheit - 17. Juni 1953 be.bra Verlag, Berlin 2003

Der 17. Juni 1953 gehört zu den schillernden Daten der jüngeren deutschen Geschichte. Zu seinem 50sten Jahrestag nötigt die Mischung von Revolte, Streik und Aufstandsversuch der ost-deutschen Bevölkerung zu zahlreichen neuen Deutungsversuchen. Volker Kopp wertete viele Dokumente der Staatssicherheit und mehr noch der Volkspolizei aus und legt ein opulentes Werk vor: "Der 17. Juni 1953. Legende und Wirklichkeit". Wie war es damals?

"Die Leidensfähigkeit der Bevölkerung Ost-Berlins und der DDR war am Ende. Die Zeichen waren jedoch sowohl in Ost-Berlin wie in Bonn - möglicherweise sogar bewusst - ignoriert worden. Ruhe schien, wenn schon nicht die oberste Bürgerpflicht, dann doch die der Regierungen zu sein. Die Geheimdienste beider Staaten in Deutschland versagten völlig und schlossen die Augen vor der Wirklichkeit - ein Verhalten, das fatal an die friedliche Revolution vom 9.November 1989 erinnert, die ebenfalls absehbar war."

Für die alte Bundesrepublik wurde der 17. Juni dann zum Feiertag, in der DDR blieb er bis zum Ende das Trauma der Funktionäre. Zum ersten und einzigen Mal bis zu ihrem Ende wurde die politische Macht grundlegend in Frage gestellt. Die im Juni 53 in die Städte einrollenden sowjetischen Panzer entblößten den Staat DDR als Leihgabe der "Roten Armee". Der fortan betriebenen Ausbau des geheimdienstlichen Apparates jagte immer wieder seiner Angst vor einem neuen 17. Juni hinterher.

Volker Kopp möchte die Geschichtsschreibung in zwei Richtungen korrigieren. Einerseits gab es wahrscheinlich weniger Tote als oft gemutmaßt, besonders die Zahl der getöteten DDR-Polizisten und Stasileute ist mit fünf nach unten zu korrigieren. Auch kann entgegen vieler Gerüchte bisher keine standrechtliche Erschießung eines sowjetischen Soldaten nachgewiesen werden, der sich weigerte, gegen DDR-Demonstranten vorzugehen. Ganz anders als beim Ungarn-Aufstand 1956.

Die Zahl der Opfer unter der revoltierenden Bevölkerung bleibt unklar, die Historiker schätzen 50 bis 125 Tote. Wichtiger noch ist für Kopp die zweite Botschaft: -- "Auf der anderen Seite war das Ausmaß der Demonstrationen und Proteste erheblich größer als in der Vergangenheit dargestellt. Mehr Orte in der DDR waren von den Protesten betroffen, in mehr Betrieben wurde gestreikt, und mehr Menschen nahmen an den Demonstrationszügen teil, als dieses bisher bekannt war....Der Widerstand und der Protest gegen das Regime waren vielschichtig."

Für Volker Kopp führt die Kombination aus politischem Druck (Vertreibung der Bauern von ihren Höfen, Enteignung der Gastwirte an der Ostsee, Verfolgung der Jungen Gemeinden) und den sich dramatisch verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen zum Aufstand. Immerhin verzichtete die Sowjetunion am 1. Januar 1954 dann auf Reparationsleistungen in Höhe von 10 Milliarden Mark. Plausibel und detailliert listet Kopp die Reaktionen der Bundesregierung auf die wirtschaftliche Misere schon zu Beginn des Jahres 53 auf. Man kann es kurz zusammenfassen: Adenauer hat immer wieder auf Hilfe gedrängt. Die USA halfen auch mit Paketen, die auch öffentlich wirtschaftliche Überlegenheit vorführen sollten. Die Bundesregierung liebte es unspektakulär.

"So ging es in der Kabinettssitzung vom 19.Mai darum, Fischlieferungen in die DDR aufrechtzuerhalten, obwohl nach den bisherigen Vertragsbedingungen und den aufgelaufenen Schulden der DDR der Handel hätte eingestellt werden müssen. Unterstrichen wurde dabei wiederum 'die politische Bedeutung einer Hilfe für die Bevölkerung der Sowjetzone auf dem Ernährungsgebiet', die eine Kreditgewährung notwendig mache."

Alte von der DDR verbreitete Legenden wie die von einem faschistisch oder westlich inspirierten Putschversuch werden nebenbei mit abserviert. Davon spricht ohnehin kein ernsthafter Historiker mehr. Neuen Legenden, zum Beispiel vom ehemaligen Kulturminister Hans Bentzien geschürte Mutmaßungen, Teile der sowjetischen Führung könnten den Aufstandsversuch toleriert oder inspiriert haben, bringen keine Belege vor. Offenbar fällt es einigen abgewickelten DDR-Historikern schwer, sich gänzlich von Verschwörungstheorien zu lösen. Wenn nicht der Westen an allem Schuld war, soll es halt der sowjetische Osten gewesen sein. Volker Kopp zeigt auf, dass die Geschichte der Streiks in der DDR vor dem 17. Juni einsetzte. Eine Berliner Brigade vom Block G-Nord streikte drei Stunden am 20.Mai, am 3. Juni kam es in dort und am Strausberger Platz zu weiteren Arbeitsniederlegungen. Doch wünschte man sich die Auswertung der Proteste vor dem historischen Datum ausführlicher. Ein anderer Historiker schreibt sich immerhin bis in den Dezember 51 zurück und schildert die Befreiung eines Verhafteten durch die Dorfbevölkerung. Kopp wird ausführlich und ergiebig, wenn er die Ereignisse in den einzelnen Bezirken der DDR auflistet. Natürlich war es mehr Volks- als Arbeiteraufstand, zuviel passierte auch auf dem Land. Dennoch spielten Arbeiter in den großen Industriezentren die wichtigste Rolle. Und in den nördlichen, ländlich strukturierten Bezirken (Rostock, Schwerin, Neubrandenburg) ereignete sich wenig bis nichts. Auch ganz im Süden, dem Bezirk Suhl, blieb es ruhig. Interessanterweise sind die Ruhe- und Unruhezonen fast identisch mit jenen im Jahr 1989 - eine Aufgabe für weitere vergleichende Forschungen zur politischen Widerstandsbildung. Ansonsten bietet Kopp bekannte und unbekannte Fakten aus dem ganzen Land. Er zitiert nicht nur aus Dokumenten, er zeigt auch Fotos - zum Beispiel von den seiner Meinung nach von der Forschung nicht hinreichend gewürdigten Massenprotesten aus Jena.

Der vergleichende Blick in ein anderes Werk verdeutlicht zwei Probleme. Thomas Flemming gelang mit "Kein Tag der deutschen Einheit. 17. Juni 1953" wieder einmal eine prägnante und gut lesbare Überblicksarbeit. Die grundsätzlichen Einschätzungen über Ursachen und Folgen decken sich in vielem mit denen bei Volker Kopp. Wer keine neuen Forschungsergebnisse, sondern einen mit Fotos und Dokumenten anschaulich präsentierten Überblick will, wird bei Flemming bestens bedient. Zwei symptomatische Probleme treten aber nicht nur bei ihm auf: Flemmings Buch erweist sich als sehr Ostberlinzentriert, ein Problem der DDR-Forschung generell. Bei der Betrachtung des 17. Juni führt es rasch zu einem zweiten Wahrnehmungsdefizit: der Rolle der Westmedien und des Westens generell. Natürlich haben in der offenen Stadt Berlin aus Westberlin kommende Personen sich an den Auseinandersetzungen beteiligt. Das war aber im Grunde die Ausnahme, die Beschäftigung mit den Aktionen und ihrer Niederschlagung in Ostberlin verzerrt in diesem Punkt den Blick auf den Charakter der Ereignisse in der DDR. Das geht wiederum aus Volker Kopps Buch hervor, der auch die in der Mehrheit auf Mäßigung zielende Haltung des Rias detailliert aufzeigt.

Doch ist der Einfluss von zwei Rundfunksendern (im Norden war es der NWDR aus Hamburg) in einer fernsehlosen Zeit nicht zu unterschätzen. Informationen können eben aktivieren, ausschlag-gebend sind die Wirkungsbedingungen. Und die führten in Halle, Magdeburg oder Gera zu ganz anderen Aktivitäten als in Suhl oder Neubrandenburg. Im Gegenteil, besonders weit gedieh der Aufstand in Görlitz, wo der Rias nicht oder nur sehr schlecht zu empfangen war.

"Versuche, die Protestaktionen in den geordneten Bahnen zu halten, gab es nur in Görlitz, wo ein wenige Stunden existierendes Stadtkomitee bemüht war, mit Hilfe einer unbewaffneten Arbeiterwehr für Ordnung auf den Straßen zu sorgen.....Bemühungen, überregional die Proteste zu koordinieren, sind nur in einem einzigen Fall dokumentiert. Das in Halle gegründete "Nationalkomitee freies Deutschland" konnte jedoch seine beabsichtigte Arbeit, nämlich Verbindungen zu anderen Streikzentren im Bezirk herzustellen, erst gar nicht aufnehmen."

Volker Kopp zeigt so auch die qualitativen Grenzen des Protestes, der keinen geplanten Revolutionsversuch darstellte. Die Fakten der Niederschlagung sind weitgehend bekannt dargestellt. Die Folgen für die DDR sind bis zu ihrem Ende vorhanden. Die Frage bleibt: Ist der 17. Juni eher ein Tag der Trauer um die Opfer oder der Freude über den bewiesenen Mut der DDR-Bevölkerung? Wieweit kann aus ihm Selbstbewusstsein für eine andere, nicht die DDR verklärende ostdeutsche Identität gewonnen werden. Und über die bisherigen Bücher hinaus stünde bis zum nächsten Jahrestag eine vergleichende Forschung zu den Freiheitsbewegungen von Budapest, Prag und Warschau an. So könnte der 17. Juni sogar eine europäische Dimension bekommen.
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