Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
9.6.2003
Marcia Pally
Lob der Kritik
Rolf Schneider

Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff, Ulrike Bischoff, Gennaro Ghirardelli und Thorsten Schmidt

Das Wort Kritik ist griechischen Ursprungs und bedeutet: Kunst der Beurteilung. In den Geisteswissenschaften, voran der Philosophie, ist Kritik die Hauptform der Auseinandersetzung und Argumentation, zwecks Prüfung, Beurteilung, Wertung, Infragestellung; das Wort gilt als Synonym für Vernunft und Denken schlechthin. Insofern wirkt ein Buchtitel wie "Lob der Kritik" fast gemeinplätzig. Kritik der Kritik oder Lob der Kritiklosigkeit klänge origineller.

Es geht um ein Buch von Marcia Pally, Untertitel: "Warum die Demokratie auf ihren Kern nicht verzichten kann". Die Autorin lehrt an einer der zahlreichen New Yorker Universitäten. Sie beschäftigt sich mit Kinematographie, und auch ihr Buch greift gern auf die Analysen von Filmen zurück. Ihr Name ist deutschen Lesern nicht ganz unbekannt, gelegentlich äußert sie sich in hiesigen Blättern. Sie scheint des Deutschen mächtig. Aktuelle Kontroversen, wie die zwischen Sloterdijk und Habermas, sind ihr geläufig. Wiederholt zitiert sie aus deutschen Feuilletons.

Sie gehört zu den vorwiegend an Amerikas Ostküste lebenden linksliberalen Intellektuellen, die sich derzeitige Administration in Washington heftig widersetzen.

"Die von Bush-Administration und ihren Anhängern in der Öl- und Rüstungsindustrie im Afghanistankrieg verfolgten Ziele sind keineswegs konfus, sondern eindeutig von Eigennutz geprägt. Ihre finanziellen Ziele sind ebenso offenkundig wie die "Rekordzahl ehemaliger Firmenmanager in hohen Regierungspositionen", von der die New York Times gesprochen hat. Die beiden für Navy und Army zuständigen Staatssekretäre hatten vorher hohe Posten in der Rüstungsindustrie inne, und nach ihrem Amtsantritt stiegen die Aktien von Rüstungsunternehmen deutlich, da Analysten weit höhere Gewinne bei Staatsaufträgen voraussahen, als bei vorangegangenen Regierungen üblich. Und das, obwohl die berufliche Erfahrung des für die Army zuständigen Staatssekretärs Thomas White sich auf die Leitung einer betrügerischen Enron-Tochter (...) beschränkte, die ihre Verluste durch Buchungstricks verborgen hatte."

Solche Einwände hat man auch in Europa oft geäußert. An ihrer Triftigkeit besteht kein Zweifel. Mittlerweile gibt es neokonservative Ideologen, die der Bush-Administration die intelligentesten Rechtfertigungen verschaffen, genannt sei der Politologe Robert Kagan. Überhaupt ist der Neokonservatismus in den USA derzeit auf dem Vormarsch, wie die Popularitätswerte für George W. Bush beweisen und die Zustimmung für seine militante Außenpolitik. Die alternative Meinung von Linksliberalen ist dazu das dringend notwendige Korrektiv, und insofern haben Marcia Pallys Meinungen ihren Platz, nicht anders als die von Susan Sontag und Norman Mailer.

Der erste Teil ihres Buches unternimmt einen ausgedehnten Ausflug in die Philosophiegeschichte. Es geht um die Ursprünge des kritischen Denkens, um dessen Entwicklung und dessen Widerstände. Da die Autorin dem angelsächsischen Kulturkreis entstammt, kommen Hobbes, Locke und Hume häufiger vor als Montaigne, Descartes und Kant. Freilich haben auch die ihren Auftritt. Überhaupt erweist sich Frau Pally von imponierender Belesenheit, sie kennt sich bei den Scholastiker ebenso aus wie bei den Poststrukturalisten, von den Mode-Philosophen der unmittelbaren Gegenwart fehlen lediglich zwei: Baudrillard und Luhmann.

Blick man genauer hin, trübt sich das Bild.

"Im Jahr 1771 traf sich Goethe mit seinem Freund Herder in Straßburg das damals eine französische Provinzhauptstadt war. Während seines Aufenthalts in der Stadt besichtigte Goethe das Straßburger Münster. Dieses Erlebnis regte ich zu dem Essay 'Von deutscher Baukunst' (1772) an, in dem er die 'charakteristische Kunst' beziehungsweise die wahre deutsche Kunst beschreibt. Er wollte unbedingt das wahre Deutsche definieren und retten, entweder weil er befürchtete, die Franzosen würden bald das teutonische Erbe Straßburgs verwässern, oder weil ihm entging, dass die Franzosen, die schon seit geraumer Zeit in Straßburg waren, dies nicht getan hatten. Die deutsche Kultur gedieh unter französischer Herrschaft bestens. Jedenfalls entsprach Goethes Verteidigung des teutonischen Partikularismus nicht den universalistischen Philosophien der Zeit, aber dieser Sonderweg störte ihn genauso wenig wie dann 1808, als Deutschland auf den Volksgeist-Nationalismus umschwenkte und Goethe im Gegensatz dazu auf einen größeren Universalismus."

An dieser Auslassung ist mehreres ungenau. Goethe hat den älteren Herder in Straßburg überhaupt erst kennen gelernt. Er hat ihn zunächst einmal als seinen Mentor betrachtet. Der Aufsatz "Von deutscher Baukunst" transportiert einen grandiosen Irrtum, indem er den urfranzösischen Stil der Gotik als urdeutsche Erfindung anpreist. Des jungen Goethe Plädoyer für das Deutschtum hat indessen nichts mit der Abwehr einer Tat eine rein deutsche Hochschule; die kulturelle Gleichschaltung des Elsass wie anderer bis dahin kulturell autonomer Regionen Frankreichs erfolgte erst mit der Großen Revolution. Der junge Goethe hat den deutschen Partikularismus, jenes unglückselige Resultat des Dreißigjährigen Krieges, nicht verteidigt. Es ging ihm um die Herstellung der deutschen Nation durch die Kunst, was eine gemeinsame Utopie der deutschen Frühklassik sei Gotthold Ephraim Lessing war.

Derlei Ungenauigkeiten gibt es etliche. Sie tun dem Buch nicht gut. Marcia Pally will sagen, dass kritische Denken eine Form der Individuation ist und damit einen Gegensatz herstellt zum unreflektierten Glauben, wie ihn zumal die Katholische Kirche des Mittelalters vertrag, weshalb kritisches Denken zugleich Emanzipation bedeutet. Eine bestimmt Form der Emanzipationen hat es Marcia Pally zumal angetan: die weibliche. Die Entwicklung des Feminismus seit Olympe de Gouges bedenkt sie eingehend. Die Selbstbefreiungsbestrebungen anderer Benachteiligter, der Proletariern oder der Homosexuellen, kommen weniger oder gar nicht vor.

Marcia Pally lässt das kritische Denken der Moderne, nach Ansätzen bei Thomas von Aquin und Duns Scotus (der dies betreffend ergiebige Abélard kommt nicht vor), mit den Naturforschern der italienischen Renaissance beginnen, voran mit Galileo, und deren Rezeption durch englische Denker. Auch die französische Aufklärung sieht sie, völlig korrekt, im Gefolge der englischen. Ein sonderbares Misstrauen hegt sie gegenhistorische Rückgriffe. Ganz offenbar sieht sie darin ein vor allem romantischen Erbteil, was nicht ganz falsch und nicht ganz richtig ist, da es sowohl eine romantische Geschichtsbetrachtung gibt wie eine aufgeklärte. Auch die fundamentalen Unterschiede zwischen der deutschen Romantik und dem europäischen Romantismus finden bei ihr nicht statt. Geschichtliche Rückbesinnung belegt sie mit dem von Freud entlehnten Begriff des Fetischismus, womit eine antirationale Tendenz behauptet wird, die, in Deutschland zu bleiben, für Treitschke und Nolte zutreffen mag, für Ranke und die mehreren Mommsens keinesfalls.

Das Buch widmet sich in einem zweiten und umfangreichen Teil dann der Gegenwart. Dinge wie Genmanipulation und Stammzellenforschung werden erörtert samt den möglichen Haltungen dafür und dagegen. Hier verweigert die Autorin eine eindeutige Stellungnahme. Immerhin deutet sie an, dass Forschungsverbote Denkverbote sind und Denkverbote im Gegensatz zum kritischen Denken stehen. Dass es bei den erwähnten Forschungen nicht so sehr um Denken, sondern um Ethik geht, sieht sie immerhin auch. Dass der Sündenfall der modernen naturwissenschaftlichen Empirie spätestens einsetzt mit der Nuklearforschung und dem Bau der Atombombe, sagt sie nicht. Der Name Oppenheimer kommt nicht vor. Die Vernachlässigung des ethischen Standpunktes gehört zu den offenbaren Schwächen des Buchs. Eine andere ist seine unübersichtliche Struktur, die einer inhaltlichen Unorganisiertheit entspricht.

Die Hauptaussage lautet so:

"Kritisches Denken ist kein moralisches Prinzip, sondern eine Methode, die unabhängiges Forschen und Selbstbestimmung fördert, aber auch unerlässlich dafür ist. Wenn es sich um ein moralisches Prinzip handelte, gehörte es in dieselbe Kategorie wie alle Absolutheitsansprüche, zum Beispiel der Gehorsam gegenüber diesem oder jenem Gott, und provozierte daher die Frage, warum dieses Prinzip besser, wahrer oder verbindlicher sein soll als ein anderes. (...) Die Moderne ist ein Ansatz, der überkommene Wahrheiten nicht mit Feindseligkeit, sondern mit Skepsis betrachtet, wie er auch neue Ideen mit Skepsis bedenkt. Alle Quellen können kritisch betrachtet, verglichen, in Frage gestellt und akzeptiert oder verworfen werden, auch neue Ideen und solche über das kritische Denken, das gleichfalls offen für jede Form von Überprüfung ist."

Dass Diskurs und Denken Grundelemente der Demokratie sind, während Mystik, Glauben und Irrationalismus ihr eher zuwiderlaufen, ist eine Binsenweisheit. Marcia Pally:

"Über die Vor- und Nachteile der Demokratie wird man auch weiterhin diskutieren, sowohl hinsichtlich der Prinzipien als auch ihrer unvollkommenen Anwendung. Solange daran ein gewisses Interesse besteht, wird auch kritisches Denken als Voraussetzung für Demokratie interessant bleiben. Und soweit es das kritische Denken betrifft, gilt das auch für die Notwendigkeit, es angesichts der Ängste und des Ungleichgewichts im loslösungsfähigen und eingebundenen Selbst zu fördern."

Das ist alles völlig richtig. Es ist so richtig, dass es selbstverständlich ist. Es ist so selbstverständlich, dass man sich fragen darf, wieso 320 Buchseiten damit gefüllt werden müssen.
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